Mut zur klaren Linie

von Christian Böhme20.05.2010Außenpolitik, Wirtschaft

Finanz-Rettungsschirme, Spekulanten-Überwachung und brutalstmögliche Sparvorschläge – viel Stückwerk im Krisenmanagement der Regierung. Was fehlt, ist eine klare Linie, die Deutschland braucht, um Europa aus dem Schlamassel zu führen.

Krise? Ja, wir brauchen eine Krise! Ganz dringend und auf Dauer. Das weiß ich nach der Lektüre von Hans Zipperts wunderbar hintersinnigem Büchlein “Deutschland retten”. Denn überzeugend weist der Satiriker und Kolumnist nach, dass es inzwischen sogar eine Krisenkrise gibt: “Laut einer offiziellen Erklärung der Commerzbank ist die Krise seit genau 48 Stunden beendet. Viele Bürger äußerten sich enttäuscht, weil sie bisher gar keine Möglichkeit hatten, an der Krise teilzunehmen. Politiker und Oppositionsparteien kritisierten ebenfalls, dass die Krise bei vielen noch nicht angekommen sei, man müsse die Menschen aber auch in Krisenzeiten da abholen, wo sie stehen. Die Bundesregierung wertete dagegen die Krise als vollen Erfolg. Man habe ungeheure Mittel in noch nie da gewesenem Umfang rausgepumpt. Psychologen warnen dagegen vor den Folgen des plötzlichen Endes der Krise, Tausende Journalisten sähen dadurch keinen Lebenssinn mehr und würden depressiv. Mediziner forderten die Regierung auf, so schnell wie möglich eine neue Krise herbeizureden.”

Sinnkrise von epochalem Ausmaß

Das ist nicht nötig. Dank des schwer angeschlagenen Euros und der “Pleite-Griechen” haben wir eine veritable Währungs-, Finanz- und Schuldenkrise. Rettungsschirme werden aufgespannt, Spekulanten wird etwas auf die Finger gehauen. Und aus Hessen kommen brutalstmögliche Sparvorschläge, die deutlich machen, was Bildung und Kinder uns heute tatsächlich noch wert sind. Kein Zweifel, diese Krise ist eine Sinnkrise von epochalem Ausmaß. Nur, wer führt uns aus ihr heraus? Für Jean-Claude Trichet, den Chef der Europäischen Zentralbank, ist die Sache klar: Deutschland muss die anderen aus dem Schlamassel führen. Zu Ende gedacht heißt das: Die größte Volkswirtschaft im Euroland muss auch politisch auf dem Kontinent den Ton angeben. Wer hätte gedacht, dass uns so viel Verantwortung übertragen werden könnte? Vor zwanzig Jahren noch fürchtete man unsere Größe und vermeintliche Stärke nach der Wiedervereinigung. Margaret Thatcher soll die eine oder andere schlaflose Nacht gehabt haben, weil sie nur Schlimmes von den “Krauts” erwartete. Zum Glück taten Bonn und später Berlin alles dafür, solche Vorbehalte zu zerstreuen. Deutschland hielt sich politisch weitgehend zurück und damit aus allem Unangenehmen heraus.

Deutschland fehlt die klare Linie

Doch diese beschaulichen Zeiten sind spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 vorbei. Die Regionalmacht Deutschland musste Flagge zeigen, sogar militärisch. Inzwischen sind wir ein anerkannter Partner, auch wenn uns manchmal noch der Sinn danach steht, den Kopf einzuziehen, sobald es brenzlig wird. Aber nun kriselt Europa und damit die wunderbare Idee eines sowohl politisch als auch wirtschaftlich einigen Kontinents. Und da die Deutschen besonders viel davon profitiert haben, ist es an ihnen, der ganzen Sache wieder neuen Sinn zu geben. Die Frage lautet nur: Ist Schwarz-Gelb in der Lage, diese Herkulesaufgabe zu schultern? Derzeit macht die Truppe um Angela Merkel nicht den Eindruck. Zumal einer der Fähigsten, Finanzminister Wolfgang Schäuble, gesundheitlich angeschlagen ist. Eher hat man den Eindruck, die gegenwärtige Situation überfordert die Verantwortlichen in Union und FDP. Da wird zwar hier und da nach dem Motto “Alarm, Alarm, die Börse brennt” ein wenig an den Symptomen herumgedoktert. Eine Idee allerdings oder gar eine klare Linie, wie dem finanziellen und politischen Ungemach getrotzt werden könnte, ist nicht zu erkennen. Doch die braucht es. Nur so kann man aus der Krise führen.

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