Der übermütige Ikarus

von Christian Böhme16.05.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Im Grunde war Norbert Röttgens Schicksal schon beim Schließen der Wahllokale am Sonntag besiegelt. So ein Desaster verzeiht keine Partei. Die Kanzlerin ist nun noch einsamer an der Spitze und das könnte für die CDU noch gefährlich werden.

Lange galt er in der Union als politischer Überflieger. Sogar als möglicher Kanzler wurde Norbert Röttgen zeitweise gehandelt. Nun ist Angela Merkels einstiger Musterschüler jäh abgestürzt. Erst der Rücktritt als CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen und nun auch noch das Ende als Bundesumweltminister. Der übermütige Ikarus wollte möglichst hoch hinaus, doch dabei sind ihm die Flügel abhandengekommen. Gescheitert ist der 46-Jährige an den Gegebenheiten – und sich selbst.

Zu viel gewollt

Röttgen wollte immer viel, oft zu viel. Bis zum Schluss. In Nordrhein-Westfalen wurde ihm das endgültig zum politischen Verhängnis. Nur halbherzig zog er in den Wahlkampf, brüskierte dabei sogar die Bürger, die für ihn stimmen sollten. „Bedauerlicherweise entscheiden die Wähler“ – ein verbaler Ausrutscher, der das Zeug zur Legende hat. Ohnehin war man sich zwischen Rhein und Ruhr völlig darüber im Klaren, dass der CDU-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt niemals in Düsseldorf auf der Oppositionsbank Platz nehmen würde. Mit einer riesigen Portion Macht- und Sendungsbewusstsein ausgestattet, schielte Röttgen ständig nach Berlin, wollte im Fall einer Niederlage um jeden Preis auf seinen Posten als Bundesumweltminister zurückkehren. Doch so ist eine Landtagswahl eben nicht zu gewinnen, sondern nur zu verlieren. Für ein derartig dreistes Rumgeeiere gibt’s nämlich folgerichtig nur eine Quittung: Stimmentzug. Einer, der die CDU wie nie zuvor abstürzen ließ. Keine Partei geht nach einem solchen Desaster ungerührt wieder zur Tagesordnung über. Als die Wahllokale am Sonntag geschlossen wurden, war Röttgens Schicksal im Grunde bereits besiegelt. Zumal er selbst in den eigenen Reihen nicht eben viele Freunde hatte. Die Wertschätzung für „Muttis Liebling“ hielt sich doch arg in Grenzen. Der Oberschlaue, der Eigenbrötler, der Besserwisser, der Beratungsresistente – nach Respekt, gar Beliebtheit klingt das kaum. Und Horst Seehofers Watschen per Fernsehinterview haben dieses Naserümpfen öffentlichkeitswirksam gemacht. Doch richtig verheerend für Röttgens Karriere war ein ganz anderer Fehler. Muttis Liebling hat es gewagt, Muttis Euro-Kurs zumindest infrage zu stellen. Das lässt sich weder die Kanzlerin noch die Union gefallen. Übers Sparen wird nun mal nicht weiter diskutiert. Punkt. Bedenken dürfen allenfalls im kleinen Kreis geäußert werden. Basta. Denn allen ist klar: Gibt es erste Zweifel am eingeschlagenen Weg, ist das große Ganze in ernsthafter Gefahr. Und die beim Wähler immer noch beliebte Merkel ist nun mal der Grundpfeiler, auf dem die ganze Regierungsseligkeit beruht. Wer an ihm rüttelt, und sei es nur aus Unachtsamkeit, der bekommt den Zorn aller zu spüren. Norbert Röttgen hätte es wissen müssen. Nach dessen Abgang wird es jetzt noch einsamer um die Kanzlerin werden. Auf weiter Flur ist keiner mehr zu entdecken, der Merkels Führungsanspruch in Zweifel zieht, ihr gar gefährlich werden könnte. Unangefochten steht sie an der Spitze der CDU. All die vielen Konkurrenten – von ihr kaltgestellt und der Vergessenheit preisgegeben. Sie allein als Maß aller Dinge. Wer sonst?

Nichts geht mehr ohne Merkel

Für die Partei mag das zunächst bequem erscheinen und Erfolg versprechen. Mutti macht’s schon, Mutti schafft’s schon. Doch diese Einstellung birgt eine große Gefahr in sich: Die CDU kann eigentlich nicht mehr ohne Merkel. Das Schicksal einer ganzen Volkspartei hängt somit allein an einer Persönlichkeit. Aber selbst Angela Merkels politisch erfolgreiche Zeit wird irgendwann einmal enden. Und dann? Dann muss die CDU wieder lernen, auf eigenen, auf anderen Beinen zu stehen. Schon heute lässt sich erahnen: Das wird eine ziemlich wackelige Angelegenheit.

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