Ich halte die Polen-Fokussierung für einen Fehler. Erika Steinbach

Die arroganten Herren der Ringe

Viele Sportler sind gedopt, die Veranstalter sind arrogant und es geht bei Olympia vor allem um Kommerz und Korruption. Dennoch gibt es Gründe, die Spiele auf naive Weise zu mögen.

Olympia lag noch in weiter Ferne, da habe ich mich bereits das erste Mal so richtig geärgert. Weniger über die Spiele in London an sich als vielmehr über Ängstlichkeit, Arroganz und Herzlosigkeit der Herren der Ringe.

Denn das IOC um ihren Präsidenten Jacques Rogge weigerte sich hartnäckig, während der Eröffnungsfeier mit einer Schweigeminute der Opfer der Spiele in München 1972 zu gedenken. Damals, am 5. September, waren elf Mitglieder der israelischen Mannschaft von einem palästinensischen Killerkommando kaltblütig ermordet worden. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Vorstöße, an dieses Massaker zu erinnern – symbolträchtig zu Beginn von Olympischen Spielen. Doch alles Bitten und Drängen nutzte nichts. Das IOC schaltet bis heute auf stur. Weil die Organisation, der Verdacht drängt sich einfach auf, den Protest der arabischen Staaten fürchtet. Feiger Kleinmut, gepaart mit fehlender Empathie für die Opfer von damals und latenten Ressentiments gegenüber den Juden und ihrem Staat – ein Skandal.

Die Spiele haben ihre Unschuld verloren

Das passt zu Olympia. Denn die Spiele haben längst ihre Unschuld verloren, die zivilisatorische, Völker verbindende Botschaft verhallt stets ungehört. Nur noch eine bloße Hülle, jeden Inhalts und jeder Werte beraubt. Heute geht es allein ums Geschäft. Der Sport dient nur noch als Staffage, als schmückendes Beiwerk für Kommerz und Korruption. Ehrlichkeit oder Engagement stören da nur. Und die Politik kocht ohnehin ihr eigenes Süppchen, das sie gerne mit einer Riesenportion Rücksichtslosigkeit würzt.

Überhaupt: Von der viel beschworenen Friedfertigkeit ist die Welt auch während der knapp dreiwöchigen Wettkämpfe in London Lichtjahre entfernt. In Syrien tobt ein blutiger Bürgerkrieg, in dem Machthaber Assad offenbar vor keiner Grausamkeit zurückschreckt. Im Irak sind erst vor Kurzem mehr als 100 Menschen bei einem Anschlag ums Leben gekommen. In Afghanistan herrschen ebenfalls Gewalt und Terror. Von den vielen anderen Krisenherden einmal ganz abgesehen.

Nirgendwo schweigen die Waffen, weil Athleten aus aller Welt für eine bestimmte Zeit ihre Kräfte messen. Und wenn die UNO kurz vor Beginn der diesjährigen Spiele eine Resolution mit dem wohlfeilen Titel „Building a peaceful and better world through sport and the Olympic ideal“ verabschiedet, so zeugt das vor allem von Naivität, wenn nicht gar Zynismus. By the way: Olympia war noch nie besser bewacht als in London. Zigtausende Polizisten, Soldaten und private Sicherheitsleute sind im Einsatz. Die britische Hauptstadt – ein Aufmarschgebiet. Freundliche und friedliche Spiele sehen gewiss anders aus. Der olympische Geist, des anhaltenden und vielfältigen Missbrauchs überdrüssig, hat sich verflüchtigt.

Das gilt auch für den Sport. Früher setzten Frauen und Männer noch auf Talent, Geschick und naturgegebene, zumindest auf natürliche Art antrainierte Muskelkraft. Heute geht es oftmals allein darum, beim Doping nicht erwischt zu werden. Auf der Jagd nach Medaillen ist keine Methode abartig genug, um nicht angewendet zu werden. Die Gier nach Erfolg ist inzwischen so groß, dass selbst Blut und Gene manipuliert werden. Der einst edle Wettstreit ist der Effizienz der Ärzte, der Skrupellosigkeit der Funktionäre und dem Ehrgeiz der Sportler zum Opfer gefallen. Schneller, höher, weiter – unter diesen Voraussetzungen ein perverser Aufruf zur Grenzüberschreitung.

Miteinander trotz Egoismen

Alle diese Vorwürfe, mit denen die Spiele regelmäßig konfrontiert werden, sind mehr als berechtigt. Dennoch fällt es mir schwer, Olympia in Bausch und Bogen zu verdammen. Denn die Wettkämpfe stehen trotz aller Egoismen, trotz allen Gegeneinanders auch für ein kameradschaftliches Miteinander. Der Verlierer wird getröstet, dem Sieger gratuliert. Man lernt, mit Niederlagen umzugehen und die Leistung der Gegner anzuerkennen. Das kann den Charakter prägen. Das größte Sportfest der Welt ist nun einmal – zumindest für kurze Zeit – ein Ort der Begegnung, der Gespräche, der gemeinsamen Erfahrungen. Achtung und gegenseitiger Respekt spielen ebenso eine Rolle wie Fair Play. Ginge es überall auf Erden so zu, wäre schon eine Menge erreicht.

Dazu jedoch wird es wahrscheinlich nie kommen. Die olympische Welt bleibt folglich ein ziemlich ernüchterndes Spiegelbild der realen: Das Gute steht neben dem Bösen, Kommerz trifft auf Können, Feindschaft auf Freundschaft. Ja, man darf Olympia mit Fug und Recht verdammen. Aber auch in vielleicht naiv anmutender Weise mögen. Macht gerade das den Reiz der Mega-Veranstaltung aus? Pierre de Coubertin, Initiator der ersten Spiele der Neuzeit, würde das sicherlich bejahen. Denn es käme seiner idealistischen Vorstellung entgegen:

„Das Wichtigste (…) ist nicht der Sieg, sondern die Teilnahme, wie auch das Wichtigste im Leben nicht der Sieg, sondern das Streben nach einem Ziel ist. Das Wichtigste ist nicht, erobert zu haben, sondern gut gekämpft zu haben.“

Wahre Worte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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