Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. Joseph Ratzinger

Verbal-Haubitze

Der Krieg der Worte zwischen Israel und Iran ist längst entbrannt, da passt Netanjahus Rede während seines US-Besuchs gut ins Bild. Doch mit der Analogie von einem drohenden Holocaust tut er sich keinen Gefallen.

Benjamin Netanjahu hat es rhetorisch mal wieder so richtig krachen lassen. „Wir haben darauf gewartet, dass Diplomatie wirkt. Wir haben darauf gewartet, dass Sanktionen wirken. Aber wir können es uns nicht leisten, noch länger zu warten“, warnte Israels Premier am späten Montagabend in seiner Rede vor der Lobbyorganisation AIPAC (American Israel Public Affairs Committee). Er werde deshalb nicht zulassen, dass sein Volk „unter dem Schatten der Auslöschung leben muss“. Von wem diese Gefahr ausgehe, war jedem im Saal klar: Iran. Tausende Freunde und Fans des jüdischen Staates bedankten sich für diese markigen Worte mit Jubel.

Und dann fuhr Netanjahu das ganz große Wortgeschütz auf. Er zitierte aus einem Briefwechsel zwischen dem Jüdischen Weltkongress und der US-Regierung aus dem Jahr 1944. Darin wird Washington aufgefordert, Auschwitz zu bombardieren. Doch Amerika lehnte bekanntermaßen ab. Auch aus Furcht vor den rachsüchtigen Nazis. Die Folgen sind bekannt. Deutschland mordete weiter. Drittes Reich, Genozid, Iran – für den Redner aus Nahost ein mörderischer Dreiklang.

Mit dem Vorschlaghammer

Der Holocaust ist immer gegenwärtig, wenn es um Teherans Atomprogramm geht. Netanjahu begründet mit diesem historisch heiklen, ja außerordentlich fragwürdigen Vergleich gerne, warum Israel jederzeit in der Lage sein muss, sich notfalls auch auf eigene Faust zu verteidigen. Und er appelliert damit an das schlechte Gewissen seiner inzwischen sehr spärlichen Verbündeten. Wer könne schon zulassen, dass den Juden wieder ein Völkermord drohe? Hat Irans Staatsführung nicht ein ums andere Mal erklärt, das „zionistische Gebilde“ müsse von der Landkarte getilgt werden? Eine dramatische Lage für Israel, keine Frage.

Doch ob Netanjahu sich selbst und seinem Land einen großen Gefallen mit den Parallelen zur Schoa tut, ist eine ganz andere Frage. Und die muss wohl oder übel mit einem Nein beantwortet werden. Ein derartiger Vergleich wirkt selbst auf die Gutwilligsten wie ein Vorschlaghammer, der quasi automatisch Abwehrreflexe verursacht. Holocaust? Geht’s vielleicht auch eine Nummer kleiner? Netanjahu weiß vermutlich auch, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. In seiner Rede gab er zu: „2012 ist nicht 1944.“ Genau das ist derzeit eines der größten Probleme der israelischen Politik. Vor allem, wenn es um das geradezu existenzielle Verhältnis zu den USA geht.

Dass Barack Obama und Netanjahu wenig voneinander halten, ist hinlänglich bekannt. Auch der jüngste Besuch des Premiers in Washington hat daran nichts geändert. Israels Regierungschef hält den US-Präsidenten für ein Weichei. Der Chef des Weißen Hauses wiederum traut Netanjahu nicht über den Weg, nimmt ihn als hartleibig und beratungsresistent wahr. Und seiner Hau-Drauf-Taktik wegen als Risikofaktor, der den Nahen Osten in einen vielleicht unnötigen und vor allem unkalkulierbaren Krieg stürzen könnte.

Aber genau davor scheut Obama im Wahljahr zurück. Er setzt deshalb weiterhin auf die Macht der Diplomatie, die Kraft der Sanktionen und die Entschlossenheit des Großteils der Staatengemeinschaft. Auf jeden Fall will Amerikas Staatschef Herr über seine Entscheidungen bleiben. Keiner soll ihn zu einem militärischen Angriff gegen Irans Atomanlagen drängen – seine jüdischen Wähler nicht (die sich zu einem erheblichen Teil ohnehin schon enttäuscht von ihm abgewendet haben), und Benjamin Netanjahu erst recht nicht. Denn Obama glaubt, noch Zeit zu haben. Kommt es trotz aller Eindämmungsversuche dennoch zum Ernstfall, würde der Präsident wohl kaum zögern, in den Krieg zu ziehen. Das hat er mehrfach deutlich gemacht. Die Führung in Teheran wird wissen, dass diese Ankündigung ernst gemeint ist.

Düsenjäger – lieber heute als morgen

Allerdings könnte es dann schon zu spät sein, um eine Katastrophe noch abzuwenden. So lange will und kann Netanjahu verständlicherweise nicht warten. Er muss möglichen Schaden von seinem Land abwenden. Für ihn ist deshalb die Sache eindeutig: lieber heute als morgen die Düsenjäger losschicken und das Atomprogramm um so viele Jahre wie möglich zurückbomben. Noch bevor die Mullahs ihre Anlagen unerreichbar in der Erde verbuddeln können. Schließlich, das hebt Netanjahu gerade jetzt wieder gerne hervor, habe ein hoher persischer Regierungsbeamter laut jüdischer Überlieferung schon einmal versucht, möglichst viele Juden zu töten.

Jenseits aller Geschichtslektionen weiß Netanjahu allerdings allzu gut, dass ein Militärschlag gegen den Iran ohne die USA keinen großen Erfolg verspricht. Israels Luftwaffe ist zwar schlagkräftig, aber verfügt vermutlich über zu wenige Bunker brechende Bomben. Die Flugzeuge müssten betankt werden und brauchen Überflugsrechte. Bezeichnenderweise sind es selten hochrangige Militärs, die in Jerusalem einem Krieg das Wort reden. Die politische Führung dagegen lässt kaum eine Gelegenheit aus, verbal hochzurüsten. Vielleicht, weil sie längst weiß, dass Irans Atombombe kaum noch zu verhindern ist. Womöglich verfügt das Land sogar bereits über Nuklearwaffen. Ausschließen kann dies sicherlich niemand. Daher legt Israel so viel Wert auf eine geschlossene Front gegen Teheran. Nur dann werden die Mullahs einsehen, dass sehr wohl eine rote Linie existiert, die sie tunlichst nicht übertreten sollten, Atomwaffen hin oder her. Abschreckung statt Appeasement lautet Israels Devise.

Jedoch: Keiner weiß, ob diese Rechnung aufgeht. Gewinnen die Fanatiker im Iran die Oberhand, die dem Märtyrertod huldigen? Oder handelt das Regime um Präsident Ahmadinedschad und Revolutionsführer Chamenei rational, kühl die Risiken abwägend? Darauf, dass die ganze Sache doch noch glimpflich ausgeht, kann und wird sich Israel im Zweifelsfall nicht verlassen. Dafür ist der Holocaust im jüdischen Staat immer noch viel zu präsent. Und seine Wirkungsmacht zu groß.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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