Mädchen in Straflagern

von Christian Böhme21.08.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Das System zeigt Härte: Wer den heiligen Staatschef Putin beleidigt, wird weggeschlossen. Der Prozess gegen die Künstlerinnen von Pussy Riot könnte sich als Fanal für das Regime erweisen.

Sie heißen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch. Sie machen Punkmusik, nennen sich Pussy Riot und sind als Aktionskünstlerinnen bekannt geworden. Und sie werden die nächsten zwei Jahre in einem russischen Straflager verbringen. Denn nach Auffassung eines Moskauer Bezirksgerichts sind die drei jungen Frauen des Rowdytums schuldig. Aus „religiösem Hass“ sollen sie in einer Kirche den Patriarchen beleidigt und Wladimir Putin geschmäht haben. So wie Russland derzeit verfasst ist, bedeutet das im Klartext: Pussy Riot sind in einem Schauprozess verurteilt worden, weil sie es gewagt hatten, öffentlich Kritik am heiligen Staatschef zu üben. Das ist deutlich verwerflicher als profane Gotteslästerung. Also, ab in den Knast!

Machterhalt – um jeden Preis

Klar, die Künstlerinnen wussten, dass ihre Aktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche die Behörden provozieren musste. Schließlich baten sie Anfang März, kurz vor den Pseudo-Präsidentschaftswahlen, die Muttergottes, Putin zu vertreiben. Und ein derartiges Sakrileg lässt sich Zar Wladimir bekanntermaßen nicht bieten. Es muss gesühnt werden, am besten öffentlichkeitswirksam – als Abschreckung für weitere potenzielle Übeltäter. So wirft der Prozess ein bezeichnendes Schlaglicht auf das System Putin: Es hat mit „lupenreiner“ Demokratie, mit Rechtsstaatlichkeit wenig bis gar nichts gemein. Dafür umso mehr mit Willkür, Zensur, Korruption, Unterdrückung und Machterhalt – um jeden Preis. Russland im Jahr 2012 hat zudem etwas Paranoides, ja sowjetisch Totalitäres. Der Kreml sieht sich nämlich umzingelt. Überall lauern Feinde, deren Ziel der Sturz der Herrschenden ist. Und so werden harmlose NGOs als „ausländische Agenten“ gebrandmarkt, müssen Demonstranten hohe Geld-, wenn nicht gar Haftstrafen fürchten. Wohnungen werden durchsucht, Oppositionelle massiv drangsaliert. Das autoritäre Regime versucht mit diesen Zwangsmitteln, seine Macht zu erhalten. Denn die ist brüchig, ungeachtet aller Repressionen. Und der Fall „Pussy Riot“ macht das deutlich. Denn wie selten zuvor wurde in Russland über die Performance-Aktion der Musikerinnen gestritten. Mit kontroverser Leidenschaft. Die einen sahen die Grundfesten des Staats erschüttert, ereiferten sich über die „blasphemischen“ Worte und drängten auf eine Verurteilung. Die anderen verteidigten den Auftritt der Aktivistinnen als Recht auf freie Meinungsäußerung und sprachen die Angeklagten schon im Vorhinein frei.

Einer Zeitbombe gleich

Und wie selten zuvor solidarisierten sich viele Menschen mit den Frauen, empörten sich gleichermaßen über eine erbarmungslose Politik wie über eine willfährige Justiz. Auch unabhängige Medien ergriffen für die Musikerinnen Partei und rügten die Form des Verfahrens. Putin und seine Gesellen werden solche Unmutsäußerungen als Affront werten. Und als unübersehbares Signal, dass ihr Herrschaftsanspruch inzwischen massiv hinterfragt wird. Insofern könnte sich der Prozess gegen Pussy Riot über kurz oder lang als Fanal für das Regime erweisen. Einer Zeitbombe gleich, die das System implodieren, vielleicht sogar explodieren lässt. Wie formulierte die Angeklagte Maria Alechina so treffend in ihrem Schlusswort vor Gericht? Russland als Staat erinnere sie schon lange an einen durch und durch kranken Organismus. Die Frage ist nur: Besiegt das Regime die Krankheit durch Reformen, die diesen Namen verdienen? Oder zeigt es sich hartleibig ignorant und wird von der Krankheit dahingerafft? Vieles spricht derzeit für letztere Variante.

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