Assad erlebt ein Comeback. André Bank

Türkisch für Anfänger

Die Entwicklung in der Türkei gibt Anlass zur Sorge – längst gehen Extremisten und Holocaustleugner in Ankara ein und aus. Der Westen muss auf Erdogan zugehen und seine Wertschätzung zeigen, will er die Türkei als Verbündeten nicht verlieren.

Recep Tayyip Erdogan mag es deftig. “Sie werden in ihrem eigenen Blut ertrinken“, drohte der türkische Ministerpräsident den kurdischen Terroristen der PKK, als er am Sonntag vor den Särgen von elf ermordeten Soldaten stand. Der jahrzehntelange Konflikt hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Und Ankara findet kein Mittel gegen die Rebellen. Warum gelingt es den Kurden-Kämpfern immer wieder, wie aus dem Nichts zuzuschlagen, obwohl Militär und Geheimdienst alles daran setzen, dies zu verhindern? Die Antwort des muslimischen Regierungschefs ist nicht etwa Selbstkritik: Er sieht vielmehr ominöse Kräfte am Werk, “die die PKK gegen die Türkei benutzen“. Und da kommt derzeit nur eine fiese Kraft in Betracht: Israel. Das hat er zwar so nicht gesagt, aber sicherlich gemeint. Kurden und Juden machen gemeinsame Sache – wenn das keine Verschwörungsfantasie ist!

Doch spätestens nach Israels Angriff auf die Gaza-”Friedens”-Flottille erscheint Erdogan alles recht, um Jerusalem zu diskreditieren und den Westen gleich mit. Die arabische Straße und die islamische Welt danken es ihm mit Hurrarufen. Und das stärkt die Rolle der Türkei als immer einflussreicher werdende regionale Großmacht, die ihre Interessen durchsetzen will – auch durch gezielte Provokation und zuweilen ohne Rücksicht auf Verluste.

Vom säkularen Kemalismus zum islamisierten Gottesstaat

Denn längst hat sich der seit sieben Jahren regierende Premier von seiner Rolle als Vermittler zwischen Morgen- und Abendland verabschiedet. Der einst “kranke Mann am Bosporus” will zeigen, wie stark er geworden ist. Und dass er auch ohne die vorenthaltene Mitgliedschaft in der Europäischen Union auftrumpfen kann. Dabei vollzieht die Türkei eine strategisch motivierte, politisch-religiöse Kehrtwende: weg vom Westen, hin zur arabischen Welt. Und weg vom säkularen Kemalismus, hin zum islamisierten Gottesstaat.

Diese radikale Rückwärtsrolle muss Europa und die USA zutiefst verstören. Doch das Schweigen ist ohrenbetäubend. Und das, obwohl die türkische Regierung immer häufiger den Schulterschluss mit antiwestlichen, dezidiert antiisraelischen und extremistischen Kräften sucht. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah? Der Terroristenführer aus dem Libanon wird schon bald in Ankara als Staatsgast erwartet. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad? Den Holocaustleugner und Bombenbauer nennt Erdogan seinen Freund. Die islamistische Hamas? Verbündete und Brüder im Geiste.

Der Westen darf sich nicht allein auf Mosern und Drohen beschränken

All das sollte keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden. Die Türkei ist NATO-Mitglied, mithin Teil eines militärischen Verteidigungssystems, das die Sicherheit der Bündnispartner garantiert. Es wird dringend Zeit, Ankara an seine Verpflichtungen zu erinnern und es zu ermahnen, diese einzuhalten. Ein sicherheitspolitisches Risiko an ihrer südöstlichen Flanke kann sich die NATO nicht leisten.

Klar ist aber auch: Die Reaktion des Westens darf sich nicht allein auf Mosern und Drohen beschränken. In den vergangenen Jahren wurde es mehrfach versäumt, der Türkei zu zeigen, dass man sie als Verbündeten wertschätzt. Es braucht ein angemessenes Angebot, eine realistische Perspektive, die einem wichtigen Partner gerecht wird. Damit Erdogan und seine Führungsmannschaft von ihren gefährlichen Träumen aus Tausendundeiner Nacht Abschied nehmen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulla Jelpke, Sevim Dagdelen , Andreas T. Sturm.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Europaeische-union, Holocaust, Tuerkei

Debatte

Stasi-Drohbriefe an Holocaust-Überlebende

Medium_fdf3e0bf9b

Der Blick nach rechts

Kritiker des Kommunismus als „rechtsradikal“ zu diskreditieren, hat eine lange Tradition. Schon der Volksaufstand am 17. Juni 1953 wurde von der SED als „faschistischer Putschversuch“ bezeichnet. U... weiterlesen

Medium_a632180292
von Hubertus Knabe
09.03.2019

Debatte

Wir Deutschen haben eine historische Verantwortung

Medium_79246393db

Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen

Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen. Seit achtzig Jahren, seit dem 9. November 1938, ist er vor allem ein Schicksalstag der Jüdinnen und Juden. An jenem Tag brannten überall in Deu... weiterlesen

Medium_e004f53d02
von Dietmar Bartsch
09.11.2018

Debatte

Hartes Durchgreifen bei SS-Angehörigen

Medium_ecb64a7f18

Palij muss sich vor Gericht verantworten

Am gestrigen Dienstag ist der ehemalige SS-Mann und Aufseher im Zwangsarbeiterlager Trawniki von den USA nach Deutschland abgeschoben worden. Palijs hohes Alter darf kein Argument dagegen sein. Wer... weiterlesen

Medium_8875680075
von Charlotte Knobloch
22.08.2018
meistgelesen / meistkommentiert