Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Vorwärts nimmer, rückwärts immer

Die Linke ergeht sich in nostalgischer Kommunismusverehrung. Nur wenige innerhalb der Partei scheinen den Umschwung zur freiheitlichen Demokratie verinnerlicht zu haben. Doch kein Grund zur Sorge: Der Wähler wird der Linken die Quittung ausstellen. Ewig gestrig kann nur untergehen.

Totgehoffte leben länger. Das gilt offenbar nicht zuletzt für Ideen, die es aus sich selbst heraus vermögen, ganze Generationen zu bewegen. Der Kommunismus ist dafür ein gutes Beispiel. Denn eigentlich sollte bekannt sein, dass diese Gleichheitsutopie schon seit geraumer Zeit wegen erwiesenen Missbrauchs abgewirtschaftet hat. Doch offenbar hat sich das noch nicht bei allen herumgesprochen. “Wo, bitte, geht’s zum Kommunismus?”, lautet der mit Nostalgie getränkte Titel einer Diskussionsrunde, die am Samstag in Berlin über die Bühne der Urania gehen wird. Mit von der Partie: die Vorsitzende der DKP (gibt’s die überhaupt noch?), eine ehemalige RAF-Terroristin und – Gesine Lötzsch, ihres Zeichens Mit-Chefin der Linkspartei. Was für ein Podium! Und dann noch der Untertitel: “Linker Reformismus oder revolutionäre Strategie – Wege aus dem Kapitalismus”. Da schlägt das marxistische Herz höher.

Klassenlose Utopie

Offenbar auch das von Frau Lötzsch. Sie hat in der Jungen Welt, einer politisch am äußersten linken Rand beheimateten Zeitung, schon mal kundgetan, wie man das Ziel der Klassenlosigkeit erreicht. Und das Ganze könnte – frei nach Erich Honecker – unter dem Motto stehen: vorwärts nimmer, rückwärts immer. “Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.” Und: “Egal, welcher Pfad zum Kommunismus führt, alle sind sich einig, dass es ein sehr langer und steiniger sein wird.” Das heißt wohl nichts anderes, als dass uns am Ende der Geschichte der alles überstrahlende Systemwechsel erwartet. Dass es dazu kommen wird, daran sollte kein Zweifel bestehen. Denn die Partei hat bekanntermaßen immer recht. Lenin, Lenin über alles. Und die Millionen Opfer? Die zahllosen Verbrechen im Namen der Ideologie? Von denen hat die Autorin offenbar noch nie etwas gehört. Oder sie sind dem Vergessen und Verdrängen anheimgefallen.

Freiheit statt Gleichmacherei

Nun könnte man Gesine Lötzschs rückwärtsgewandte Antwort auf die Frage “Wo, bitte, geht’s zum Kommunismus?” mit Fug und Recht als sektiererische Phrasendrescherei abtun. Doch das wäre übereilt. Ihre Worte sind Labsal für die in den vergangenen Jahren arg geschundenen linken Seelen. Und von denen gibt es in Lötzschs Partei noch eine ganze Menge. Viele Mitglieder trauern den guten alten Zeiten nach, als man sich getrost dem Irrglauben hingeben konnte, den Sozialismus in seinem Lauf hielte keiner auf. Die Sehnsucht stirbt eben zuletzt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass im offiziellen Sprachgebrauch der belastete Begriff “Kommunismus” durch “demokratischer Sozialismus” ersetzt wurde. Das Problem ist allerdings: Nur wenige in der Partei scheinen diesen Schwenk in Richtung Grundgesetz und freiheitlicher Gesellschaftsordnung innerlich nachvollzogen zu haben. Und das gilt nicht nur für die Sympathisanten der Kommunistischen Plattform.

Muss nun die Linkspartei ob solcher Gesinnung flächendeckend vom Verfassungsschutz überwacht werden, weil, wer solches äußert, die freiheitlich-demokratische Grundordnung infrage stellt oder sie gar verlässt? Gemach, gemach. Zum einen gibt es auch in der Linkspartei durchaus vernünftige Kräfte. Und mit Sicherheit wird das Lötzsch-Papier einige heftige Debatten über Politikfähigkeit im 21. Jahrhundert auslösen. Zum anderen ist da ja noch der Wähler. Er entscheidet mit seiner Stimme, ob am Ende der Geschichte wirklich der Kommunismus stehen soll. Unterschätze ihn keiner. Es handelt sich um ein vernunftbegabtes Wesen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dietmar Bartsch, Gunter Weißgerber, Sahra Wagenknecht.

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