Der spanische Patient

Christian Böhme12.06.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ein Land vor dem Abgrund: trotz der 100 Milliarden EU-Finanzspritze steht ganz Spanien mit dem Rücken zur Wand.

Spanien ist krank. Schwer krank. Der Zustand des Patienten sei sehr ernst, sagen Europas Ärzte, “wenn nicht sogar dramatisch”:http://theeuropean.de/alexander-wallasch/11345-wofgang-muenchau-und-joschka-firscher-ueber-das-ende-des-euro. Das Land ist ausgezehrt, es hängt am Tropf. Anfangs hat Spanien noch auf Selbstheilung gesetzt. Doch das war kaum mehr als substanzloses Wunschdenken. Allzu sehr hat die Wirtschaftskrise das Immunsystem geschwächt, das Vertrauen in die eigene Kraft beschädigt. “Nun geht es nicht mehr ohne hoch dosierte Medikamente”:http://theeuropean.de/richard-schuetze/11355-mit-kleinen-schritten-gegen-die-europaeischen-probleme. Sie sollen Schutz bieten und Mut machen. Bis zu 100 Milliarden Euro werden für das Regenerationsprogramm ausgegeben. Erst sollen die Banken gesunden, dann das ganze Land. Klar ist allerdings schon heute: Spanien wird auf absehbare Zeit Europas kranker, dringend hilfsbedürftiger Mann bleiben.

Die Finanzspritze ändert nichts an der Arbeitslosigkeit

Auch Ministerpräsident Mariano Rajoy weiß das und bereitet sowohl seine Bürger als auch die Euro-Zone auf weiteres Ungemach vor. Die Rezession wird sich fortsetzen, die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr vermutlich nochmals steigen. Schon heute ist fast jeder vierte Spanier ohne Job. An dieser fatalen Entwicklung kann auch die riesige Finanzspritze wenig ändern. Der Staat bekommt auf den internationalen Finanzmärkten kein Geld zu akzeptablen Konditionen, und die Bürger sind weder in der Lage, die Kredite für ihre Eigentumswohnungen – die sie längst wieder aufgeben mussten – zu bedienen noch Steuern zu zahlen. Das wiederum geht zulasten der ohnehin klammen staatlichen und kommunalen Kassen. Sie sind so leer wie zahlreiche Geschäfte in Madrid oder Sevilla. Die Menschen haben einfach kein Geld, um dem Konsum zu frönen. Der Konjunktur der viertgrößten Volkswirtschaft im Euro-Land bekommt das ziemlich schlecht. Spaniens Not ist inzwischen sehr real und augenfällig: Obdachlose, die in Schlafsäcken auf der Straße liegen. Menschen, die in Müllresten nach Essbarem suchen. Kirchliche Suppenküchen, die den Bedarf kaum noch decken können.

Jeder ist vom Sparkurs betroffen

Keine Frage: Der dringend notwendige Sparkurs der Regierung fordert Opfer. Viele Opfer. Denn jeder Bereich ist von einschneidenden Kürzungen betroffen. Gesundheit, Bildung, öffentliche Investitionen, überall geht’s ans Eingemachte. Und meistens bleiben die Betroffenen weitgehend unsichtbar. Sie leben nämlich inzwischen wieder bei Mama und Papa, weil sie die Hypotheken für die eigenen vier Wände nicht mehr bezahlen können. Einige Zehntausend Menschen wurden 2011 von Banken aus ihrer Wohnung geklagt. Doch die Familien bieten immer seltener sozialen, geschweige denn ökonomischen Halt. Das Gros muss inzwischen jeden einzelnen Euro drei Mal umdrehen. Das alles wäre an sich schon schlimm genug. Doch die bedrohliche Lage des spanischen Patienten wird noch durch eine andere Krankheit verschärft: die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Sie hat vor allem junge Leute befallen. Der Grund ist so einfach wie dramatisch – jeder Zweite der 15- bis 25-Jährigen findet keinen Job. Trotz guter Ausbildung sind Millionen ohne Arbeit. Daran, das ist allen klar, wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Woher sollen die Stellen auch kommen? So werden aus Zweifelnden Verzweifelte. Spaniens Jugend, eine verlorene Generation ohne nennenswerte Zukunft. Das hat Folgen. Immer mehr junge Spanier, eigentlich das Rückgrat der gesellschaftlichen Mitte, suchen ihr Heil in der Flucht vor den prekären Verhältnissen. Die „jóvenes“ zieht es in die Ferne, und Deutschland gilt ihnen als attraktiver Zufluchtsort. Aber selbst hier erfüllen sich die Wünsche der Pedros und Marias nur sehr selten – auch wenn ihnen das Angela Merkel vor einiger Zeit fälschlicherweise in Aussicht gestellt hat. Deutschland braucht Facharbeiter, keine Akademiker. Für die Spanier ist das eine bittere Erfahrung. Doch in der Heimat, davon sind fast alle überzeugt, ist die Situation ungleich schlimmer.

Die meisten Spanier haben resigniert

Das werden die Zurückgebliebenen bestätigen können. Die meisten haben inzwischen resigniert, sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Während die Eltern sich oftmals noch ein Auto, Reisen und eine Wohnung leisten konnten, bleibt diese Art Luxus für die „Krisenkinder“ wohl ein Traum. Dennoch gibt es nur selten große Proteste oder Ausschreitungen. Die jungen Menschen demonstrieren friedlich für eine bessere Zukunft. Noch, warnen Beobachter. Denn der berühmte Funke könne ausreichen, um die Emotionen explodieren zu lassen. Insofern tun die Mitglieder der Euro-Zone gut daran, dem spanischen Patienten möglichst rasch wieder auf die Beine zu helfen. Zig Milliarden für die Banken sind zwar beileibe keine Garantie auf Genesung, aber sie beruhigen die Nerven. Auch die der übermächtigen, zuweilen hektisch-hysterischen Märkte. Schließlich ist Gesundheit nicht zuletzt Kopfsache. Da macht das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes keine Ausnahme. Sicher scheint jedenfalls: “Einen Dauerpatienten namens Spanien kann sich niemand leisten”:http://theeuropean.de/alexandre-kateb/11216-eu-streit-um-fiskalpolitik. Einen, der keine Jugend und damit keine Zukunft hat, erst recht nicht.

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