Wir wollen Kanzler. Andrea Nahles

Boykotteur-Gemeinschaft

Sport ist nicht unpolitisch und die Fußball-EM in der Ukraine schon gar nicht. Ein politischer Boykott wäre daher das richtige Signal. Den Titel holen wir sowieso.

Mal Hand aufs Herz: Ein sportlicher Boykott der Fußball-EM kommt einfach nicht infrage. Schluss. Punkt. Aus. Ende. Schließlich ist die Europameisterschaft (mal ganz abgesehen von den kommerziellen Aspekten) für Millionen Menschen ein, wenn nicht sogar der emotionale Höhepunkt des Jahres. Da wird gehofft, gebangt, gelitten, geweint und gefreut. Auch und gerade hierzulande. Denn Jogis Jungs sind in Topform und schicken sich an, diesen lang ersehnten Titel nach Deutschland zu holen. Also lasst den Sport – bitte schön – Sport sein. Politik hat auf dem Spielfeld und den Zuschauertribünen ohnehin nichts zu suchen.

Wäre es doch nur so einfach

Ach, wenn die Welt im 21. Jahrhundert doch so einfach wäre. Ist sie aber nicht, war sie vermutlich nie. Denn Sport lässt sich nur in den seltensten Fällen klar von Politik trennen. Das gilt auch für die in gut fünf Wochen beginnende Fußball-EM. Weil sie mit der Ukraine einen Ausrichter hat, der von rechtsstaatlichen Prinzipien, Menschenwürde und demokratischen Gepflogenheiten offenkundig wenig hält.

Hinter dem rüden Umgang mit der Oppositionsführerin Julija Timoschenko steckt nämlich ein diktatorisches Prinzip: Regimekritiker sind ein unerwünschter Störfaktor, der bekämpft werden muss. Dieser freiheitsfeindlichen Logik folgend lässt die autoritäre Führung um Präsident Wiktor Janukowitsch keine Gelegenheit aus, die Stärke der Staatsmacht zu demonstrieren. Die Ukraine, ein weltoffenes, modernes europäisches Land? Von wegen. Ein Land, das solche Werte mit Füßen tritt. Und genau deshalb wäre ein politischer Boykott des Fußballfestes das richtige Signal.

Präsidenten, Minister und andere Regierungsvertreter der EU sollten einträchtig in den nächsten Wochen und Monaten demonstrativ einen großen Bogen um die Ukraine machen. Denn niemand kann und darf Janukowitsch die geschönten Propaganda-Bilder gönnen, die ihn, freundlich-väterlich lächelnd, Seite an Seite mit der Polit-Prominenz aus aller Welt zeigen. Die Ehrenplätze in den Stadien von Lwiw, Charkow, Kiew und Donezk müssen leer bleiben – als sichtbares Zeichen dafür, dass der osteuropäische Staat weit im Abseits steht. Und Deutschland tut gut daran, die Gemeinschaft der Boykotteure anzuführen. Denn wer das Wort Freiheit bei jeder Gelegenheit im Mund führt, muss schon mal mutig ein paar Taten folgen lassen.

Bundespräsident Joachim Gauck hat es vorgemacht. Er wird einem Treffen mehrerer Staatschefs in der Ukraine fernbleiben. Und Angela Merkel ist anscheinend gewillt, den Ball aufzunehmen. Die deutsche Regierungschefin denkt ernsthaft darüber nach, durch Abwesenheit zu glänzen. Konkret hieße das, Verzicht zu üben. Merkel und ihre Kabinettskollegen blieben den Spielen der deutschen Nationalmannschaft fern. Schade, gerade für eine Fußballbegeisterte wie die Bundeskanzlerin. Aber eben unumgänglich, wenn man ein sichtbares Zeichen setzen will. Wer möchte sich schon vor aller Augen zum willfährigen Claqueur eines Regimes machen?

Sogar Klose, Schweinsteiger und Co. können ihren Teil dazu beitragen, die ukrainische Führung zu ächten. Kein Geringerer als Uli Hoeneß, seines Zeichens ungekröntes Oberhaupt der Bundesliga und nebenbei Präsident des FC Bayern München, hat die Spieler dankenswerterweise dazu ermutigt, ihre Solidarität mit den Regierungskritikern zu bekunden. „Sie würden damit Größe zeigen“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Ich hätte Respekt vor jedem Spieler, der öffentlich Stellung zu diesem Thema bezieht.“ Recht hat er, der Hoeneß Uli. Und richtig ist auch, dass er vom hasenfüßigen Deutschen Fußballbund und der stets furchtsam abwiegelnden Uefa etwas einfordert, was auch im Sport Alltag sein sollte: Haltung. Es stünde den Verbänden, die sich gerne mit dem Großereignis schmücken und Geschäfte machen, gut zu Gesicht, den ukrainischen Offiziellen möglichst offen und oft die Meinung zu sagen.

Den Titel holen sie sowieso

Der Sport, eine Geisel der Politik? Das behaupten nur diejenigen, die Ereignisse wie Fußball-Europameisterschaften und Olympia gerne für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. Sie sonnen sich im schönen Schein der Spiele, machen aus ihnen plumpe Showveranstaltungen in eigener Sache. Das wird man auch in der Ukraine nicht verhindern können. Aber wenn schon, dann bitte ohne deutsche Spitzenpolitiker auf den Ehrensitzen. Jogi und seine Mannen werden deren Abwesenheit sicherlich verschmerzen. Den Titel holen sie sowieso.

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