Das Ende der arabischen Despotie

Christian Böhme7.02.2011Politik

Ob die Revolutionen in Tunesien und Ägypten einen Domino-Effekt wie 1989 bewirken, kann niemand vorhersagen. Irritierend ist nur, dass Israel noch immer den arabischen Despoten die Hand reicht, anstatt mithilfe kluger Diplomatie neue Sicherheitsgarantien mit den Nachfolgern von Mubarak und Co. auszuhandeln.

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Die arabische Bevölkerung befreit sich selbst aus Unmündigkeit und Unfreiheit – wer hätte das vor fünf, sechs Wochen für möglich gehalten? Alle sind von den Tagen des Zorns überrascht worden: Politiker, Nahostexperten, Geheimdienste, Medien und all die anderen, die sich berufen fühlen, über die Region Bescheid zu wissen. Eine solche Zeitenwende hat keiner vorausgesehen. Wir erleben einen historischen Umbruch. Und wie er endet, vermag derzeit niemand zu sagen. Zu unübersichtlich die Lage, zu unklar und unterschiedlich die Ziele der Aufständischen von Tunis bis Kairo – sieht man einmal ab von der gemeinsamen Forderung nach Brot, Bildung und Freiheit. Nur eines scheint sicher: Der Herrschaftstypus der arabischen Despotie hat ausgedient. Auch wenn man den Eindruck hat, als säßen Machthaber wie Syriens Assad, Libyens Gaddafi oder Marokkos König Mohammed weiterhin fest im Sattel. Ihre Zeit läuft ab. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber doch schon bald. Und darüber darf ruhig gejubelt werden.

Nichts scheint derzeit unmöglich

Wie geht’s nun weiter mit dem neuen Nahen Osten? Erleben wir noch einmal einen ideologischen Mauerfall à la 1989? Kommt jetzt der unverhoffte demokratische Aufbruch in einer Region, die Meinungs- und Wahlfreiheit allenfalls vom Hörensagen kennt? Oder wiederholt sich 1979, als im Iran die Herrschaft des Schahs durch eine diktatorische Theokratie abgelöst wurde? Nichts scheint derzeit unmöglich. Denn wir haben es mit revolutionären, also umwälzenden Ereignissen zu tun, die politische und soziale Verhältnisse von Grund auf verändern können. Viele sehen dem mit freudiger Erwartung entgegen. Anderen macht die Entwicklung Angst und Bange. Zum Beispiel Israel. Die Aufstände in der arabischen Welt bedeuten sowohl für die Regierung in Jerusalem als auch für die Menschen zwischen Haifa und Eilat einen epochalen, folgenreichen Einschnitt. Und das Ungewisse führt zu Unsicherheit. Anders ist es kaum zu erklären, dass dem Despoten Mubarak allein im Namen der Stabilität so lange und in aller Offenheit die Treue gehalten wird, während die Freiheitsbestrebungen im Nachbarland mit großer Skepsis beäugt werden – obwohl man doch stets und zu Recht voller Stolz auf die eigene Demokratie verweist. Jetzt steht Israel wieder mal als Dauernörgler da, der sogar am Wind of Change etwas herumzumeckern hat.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Sicherlich, der jüdische Staat tut gut daran, mit Blick auf die Nachbarn zunächst auf Nummer sicher zu gehen, auch militärisch. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – für das dauerbedrohte Israel eine überlebenswichtige Selbstverständlichkeit. Allerdings muss das Land sich politisch schleunigst auf die neuen Gegebenheiten in der arabischen Welt einstellen. Es bedarf künftig einer besonders ausgefeilten Taktik, um bei veränderten Machtkonstellationen etwa in Ägypten oder Jordanien eine völlige Isolation in der Region zu verhindern. Dabei reicht es nicht aus, auf die Macht der Abschreckung zu setzen und die Wagenburgmentalität beizubehalten. Auch auf anderen Wegen lassen sich bei kluger Vorgehensweise unerlässliche Garantien für die eigene Sicherheit erreichen. Denn noch ist keinesfalls ausgemacht, dass neue arabische Regierungen das Wenige, was bislang erreicht wurde, aufs Spiel setzen würden. Vielleicht bewirkt die sich abzeichnende Zeitenwende sogar einen Befreiungsschlag für den Nahen Osten: weg von gegenseitigem Misstrauen hin zu wirklich konstruktiven Gesprächen über das unbekannte Wesen namens Frieden. Sicherlich, für Israel ist das ein großes Wagnis. Doch womöglich ein lohnendes.

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