https://www.theeuropean.de/christian-boehme/2132-erdogans-kehrtwende The European

Türkisch für Anfänger

Christian Böhme24.06.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Entwicklung in der Türkei gibt Anlass zur Sorge – längst gehen Extremisten und Holocaustleugner in Ankara ein und aus. Der Westen muss auf Erdogan zugehen und seine Wertschätzung zeigen, will er die Türkei als Verbündeten nicht verlieren.

a9ec52cac4.jpg

Recep Tayyip Erdogan mag es deftig. “Sie werden in ihrem eigenen Blut ertrinken“, drohte der türkische Ministerpräsident den kurdischen Terroristen der PKK, als er am Sonntag vor den Särgen von elf ermordeten Soldaten stand. Der jahrzehntelange Konflikt hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Und Ankara findet kein Mittel gegen die Rebellen. Warum gelingt es den Kurden-Kämpfern immer wieder, wie aus dem Nichts zuzuschlagen, obwohl Militär und Geheimdienst alles daran setzen, dies zu verhindern? Die Antwort des muslimischen Regierungschefs ist nicht etwa Selbstkritik: Er sieht vielmehr ominöse Kräfte am Werk, “die die PKK gegen die Türkei benutzen“. Und da kommt derzeit nur eine fiese Kraft in Betracht: Israel. Das hat er zwar so nicht gesagt, aber sicherlich gemeint. Kurden und Juden machen gemeinsame Sache – wenn das keine Verschwörungsfantasie ist! Doch spätestens nach Israels Angriff auf die Gaza-”Friedens”-Flottille erscheint Erdogan alles recht, um Jerusalem zu diskreditieren und den Westen gleich mit. Die arabische Straße und die islamische Welt danken es ihm mit Hurrarufen. Und das stärkt die Rolle der Türkei als immer einflussreicher werdende regionale Großmacht, die ihre Interessen durchsetzen will – auch durch gezielte Provokation und zuweilen ohne Rücksicht auf Verluste.

Vom säkularen Kemalismus zum islamisierten Gottesstaat

Denn längst hat sich der seit sieben Jahren regierende Premier von seiner Rolle als Vermittler zwischen Morgen- und Abendland verabschiedet. Der einst “kranke Mann am Bosporus” will zeigen, wie stark er geworden ist. Und dass er auch ohne die vorenthaltene Mitgliedschaft in der Europäischen Union auftrumpfen kann. Dabei vollzieht die Türkei eine strategisch motivierte, politisch-religiöse Kehrtwende: weg vom Westen, hin zur arabischen Welt. Und weg vom säkularen Kemalismus, hin zum islamisierten Gottesstaat. Diese radikale Rückwärtsrolle muss Europa und die USA zutiefst verstören. Doch das Schweigen ist ohrenbetäubend. Und das, obwohl die türkische Regierung immer häufiger den Schulterschluss mit antiwestlichen, dezidiert antiisraelischen und extremistischen Kräften sucht. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah? Der Terroristenführer aus dem Libanon wird schon bald in Ankara als Staatsgast erwartet. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad? Den Holocaustleugner und Bombenbauer nennt Erdogan seinen Freund. Die islamistische Hamas? Verbündete und Brüder im Geiste.

Der Westen darf sich nicht allein auf Mosern und Drohen beschränken

All das sollte keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden. Die Türkei ist NATO-Mitglied, mithin Teil eines militärischen Verteidigungssystems, das die Sicherheit der Bündnispartner garantiert. Es wird dringend Zeit, Ankara an seine Verpflichtungen zu erinnern und es zu ermahnen, diese einzuhalten. Ein sicherheitspolitisches Risiko an ihrer südöstlichen Flanke kann sich die NATO nicht leisten. Klar ist aber auch: Die Reaktion des Westens darf sich nicht allein auf Mosern und Drohen beschränken. In den vergangenen Jahren wurde es mehrfach versäumt, der Türkei zu zeigen, dass man sie als Verbündeten wertschätzt. Es braucht ein angemessenes Angebot, eine realistische Perspektive, die einem wichtigen Partner gerecht wird. Damit Erdogan und seine Führungsmannschaft von ihren gefährlichen Träumen aus Tausendundeiner Nacht Abschied nehmen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Hinter den Klima-Alarmisten steht die Staatsmacht

Ich meine, die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, was in dieser Republik geschieht. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist dieser Anspruch nichts Besonderes, sondern Normalität.

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Warum das grüne Glaubenssystem stabiler als das der Kommunisten ist

Seit dem Fall der Berliner Mauer beobachten Medienwissenschafter eine Inflation der Katastrophenrhetorik. Offenbar hat das Ende des Kalten Krieges ein Vakuum der Angst geschaffen, das nun professionell aufgefüllt wird. Man könnte geradezu von einer Industrie der Angst sprechen. Politiker, Anwälte

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Mobile Sliding Menu