Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott sich darum kümmert. Martin Luther King

Hurra, wir kapitulieren endlich

Die NATO möchte so schnell wie möglich raus aus Afghanistan – dieser Wankelmut ist jedoch ein fatales Signal.

Afghanistan. Das Wort allein reicht schon aus, um Trübsal zu blasen. Nichts ist gut dort, möchte man im ersten Anflug der Gefühle mit der ehemaligen Bischöfin und Pazifismus-Predigerin Margot Käßmann ausrufen. Tausende Tote hat der Krieg am Hindukusch gefordert. Nato-Soldaten, aber eben auch zahllose afghanische Frauen, Kinder und Männer sind in den vergangenen elf Jahren ums Leben gekommen. Zivilisten, Unschuldige, Leidtragende, die nichts weiter wollten, als in Frieden zu leben. Ganz abgesehen davon, dass der Militäreinsatz schon zig Milliarden Dollar gekostet hat. Und täglich kommen ein paar Millionen dazu.

Armutszeugnis für die Allianz

Wofür der ganze Aufwand? Kein Mensch wird heute ernsthaft behaupten können, dieser Krieg sei erfolgreich gewesen. Die Taliban sind auf dem Vormarsch, die fremden Soldaten als gottlose Besatzer verschrien, jeden Tag geht irgendwo eine Bombe hoch. Also nichts wie raus aus Afghanistan! Am besten gestern, spätestens heute. Schließlich bröckelt die Heimatfront schon seit geraumer Zeit beträchtlich. In allen Ländern, die Truppen stellen, lässt sich die Stimmung in einem Satz zusammenfassen: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner will mehr hin. Abzug 2014? Viel zu spät!
So denkt auch der neue französische Staatschef. François Hollande will einen Großteil seiner Soldaten noch in diesem Jahr nach Hause holen. Das ließ er die etwas griesgrämig dreinblickenden NATO-Kollegen beim Gipfel in Chicago erneut wissen – obwohl die Organisation vereinbart hat, erst in zwei Jahren die Wüstenzelte abzubrechen. Und zwar einträchtig Arm in Arm. Gemeinsam reingehen, gemeinsam rausgehen, wie es sich für ein Bündnis gehört. Doch daraus, das ist allen Beschwörungsformeln zum Trotz längst klar, wird mit Sicherheit nichts. Denn inzwischen gibt es einen regelrechten Abzugswettlauf, der nur ein Motto kennt: Hurra, wir kapitulieren endlich! Das mörderische Abenteuer muss ein sofortiges Ende haben!

Eine derartige Einstellung mag mit Blick auf die frustrierenden Gegebenheiten mehr als gerechtfertigt erscheinen. Dennoch ist das überhastete, womöglich unkoordiniert chaotische Ende der Mission ein weiteres Armutszeugnis für die westliche Allianz. Da ist zum einen die banale Tatsache, dass offenbar jedes NATO-Mitglied tun und lassen kann, was es will. Außenpolitische Erfordernisse werden je nach Bedarf auf dem Altar innenpolitischer Befindlichkeiten geopfert. Um übergeordnete Bündnisinteressen und -ziele braucht sich keiner weiter zu scheren. Hauptsache, man macht vor dem Wähler eine vermeintlich gute Figur.

Zum anderen ist der Turbo-Rückzug das offenkundige Eingeständnis einer verheerenden militärischen und politischen Niederlage. Was hat man den Afghanen im Namen des Kriegs gegen den Terror nicht alles versprochen: den Wiederaufbau ihres zerstörten Landes, stabile Verhältnisse, das Ende der (islamistischen) Diktatur, etwas mehr Demokratie, Freiheit statt Unterdrückung. Ein bisschen Frieden also, immerhin. Doch nur wenig davon ist erreicht worden. Im Gegenteil. Mittlerweile schlägt das Pendel wieder zurück. Von Sicherheit kann ebenso wenig die Rede sein wie von Menschenrechten, Gleichberechtigung oder Bildungschancen für alle.

Moralischer Verrat

Stattdessen herrschen in weiten Teilen Afghanistans wieder die Taliban, also Furcht und Schrecken. Der Westen gibt somit das Land denjenigen Extremisten preis, die man einstmals als das schlechthin Böse bekämpfte. Eine bittere Enttäuschung für die vielen geschundenen Menschen, die auf bessere Zeiten hofften. Alle Glaubwürdigkeit der abendländischen „Wertegemeinschaft“ ist dahin, kläglich gescheitert an den eigenen Ansprüchen – welch eine Schmach. Man kann es auch moralischen Verrat nennen.

Denn der Nichts-wie-weg-Abzug führt jedem fortschrittlich gesinnten Afghanen schmerzhaft vor Augen, dass auf Dauer mit der NATO kein Staat zu machen ist. Klammheimlich schleicht sich das Bündnis schlechten Gewissens aus der Verantwortung. Als ruhmreiche Hinterlassenschaft bleiben ein paar Schulen zurück, in denen künftig allein der Koran gelesen wird, und einige Brunnen, die bald versiegt sein werden.

Afghanistan. Schon in wenigen Jahren wird uns dieses Wort nur noch ein müdes Schulterzucken wert sein. Gesteinigte „Ehebrecherinnen“? Abgehackte Diebeshände? Gehängte „Gotteslästerer“? Triumphierende Taliban? Wen schert’s? Ist doch so weit weg. Und die armen Menschen sind ja zum Glück Schlimmes gewohnt. Hauptsache, der Terror hält sich an die Grenzen dieses schrecklichen Landes, in dem nun mal nichts gut ist. Wir jedenfalls haben unser Flucht-Soll erfüllt, oder?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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