Der Mythos Selbstlosigkeit

Christian Böhme16.01.2010Gesellschaft & Kultur, Politik, Wirtschaft

Entwicklungshilfe ist eine Sache, Katastrophenhilfe eine etwas andere. Eines jedoch haben sie gemeinsam. Man kann sie für eigene Zwecke instrumentalisieren, indem man zum Beispiel den Helden spielt. Niemand kann das besser als die Amerikaner, ob in Washington oder Hollywood. Aber immerhin, Hilfe kommt, aus welchen Beweggründen und Quellen auch immer.

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Verzweiflung und Zorn kennen keine Grenzen mehr. In der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince haben die Menschen damit begonnen, Straßensperren aus Leichen zu errichten – ein drastisch-dramatischer Protest gegen das Ausbleiben von Hilfe nach dem Jahrhundertbeben in der Karibik. Dabei mangelt es nicht an Unterstützung aus dem Ausland. Doch Medikamente, Trinkwasser und Lebensmittel kommen bei den Ärmsten der Armen bislang zumeist nicht an. Wie auch, in einem Staat, der nach unseren Maßstäben überhaupt nicht existiert, und das schon seit Jahrzehnten?

to the rescue

Umso dringlicher ist Hilfe von außen. Gerade die USA haben keine Zeit verloren. Und Barack Obama hat den Einsatz für die Menschlichkeit zur Chefsache gemacht: Tausende Soldaten, Rettungskräfte und Ärzte sind auf dem Weg nach Haiti. Dazu Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber. Ein deutliches Zeichen von Nächstenliebe. Aber ist sie auch selbstlos, nur der Humanitas verpflichtet? In Deutschland hat es lediglich ein paar Stunden gedauert, da wurde in ersten Analysen betont, hinter dem Einsatz der reichsten für die ärmste Nation stecke nicht zuletzt auch strategisches Kalkül, sprich Eigennutz. Washington sei eben auch der Geopolitik verpflichtet: Ein solches Elend unmittelbar vor der Haustür würde ja für die USA nicht folgenlos bleiben. Schließlich handele es sich aus amerikanischer Sicht um eine Art Außenposten eigener Interessen in dieser Weltgegend. Mit anderen Worten: Der Ami ist halt so, der hat immer nur seine Macht im Blick. Selbst bei Katastrophen biblischen Ausmaßes.

Typisch Ami

Die USA können machen, was sie wollen – stets wird ihr Handeln misstrauisch beäugt. Dieser gerne als “kritische Haltung” verbrämte, unterschwellige Antiamerikanismus hat schon etwas Pathologisches. Sicherlich, nur Naivlinge würden glauben, das Weiße Haus sei ein Hort edelmütiger Uneigennützigkeit. Schließlich schalten und walten dort Politiker. Doch auch denen wird wohl kaum alles Menschliche fremd sein. Hilfsbereitschaft für in Not Geratene gehört dazu. Und wichtiger noch: Den Überlebenden in Port-au-Prince ist es – mit Verlaub – gänzlich schnuppe, woher und von wem Trinkwasser und Zelte kommen. Hauptsache, sie kommen. Übrigens: Die Hollywood-Stars Angelina Jolie und Brad Pitt haben der Organisation “Ärzte ohne Grenzen” eine Million Dollar zukommen lassen. Die Soforthilfe der Bundesregierung beträgt eine Million Euro. Aber bestimmt ist die Großzügigkeit von Brangelina nichts weiter als PR in eigener Sache. Sind ja Amerikaner.

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