Der klassische Anzug hat an Glaubwürdigkeit verloren. Joachim Schirrmacher

Die spinnen, die Griechen

Immer mehr Gelder pumpen wir nach Griechenland. Nicht zur Rettung eines Urlaubsparadieses – nein, es geht um die Zukunft der europäischen Idee. Doch Merkel ist zu schwach und ideenlos, um in Krisenzeiten als Leitfigur zu agieren. Griechenland und Deutschland hängen beide am Tropf.

Die spinnen, die Griechen! Sind pleite, aber wollen nicht so doll sparen, wie es ihnen ihre Regierung, die EU in Brüssel und internationale Währungshüter vorschreiben. Dabei wäre Dankbarkeit für die zig Euro-Milliarden angebracht. Doch was machen die Hellenen? Schimpfen, meckern und protestieren gegen die paar finanziellen Einschnitte und Sparauflagen. Und das sogar mit Gewalt. Diese Ober-Schuldner sollen uns Gläubigern lieber endlich ihre hübschen Inseln überlassen. Als kleinen Ausgleich für all das Steuergeld, das wir zur Rettung des Landes hergeben und mit Sicherheit in den Wind schreiben können. Und wenn es nach Finanzminister Schäuble und Kanzlerin Merkel geht, werden bald noch einmal Hilfspakete in unvorstellbarer Höhe geschnürt, um Athens Zahlungsunfähigkeit erneut abzuwenden. Können die Griechen nicht ihren Halbgott im Ruhestand reaktivieren und selbst ausmisten? Dieser Herakles hat sich doch schon einmal bewährt.

Ein aussichtsloses Projekt

Aber der Held hat Besseres zu tun, als sich die Finger schmutzig zu machen. Zu aussichtslos scheint derzeit das Projekt „Griechenland-Rettung“. Und Ruhm winkt schon gleich gar nicht. Aber Deutschland bleibt wohl kaum etwas anderes übrig, als dem am finanziellen Abgrund taumelnden Hellas mit Milliarden möglichst wieder auf die schwachen Beine zu helfen. Nicht, weil die Bundesbürger dort so gerne Urlaub machen oder die alten Philosophen bewundern, sondern weil der Euro und damit ein Kernstück des vereinigten Europa auf dem Spiel steht, von einer neuen unkalkulierbaren Bankenkrise mal ganz abgesehen.

So weit, so schlecht. Denn die Hauptlast beim Stemmen der Stabilitätslasten trägt die größte Volkswirtschaft in der Euro-Zone, und das ist Deutschland. Doch in jeder ökonomischen Entscheidung steckt ein Gutteil Politik. Und auf EU-Ebene wirkt die Bundesregierung ein wenig wie der einsame Rufer in der Geldwüste. Berlin – das zeigt sich allen Lippenbekenntnissen zum Trotz – steht so einsam und allein wie schon lange nicht mehr da. Vorbei die Zeiten, als Deutschland Führungsanspruch zeigte und dieser auch – zumindest ansatzweise – akzeptiert wurde. Zunehmend machen Frankreich und Großbritannien den Merkels, Westerwelles und Schäubles diese Rolle streitig. Eine einheitliche Linie sucht man vergebens. Jeder wurschtelt vor sich hin. Atomkraft, EHEC, Libyen, Griechenland – die Idee eines einheitlich auftretenden Europa hat sich in zahllose Eigeninteressen aufgelöst. Die Finanz-, Schulden- und Außenpolitik-Krisen haben sich längst zu einer substanziellen Sinnkrise entwickelt. Und Deutschland ist zu schwach, zu isoliert, um Europa aus dem Schlamassel im Wortsinne herauszuführen.

Saft- und kraftlose Rettungspolitik

Wie auch? Schwarz-Gelb siecht sowohl lust- als auch kraftlos dahin. Kein Konzept, keine Idee, keine Prinzipien. Stattdessen Kehrtwenden, die einen schwindeln lassen, und gegenseitige Missfallensbekundungen. Die Koalitionsgröße traut dem Vier-Prozent-Partner nicht über den Weg. Und die Schrumpf-Liberalen sind auf einem überlebenswichtigen Selbstfindungstrip. Einer derartig schlecht aufgestellten Regierung ist es unmöglich, sinnvoll zu gestalten – weder innenpolitisch noch außenpolitisch. Das merken auch die Verbündeten in Europa. Deutschlands Haltung zum Libyen-Einsatz der NATO spricht da Bände: Auf Berlin ist kein Verlass mehr? Okay, dann eben ohne den zaudernden Michel. Lasst ihn ruhig seinen Sonderweg in die Bedeutungslosigkeit gehen.

Das allein wäre schon schlimm genug. Schwerer wiegt jedoch, dass für den deutschen Patienten keine Besserung in Sicht ist. Was ihn wiederum tragischerweise mit dem griechischen verbindet. Beide hängen am Tropf. Durch den einen fließt Geld, durch den anderen Mut und Kraft. Nur scheint die jeweilige Dosis zu schwach bemessen. Zwei Pflegefälle, vermutlich auf Dauer.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Volker Wissing, Markus Söder.

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