Die Gabriel-Sommerspiele

von Christian Böhme14.08.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Eigentlich ist der SPD-Chef in der Babypause. Die wirkt aber immer mehr wie eine plumpe PR-Veranstaltung.

An ihm kommt derzeit keiner vorbei. Fernsehen, Radio, Zeitung, Twitter oder Facebook – Sigmar Gabriel ist allgegenwĂ€rtig. Da wird geredet und gesendet, was die Medien hergeben. Das Thema? Egal! Hauptsache, er kann aller Welt seine Sicht der politischen Dinge kundtun. Und das möglichst lautstark. Peng, Puff, Knall. Erst jĂŒngst hat der Obergenosse es mal wieder richtig krachen lassen. “Die Schweizer Banken wĂŒrden „bandenmĂ€ĂŸig“ Steuerhinterziehung betreiben.”:http://www.theeuropean.de/richard-schuetze/11768-banken-kritik-von-der-spd Das sei im Prinzip nichts anderes als organisierte KriminalitĂ€t. Ein paar Tage zuvor waren die Reichen dran. Die mĂŒssten in Form höherer Steuern endlich zur Kasse gebeten werden. Schließlich mangele es den Vermögenden dieses Landes an „sozialem Patriotismus“.

Sigmar, der Alleinunterhalter

Ebenfalls auf dem Programm der diesjĂ€hrigen Gabriel-Sommerspiele: der Euro, die gemeinsame Haftung fĂŒr Schulden auf EU-Ebene und eine Volksabstimmung ĂŒber Europas Zukunft. Bitte Applaus fĂŒr Sigmar Gabriel, den Alleinunterhalter, den wahren und einzigen Alleswisser. Und Alleskönner muss man wohl gerechterweise hinzufĂŒgen. Denn der WortfĂŒhrer der deutschen Sozialdemokratie hat dem politischen Berlin eigentlich den breiten RĂŒcken gekehrt. Offiziellen Angaben zufolge macht der 52-JĂ€hrige derzeit eine Babypause. Drei Monate lang, von Juli bis September, kĂŒmmere er sich „im Wesentlichen“ um das im FrĂŒhjahr geborene Töchterchen Marie. Und das in Magdeburg, wo seine Frau als ZahnĂ€rztin arbeitet. Also tĂ€glich fĂŒttern, Windeln wechseln und den Buggy durch die Gegend schieben statt Pressekonferenzen einberufen, Reden halten und ĂŒber die Kanzlerin schimpfen. Unsereins wĂŒrde das ein zumindest politikfernes Leben nennen. Schließlich soll Elternzeit eine Auszeit vom tĂ€glichen GeschĂ€ft sein. Doch Sigmar Gabriel sieht das offenbar anders. Er hat das Kinderzimmer in einer Altbauwohnung vorĂŒbergehend zur SPD-Zentrale erklĂ€rt. Von dort leitet der Vorsitzende im schwarzen Polohemd Kaffee trinkend die mĂŒhevolle Oppositionsarbeit. Und das bedeutet nun mal, pausenlos auf Sendung zu sein, um sich Gehör zu verschaffen. NatĂŒrlich darf Marie dabei nicht zu kurz kommen. Doch fĂŒr einen echten Sozialdemokraten stellt diese Herausforderung kein ernsthaftes Problem dar. Offenbar ist der Mann das, was andere MĂ€nner gerne wĂ€ren: multitaskingfĂ€hig. Nun mag man es bewundern, wenn einer in Fernsehkameras schauen und gleichzeitig sicher mit dem Schnuller hantieren kann. Man darf aber gleichwohl beklagen, dass sich gerade Politiker-GrĂ¶ĂŸen wie Sigmar Gabriel fĂŒr unentbehrlich, unabkömmlich und unersetzlich halten. Sie können anscheinend einfach nicht loslassen, “mĂŒssen immer mittendrin sein statt endlich mal nur daheim.”:http://www.sueddeutsche.de/politik/sigmar-gabriels-babypause-mittendrin-statt-nur-daheim-1.1435110 Dabei hatte der SPD-Chef zu Beginn seiner Elternzeit (die inzwischen wohlweislich in einen Jahresurlaub umdeklariert wurde) noch vollmundig erklĂ€rt, er finde die Pause „einfach klasse“, genieße es, morgens aufzuwachen und keinen Termin vor sich zu haben, den Tag im „ruhigen Takt meiner Tochter zu erleben“. Schöne Worte. Allein, wer kann ihnen Glauben schenken, wenn Vater Sigmar Schlagzeile um Schlagzeile produziert? Gabriel wĂŒrde wohl antworten: Niemand, der kleine Kinder hat, sitzt still vor dem Babybett und denkt an nichts anderes als ans nĂ€chste Windelwechseln. Das stimmt zwar. Dennoch ist eine derartige OmniprĂ€senz kein gesellschaftliches Ruhmesblatt fĂŒr den Chef einer Partei, die gerne als Vertreterin einer modernen Familienpolitik wahrgenommen werden möchte. Denn dazu gehört eben auch, dass ein mĂ€nnlicher Spitzengenosse das „Leitbild einer partnerschaftlichen Familie“ öffentlich wirksam vorleben sollte. Gabriels Babypause wirkt dagegen wie ein plumpes PR-Manöver, eine leicht durchschaubare Showveranstaltung, die sich beim WĂ€hler um eine gute Einschaltquote bemĂŒht. Dies allerdings ziemlich erfolglos. Aber womöglich muss man Gabriel ein wenig in Schutz nehmen. Politikbetrieb und Mediengesellschaft lassen heutzutage keine echten Erholungspausen mehr zu. Das gilt selbst fĂŒr die vermeintlich ruhigen Sommermonate. Das Hauen und Stechen geht ohne Unterlass weiter. Ebenso wie der hitzige, ĂŒberhitzte Kampf um Posten und Einfluss. “SPD-GeneralsekretĂ€rin Andrea Nahles”:http://www.theeuropean.de/andrea-nahles/11312-die-spd-in-der-oppostion weiß davon ein bestĂŒrzendes Lied zu singen. Nur zwei Monate zog sie sich nach der Geburt ihres Kindes aus dem TagesgeschĂ€ft zurĂŒck. Mehr sei nicht möglich gewesen. Denn im Falle einer lĂ€ngeren Auszeit hĂ€tte sie um ihren Job fĂŒrchten mĂŒssen. Arme Andrea Nahles, arme Politik, armes Deutschland.

Hauptsache, niemand kommt an ihm vorbei

Ob Sigmar Gabriel ebenfalls um seinen Job bangt, wenn er einige Zeit den Betrieb einfach mal Betrieb sein lĂ€sst? So weit wird es bei ihm vermutlich nicht kommen. Aber vielleicht will er ja mehr – zum Beispiel die Kanzlerkandidatur – und wirft sich deshalb trotz „Babypause“ derart offensiv ins Zeug. “Die K-Frage steht im Herbst zur Entscheidung an.”:http://www.theeuropean.de/sebastian-pfeffer/11170-die-kopflosigkeit-der-opposition Da kann es schon hilfreich sein, rechtzeitig das Terrain abzustecken. Den Herren SteinbrĂŒck und Steinmeier deutlich zu machen, dass der ehrgeizige Parteivorsitzende gedenkt, ein gewichtiges Wort mitzureden. Schließlich bringen die Konkurrenten bereits ihre Gefolgsleute in Stellung. In einer fĂŒr die eigene Karriere derart brenzligen Situation gibt es folglich kein Vertun. Also wird geredet und gesendet. Hauptsache, niemand kommt an Gabriel vorbei. Schnuller hin, Sabberlatz her.

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