In zehn Jahren werden die 67-Jährigen die 92-Jährigen pflegen. Kurt Biedenkopf

Es muss ja keine Revolution sein

Der 18. März ist in vielerlei Hinsicht ein geschichtsträchtiges Datum. Nun wird auch der elfte Bundespräsident Deutschlands an diesem Datum gewählt: Joachim Gauck.

Dieses Datum atmet Geschichte. Aber es steht gleichfalls für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aufbruch, Freiheit, Demokratie, Einheit – auch das lässt sich ohne Weiteres mit dem 18. März verbinden. An diesem Tag des Jahres 1848 gehen deutsche Revolutionäre gegen den König auf die Barrikaden und fordern erfolgreich eine verfassungsgebende Nationalversammlung. Gute 140 Jahre danach feiern Bürgerrechte und Widerstandsgeist erneut einen kleinen Triumph: Am 18. März 1990 findet in der damals noch real existierenden DDR die erste freie Wahl zur Volkskammer statt. Und nun, nochmals 22 Jahre später, wird der elfte Bundespräsident gewählt.

Ein Zufall, nur dem formalen Umstand geschuldet, dass spätestens 30 Tage nach dem Rücktritt Christian Wulffs ein Nachfolger gefunden sein muss? Sicherlich. Dennoch ist die Wahl von Joachim Gauck an diesem „deutschen“ Tag symbolisch aufgeladen. Vielleicht sogar ein Signal, eine Aufforderung, endlich mal (wenigstens für eine gewisse Zeit) die Vergangenheit ruhen zu lassen. Nicht weiterhin alles Gewesene und Gesagte bis ins kleinste Detail zu sezieren, sondern stattdessen sich der Zukunft und ihren zahlreichen Herausforderungen zu stellen.

Ohne ständigen Verweis auf die Vergangenheit

Von denen hat Deutschland bekanntermaßen einige zu meistern. Integration, Euro-Krise, die Kluft zwischen arm und reich, gebildet und ungebildet, gesellschaftlicher Zusammenhalt – Probleme von präsidialer Dimension. Da braucht es Kraft, Mut, Ausdauer, Rückhalt und Autorität, um sich als anregender Ideengeber zu profilieren. Man muss kein Anhänger Gaucks sein, um ihm die Chance zu gewähren – ohne ständigen Verweis auf die Vergangenheit.

Das wird schwierig genug. Denn wie selten zuvor beherrschen misstrauisches Zurückblicken und Konfrontationsdenken die Diskussion um die Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Joachim Gauck und Beate Klarsfeld, das heißt immer auch: Stasijäger trifft auf Nazijägerin, Ost- auf Westbiografie, Konservativer auf Linksliberale. Stets ist zudem von Fehlern und Versäumnissen die Rede.

Die eine hatte es einst gewagt, vor aller Augen einen Bundeskanzler mit brauner Vergangenheit zu ohrfeigen und dafür von der SED 2.000 Westmark entgegenzunehmen. Der andere hat sich vor einiger Zeit Gedanken über die Singularität des Holocaust gemacht, fand lobende Worte für die Thesen eines Thilo Sarrazin und sagte dem Bundestag nicht die Wahrheit über die Zahl der Stasi-Leute in seiner Behörde. Ist Beate Klarsfeld eine willige Erfüllungsgehilfin der DDR-Führung? Muss Joachim Gauck nun als gefährlicher Relativierer, Islamgegner und Möchtegern-Bürgerrechtler gelten? Allenfalls, wenn man ein hartleibiger Freund des Schwarz-Weiß-Malens ist. Denn nüchtern betrachtet wirken derartige Schlussfolgerungen doch arg kleinkariert. Nörgeln als Passion – auch irgendwie typisch deutsch.

Unter besonderer Beobachtung

Gauck kennt das. Und ihm ist ebenfalls klar, dass das Gemeckere nicht am 18. März enden wird. Nach dem Wulff-Desaster steht der künftige Bundespräsident unter besonderer Beobachtung. Die Erwartungshaltung ist erbarmungslos. Der gelernte Pfarrer soll dem ramponierten Ansehen des Amtes zu altem Glanz verhelfen, als Integrator Wunder vollbringen und aufrüttelnde Reden halten. Und ganz nebenbei ist es an ihm, die vielen Unebenheiten zwischen dem Volk und den Regierenden auszugleichen. Auf dass uns dieses Gemeinwesen mit Stolz erfülle. Eine gnadenlos kompromisslose Aufgabenstellung.

Gauck wird das alles nicht leisten können. Doch er sollte die Möglichkeit erhalten, als erster Bürger des Staates an seinem Profil und dem seines neuen Amtes zu arbeiten. Dazu gehört auch, ungewohnte Wege einzuschlagen, mal ein Wagnis einzugehen, quer zum Mainstream zu denken oder einfach nur klar zu sagen, was Sache ist. Mit anderen Worten: Gesucht wird ein fester Charakter. Einer, der bereit ist – jenseits der gängigen Konsensmaschinerie –, sich und uns etwas zuzumuten. Hat der 72-Jährige das Zeug dazu? Schon möglich. Vielleicht hat Gauck tatsächlich den freiheitlichen, den widerständigen Geist des 18. März verinnerlicht. Das wäre ein guter Anfang. Es muss ja nicht gleich eine Revolution sein.

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