So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht. Margaret Thatcher

Die Überfälle

Gewalt ist an der Tagesordnung, auch in Deutschland. Neben spektakulären Fällen sind es die alltäglichen Überfälle, die uns zu denken geben sollten. Zeit, sich mit dem Wieso, Warum und dem Danach zu beschäftigen.

Es gibt Ereignisse im Leben, die einen fesseln, ja regelrecht gefangen nehmen. Tag und Nacht. Wochen, Monate, Jahre. Einem Erdbeben gleich kann ein einziger Moment alle Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten zunichtemachen. Susanne Leinemann, Autorin der „Zeit“, hat das am eigenen Leib erfahren. „Am 29. April 2010 bricht um kurz nach 23 Uhr Gewalt über mich herein. Hemmungslos, mitleidlos, maßlos“, schreibt die Journalistin in ihrer preisgekrönten Reportage. Sie trägt den fast schon lakonischen Titel „Der Überfall“ und schildert mit verstörender Intensität, wie sie im gediegenen Berliner Bezirk Wilmersdorf zum Opfer wurde. Drei Jugendliche hatten ihr mit einer gedrechselten Treppensprosse die Schädeldecke zertrümmert, um sie auszurauben. Warum die Täter Susanne Leinemann auswählten? Ein böser Zufall.

Doch „Der Überfall“ ist nicht eine dieser Geschichten, die auf Mitleid aus sind. Vielmehr wird eindringlich deutlich, wie hilflos und zuweilen absurd mitfühlend eine Gesellschaft menschenverachtender Brutalität gegenübersteht. Blauäugige Therapeuten, überforderte Jugendämter, frustrierte Polizisten, fassungslose Richter – keiner vermag es, diese Form von Schwerstkriminalität in den Griff zu bekommen und adäquat auf sie zu reagieren. Denn „entsicherte Waffen“, und nichts anderes sind die Drauf-, Faust- und Totschläger, kann man nicht mit gut gemeinten Absichten unschädlich machen, sondern nur durch konsequente Härte.

Grausam spektakulär, aber eben kein Einzelfall

Aber die Verantwortlichen stehlen sich aus ihrer Verantwortung. Und im Zweifelsfall kommt das fadenscheinige Argument, die armen Täter könnten ja gar nichts für ihre Taten. Gewissermaßen unschuldig, weil die „Umstände“ – schlechte Erziehung, schwieriger familiärer Hintergrund, soziale Benachteiligung – sie zu dem gemacht hätten, was sie heute sind.

Zu Recht lässt Leinemann derartige Ausflüchte nicht gelten. „Eine kaputte Kindheit“, schreibt sie, „ist kein Freifahrtschein für Mord und Totschlag.“ Genau an diesen Satz muss ich immer denken, wenn wieder mal – und das ist in letzter Zeit sehr häufig der Fall – über Gewaltausbrüche junger Erwachsener berichtet wird. Da stirbt im September 2011 zum Beispiel ein Italiener, weil er auf der Flucht vor zwei Berliner U-Bahn-Schlägern (21 und 22 Jahre alt, beide müssen sich gerade vor Gericht verantworten) auf der Straße von einem Auto erfasst wurde. Grausam spektakulär, aber eben kein Einzelfall. Ein paar Monate zuvor etwa hatte ein 18-Jähriger auf dem Bahnhof Friedrichstraße einen Mann mit einem Faustschlag niedergestreckt und dann dem am Boden Liegenden einige Male mit voller Wucht gegen den Kopf getreten.

Überhaupt scheint kaum ein Tag zu vergehen, an dem nicht ein Unschuldiger zu Schaden kommt. Oft sind es junge, manchmal alte Menschen. Laut Statistik geht zwar die Zahl der Gewaltdelikte zurück, auch die von Jugendlichen verübten. Aber das subjektive Gefühl sagt etwas ganz anderes. Es herrscht eine große Verunsicherung. Enthemmte Gewalt bemächtigt sich zunehmend des öffentlichen Raums, sie ist spürbar, geradezu mit den Händen greifbar. Und alltäglich.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Hier geht es nicht darum, einer populistisch-dumpfen Law-and-Order-Ideologie zu huldigen. Allerdings müssen wir endlich davon wegkommen, diesem Phänomen verschwurbelt tiefenpsychologisch auf den Grund zu gehen. Mitleid und Verständnis für die Täter sind völlig fehl am Platz. Ebenso wie sie keinerlei Pseudo-Schutzmaßnahmen (Therapien, Ausschluss der Öffentlichkeit bei Gerichtsverfahren, keine Fotos der Verdächtigen, keine Klarnamen) bedürfen. Denn sie wissen, was sie taten. Ein Menschenleben? Wertlos.

Dennoch gewähren wir ihnen Absolution. Ist es voyeuristische Neugier auf das Böse, die uns beim Betrachten der grausamen Realität die Sinne vernebelt? In „Der Überfall“ ist eine bezeichnende Szene beschrieben. Einer der Täter wird von einem Polizisten gefragt, ob er nicht wissen wolle, ob die Frau, ihr Opfer, überhaupt noch lebe. Der 17-Jährige lehnt sich zurück und fragt grinsend: „Und? Lebt sie noch?“ Blanker Zynismus in vier Worten. Wer sich so erbarmungs- und gefühllos zeigt, der ist kein Fall für die Therapie, sondern einer fürs Gefängnis. Abschreckung, das könnte helfen. Vielleicht.

Maßstäbe abhandengekommen

Und die Taten beim Namen nennen. Der Richter im Prozess um den Tod von Dominik Brunner hat das getan. Er verurteilte zwei junge Männer wegen Mordes und Körperverletzung mit Todesfolge, weil sie den am Boden liegenden Geschäftsmann in einem monströsen Gewalt-Exzess Schläge und Tritte zugefügt hatten. Brunner, der auf dem Bahnhof von München-Solln Schüler hatte schützen wollen, starb an Herzversagen.

Auch der Fall Brunner ist bezeichnend dafür, wie einer Gesellschaft die Maßstäbe abhandenkommen können, wie aus unschuldigen Opfern fast Mittäter werden. So, als habe ihr Verhalten das schreckliche Geschehen geradezu provoziert. Brunner wurde vorgeworfen, er habe ja als Erster zugeschlagen und damit das Ausrasten der Jugendlichen im Grunde verursacht. Aber um Himmels willen: Wer behält in einer derartigen Ausnahmesituation die Kontrolle über sich und die Lage? Entscheidend ist doch vielmehr, dass einer den Mut fand, anderen Menschen zu helfen. Wahrlich keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen Wegschauen als tugendhaft zu gelten scheint. Wer geht schon gerne ein gefährliches Risiko ein?

Susanne Leinemann, Opfer und Berichterstatterin des „Überfalls“, hatte niemanden, der ihr zu Hilfe eilte. Sie hat überlebt und die Erinnerung an das verloren, was ihr an einem Frühlingsabend widerfuhr. Die Bilder der Tatnacht würden allerdings, so endet ihre Reportage, laut Auskunft der Ärzte zurückkehren. „In einigen Jahren, in ein paar Monaten, jederzeit.“ Es werden Bilder voller Gewalt sein – hemmungsloser, rücksichtsloser, maßloser Gewalt. Ob die drei Täter auch von Albträumen geplagt werden, so etwas wie Reue empfinden? Wohl kaum. Und deshalb haben sie eines sicherlich nicht verdient: Mitleid.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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