Gescheitert am Hindukusch

von Christian Böhme9.12.2011Außenpolitik

Die Afghanistan-Konferenz am Bonner Petersberg ist ein Zeugnis des Scheiterns. Deutsche Politiker haben nie wirklich hinter dem Projekt Hindukusch gestanden, nie für Zustimmung geworben – der Einsatz musste scheitern.

Es ist höchste Zeit, Karl Theodor zu Guttenberg endlich zu danken. Nicht, weil er sich unstandesgemäß die “Freiheit zum Abschreiben(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/9039-streit-um-guttenberg-comeback genommen hat. Sondern dafür, dass er vor einiger Zeit tatsächlich einmal die Wahrheit gesagt hat. Man könne, so räumte KT als Verteidigungsminister vor anderthalb Jahren überraschend freimütig ein, „umgangssprachlich“ von einem Krieg in Afghanistan reden. Bis dahin hatte die deutsche Politik einen großen Formulierungsbogen um diese offenkundige Tatsache gemacht. Mal befanden sich die Bundeswehrsoldaten in einem „bewaffneten Konflikt“, mal hatten sie mit „kriegsähnlichen Zuständen“ zu kämpfen. So viel Aufrichtigkeit tut auch dieser Tage dringend not. Und die mit einer Menge Tamtam angekündigte Afghanistan-Konferenz auf dem Bonner Petersberg wäre das richtige Forum gewesen, offenherzig auszusprechen, was Sache ist: Der Krieg am Hindukusch, er ist verloren. Der Westen hat kläglich versagt, konnte seinen eigenen Ansprüchen und Wertmaßstäben allenfalls in Ansätzen gerecht werden.

Wie konnte es zu diesem Desaster kommen?

Nur: Keinen schert’s. Vielmehr sind alle Beteiligten heilfroh, dass dieser Einsatz zu schlechter Letzt sein Ende findet. Da wird sogar ein Debakel freudig begrüßt. Hurra, wir kapitulieren. Überlasst Afghanistan doch ruhig seinem islamistischen Schicksal. Das bisschen Freiheit für Frauen und Kinder – was soll’s? Die Welt ist nun mal schlecht. Wir können daran auch wenig ändern. Ab nach Hause, und zwar dalli. Der Unmut ist allzu verständlich. 58 deutsche Soldaten sind gefallen, viele wurden schwer verwundet, noch mehr traumatisiert. Was haben uns die Fremden außer Tod und Trauer gebracht?, könnte ein Teil der afghanischen Bevölkerung zu Recht fragen. Die Taliban haben in weiten Teilen des Landes längst wieder das Sagen. Zehn lange Jahre für nichts und wieder nichts. Das mag alles stimmen. Dennoch muss man sich selbstkritisch fragen, wie es zu einem solchen Desaster kommen konnte. War der Einsatz von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Nein. Wäre es besser gewesen, den Steinzeit-Islamisten Afghanistan einfach zu überlassen? Wohl kaum. Wurde die Bündnistreue gegenüber den USA überbewertet? Womöglich. Haben die Verantwortlichen es versäumt, ihrem Wahlvolk den Einsatz plausibel zu machen? Auf jeden Fall.

Jetzt wird das Scheckbuch ausgepackt

Im Grunde ist der Krieg nicht irgendwo zwischen Kunduz, Kabul und Kandahar verloren worden, sondern in Berlin, Rom und Madrid. Dem militärischen Eingreifen fehlte von Anfang der breite gesellschaftliche Konsens. Bis heute ist der Konflikt nicht ins Bewusstsein der Menschen eingedrungen. Er blieb so fremd wie das Land, in dem der Kampf tobte. Kein Mensch hat das Wozu und Warum so recht begriffen. Und niemand fragte danach. Bloß nichts zur Kenntnis nehmen, bloß nichts erklären. In ein paar Monaten, so der gern gepflegte Irrglaube, werde ja sowieso alles wieder vorbei sein. Die Gerhard Schröders und Angela Merkels, die Peter Strucks und Franz Josef Jungs haben versäumt, den Krieg zu erklären, die Schutz-Mission „zu ihrer Sache“ zu machen. Doch ohne gesellschaftlichen Unterbau ist kein Krieg zu gewinnen. Schon gar nicht, wenn er in weiter Ferne geführt wird. Jetzt wird das Scheckbuch ausgepackt. Zehn Milliarden Dollar würden in den ersten Jahren für den Aufbau einer Armee und einer Polizei benötigt, ließen die Gefolgsleute von Präsident Karzai während der Bonner Konferenz den Westen wissen. Die Devise lautet also „zahlen und hoffen“: Hoffen, dass die Afghanen irgendwie allein über die Runden kommen. Hoffen, dass der internationale Terrorismus nicht erneut am Hindukusch ein Refugium findet. Hoffen, dass Frauen- und Menschenrechte geachtet werden. Schade allerdings, dass all diese hehren Hoffnungen so gar nichts mit der Realität zu tun haben. Wenn das ein Verantwortlicher ehrlich eingestehen würde, man müsste ihm für die wahren Worte dankbar sein.

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