In der Iran-Falle

Christian Böhme9.02.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wenn es im Nahen Osten auf zum Waffengang geht, kann Deutschland unmöglich danebenstehen. Der Schutz Israels ist schließlich Staatsräson – da sollte die Wahl nicht schwerfallen.

_Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen. (Albert Einstein)_ Der Feind ist gelbhäutig, glatzköpfig und führt mit seiner Familie ein ziemlich subversiv anmutendes Leben. Ein amerikanischer Einwanderer zumal und somit das Symbol unmoralischer westlicher Kultur. Vermutlich handelt es sich bei dem Herrn und seiner schändlichen Sippschaft sogar um verkappte Zionisten, die nichts anderes im Sinn haben, als den Iran zu unterwandern. Schließlich befindet sich die Islamische Republik quasi im Kriegszustand mit Israel und anderen potenziellen Invasoren, vor allem den USA. Also weg mit der Fünften Kolonne. Weg mit Homer Simpson, dieser Zeichentrickfigur. So hat es jetzt das staatliche Institut für die intellektuelle Entwicklung von Kindern entschieden. In iranischen Geschäften ist künftig kein Platz mehr für die Simpsons. Auf Nimmerwiedersehen, ihr Ungläubigen. Zugegeben, das klingt alles ziemlich schräg, ja geradezu abstrus. Der Nahe Osten liegt manchmal eben doch in weiter Ferne. Nachrichten von dort wirken wie aus einer anderen Welt. Auch von Deutschland aus betrachtet. Doch das scheint nur so. Denn der Konflikt um Teherans Atomprogramm ist längst gefährliche Realität. Das Säbelrasseln auf beiden Seiten wird immer lauter. Da wird geschimpft, gedroht und gewarnt. Sanktionen, Truppenaufmärsche, militärische Manöver – das volle Programm im diplomatischen Krieg.

Israel plant für den Ernstfall

Aber bleibt es dabei? Lässt sich das Mullahregime mit friedlichen Mitteln daran hindern, Nuklearwaffen zu produzieren? Wohl kaum. Israel jedenfalls glaubt daran nicht mehr. Der jüdische Staat, mit dessen Vernichtung die iranische Führung schon mehrfach gedroht hat, plant für den Ernstfall. Militärs und Politiker bereiten sich seit geraumer Zeit darauf vor, notfalls auch weitgehend auf sich allein gestellt einen Präventivschlag gegen Teherans Atomanlagen zu führen. Vielleicht erfolgt dieser bereits im Frühjahr, wie US-Verteidigungsminister Leon Panetta unkt. Käme es dazu, die Folgen wären unabsehbar. Klar ist allerdings schon heute, dass ein Waffengang in Nahost gerade für Deutschland erhebliche Konsequenzen hätte. Das Dilemma lässt sich in zehn Worten zusammenfassen: Stell dir vor, es ist Krieg, und wir sind mittendrin. Wie das? Ganz einfach. Der Schutz Israels ist zu Recht deutsche Staatsräson. Kein Wunder, dass sich Berlin vor der Iran-Falle fürchtet und alles daran setzt, die Islamische Republik mit politischen Mitteln von ihrem Atomkurs abzubringen. Misslingt dies nämlich, der Bundeswehr stünde wohl oder übel ein neuer Auslandseinsatz bevor. Und Angela Merkel müsste diesen verteidigen – wenn sie hält, was sie bereits mehrfach versprochen hat. Dass es für einen militärischen Einsatz zugunsten des jüdischen Staates hierzulande keine Mehrheit gibt, liegt auf der Hand. Traut man den Umfragen, gilt Israel als Kriegstreiber, als größte Bedrohung für den Frieden in der Welt. Jerusalem unterdrücke nicht nur die Palästinenser, sondern lasse auch keine Gelegenheit aus, die arabischen Nachbarn zu provozieren. Auch beim Iran reagiere das Land geradezu hysterisch und egoistisch. Das sind unbewiesene, ungerechtfertigte Vorurteile, bei denen immer auch latenter Antisemitismus mitschwingt. Allerdings bringen derartige Ressentiments gerade die Bundeskanzlerin in Bedrängnis. Sie könnte, so die mögliche Diktion der zahlreichen Skeptiker, eine Gefangene ihrer eigenen Rhetorik werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit betont Angela Merkel überzeugend, wie sehr ihr das Schicksal Israels am Herzen liegt. Zum Beispiel hat sie vor der Knesset mit Blick auf Teherans Drohungen gesagt, die Sicherheit des jüdischen Staates sei „niemals verhandelbar“. Und die Regierungschefin fügte hinzu: „Und wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben.“ Eine klare Ansage, gerichtet an den Iran – und die deutschen Wähler. In letzter Konsequenz folgt daraus, dass die Bundesrepublik im Kriegsfall an Israels Seite stehen muss.

Deutschland kann nicht zulassen, dass Israels Existenz bedroht wird

Was auch sonst? Es gibt einige triftige Gründe, die für eine solche Parteinahme sprechen. Die Schoah, der Völkermord an den europäischen Juden, ist ein gewichtiges Argument, keine Frage. Deutschland kann es nach diesem unvorstellbaren Menschheitsverbrechen unmöglich zulassen, dass Israels Existenz bedroht wird. Wem das allzu rückwärtsgewandt klingt, wer historische Verantwortung für null und nichtig erklärt, der kann sich gerne an die Gegenwart halten. Denn mit Israel verbinden uns Werte, die wir zu schätzen gelernt haben: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit oder auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie anders sieht es im Iran aus. Dort werden Menschenrechte mit Füßen getreten und Oppositionelle von Folterknechten gequält. Ein Unterdrückungsstaat. Und einer, der ein anderes UNO-Mitglied von der Landkarte tilgen möchte. Da sollte es nicht schwerfallen, die richtige Wahl zu treffen. Aber Gemach. Noch herrscht zwischen Israel und dem Iran kein Krieg. Noch muss Berlin Jerusalem nicht als Waffenbruder zur Seite stehen. Noch haben die Diplomaten das Sagen. Noch ist nicht völlig ausgeschlossen, dass wirklich scharfe Sanktionen Wirkung zeigen. Und auch in Israel hat man, ungeachtet aller martialischen Worte, wenig Interesse, sich in ein militärisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang zu stürzen. Eigentlich wollen die Menschen dort lediglich in Ruhe und Frieden leben. Nur haben die Mullahs offenbar anderes im Sinn. Sie wollen den zionistischen Feind vernichten und am besten den Westen gleich mit. Über die Verbannung des Homer Simpson mag man noch schmunzeln. Und über die Sittenwächter in Teheran gleich mit. Bei Atombomben hört das Lachen allerdings auf. Denn dann ist er da, der Ernstfall.

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