Der Einmischer

von Christian Böhme5.06.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Joachim Gauck hat die ersten Wochen und Monate in Bellevue genutzt. Der kantige Freigeist setzt eigene Akzente und sich dabei auch von seinem Vorgänger ab. Gut so, denn wir brauchen einen Einmischer als Staatsoberhaupt.

Die einen halten ihn für einen Glücksfall. Gauck, der Bürger. Gauck, der Freigeist. Gauck, der Meinungsfreudige. Gauck, der Klarsprecher. Gauck, der Zuhörer. Gauck, der Mensch. Die anderen mäkeln gerne am neuen Bundespräsidenten herum. Gauck, der Vorlaute. Gauck, der Besserwisser. Gauck, der Anmaßende. Gauck, der Unberechenbare. Gauck, der Eigensinnige.

Der Mann bleibt sich treu

Das sind eine ganze Menge Charakterisierungen für einen Einzelnen. Es handelt sich bei Joachim Gauck offenbar um eine multiple Persönlichkeit. Nur auf eines werden sich seine Fürsprecher und Kritiker verständigen können: Der Mann bleibt sich treu, hat Prinzipien. Er will nicht pastoral zu allem Ja und Amen sagen, möchte sein Amt mit Inhalt füllen, die eine oder andere Debatte anregen und damit bei aller Volksnähe dem Volk auch etwas zumuten. Von der politischen Klasse ganz zu schweigen. Seine Wortmacht wird sie noch einige Male zu spüren bekommen. Die Freiheit nimmt er sich. Das ist nicht eben wenig für jemanden, der sich noch in der schwierigen Anfangsphase seines (wenn alles nach Plan läuft) fünfjährigen Wirkens befindet. Für einen, der nach Christian Wulff dem Amt des Bundespräsidenten neue Reputation verschaffen soll. Für den „Nicht-Superman“, von dem unwirklich viel erwartet wird. Dennoch ist es Gauck gelungen, durch Absetzbewegungen erste Akzente zu setzen. Dass er dabei hin und wieder übers Ziel hinausgeschossen ist – geschenkt. Auch ein Gauck darf die Freiheit in Anspruch nehmen, Fehler zu machen. Wenn es denn überhaupt ein Fehler ist, auf die Kraft des offenen, des klaren, des selbstbewusst eigenen Worts zu setzen.

Mit Ecken und Kanten

Das Stromlinienförmige, das Glatte, das Weichgespülte – wer will das schon? Es darf ruhig mal unbequem, ja kantig sein. Und für alle Aufgeregten: Davon ist der Bundespräsident noch ein gutes Stück entfernt. Es ist auch kaum zu erwarten, dass er den herrschenden gesellschaftspolitischen Konsens bewusst verlässt. Aber die Freiheit des unabhängigen Denkens wird sich Gauck mit all seiner Souveränität nicht nehmen lassen – weder von einer Kanzlerin, die ihn nicht haben wollte, noch vom vermeintlichen Mainstream, der ihm huldigt.

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