Kommunikation gehört untrennbar zum menschlichen Wesen. Hans-Christian Ströbele

Du Jude! Du Opfer! Du Feind!

Der jetzt vorgestellte Antisemitismusbericht ist erschreckend. Nicht nur seine Ergebnisse, sondern auch das, was er übersieht. Jetzt tut Aufklärung dringend not.

Alarmierende Fakten, erschreckende Erkenntnisse, wichtige Bestandsaufnahme – die Reaktionen auf eine vom Bundestag in Auftrag gegebene Studie* über das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland fallen einhellig aus. Kein Wunder, bei dem Befund: Judenfeindliche Einstellungen sind „in erheblichem Umfang“ in der Gesellschaft verbreitet. Und sie reichen bis weit in deren Mitte. Jeder fünfte Bundesbürger, so lautet ein Ergebnis der am Montag vorgestellten Untersuchung, ist latent antisemitisch gesinnt. In Fußballstadien, an Stammtischen und auf Schulhöfen – überall wird abwertend über Juden geredet. Und allzu oft folgen den bösen Worten böse Taten.

So weit, so schlimm. Doch kein Grund, überrascht zu tun. Denn was die Experten in zweijähriger Arbeit analysiert und in ihrem Bericht festgehalten haben, kann beim besten Willen nicht als Neuigkeit durchgehen. Altbekanntes trifft auf Aufgewärmtes, vom Rechtsextremismus als bedeutendstem politischen Träger des Antisemitismus bis zum Internet als Brandbeschleuniger für gefährliche Hetze. Tiefgang? Fehlanzeige. Für das 200-Seiten-Papier gilt somit: Der Berg kreißte und gebar ein Mäuslein.

Judenfeindlichkeit unter Muslimen bedarf mehr Beachtung

Ein hartes Urteil, sicherlich. Aber von einem derartigen Expertengremium darf man deutlich mehr erwarten als solide Zusammengefasstes. Das gilt nicht nur für den Anti-Israelismus, der immer häufiger und unverhohlener als antisemitisch grundierter Antizionismus daherkommt. Auch und gerade die Judenfeindlichkeit unter Muslimen – jenseits des militanten Islamismus – hätte weit größere Beachtung verdient. Noch sei zu wenig darüber bekannt, weil entsprechende Forschungen fehlten, heißt es. Das klingt doch arg nach bequemer Ausrede, nach willkommener Flucht vor dem Unbequemen. Denn auch ohne wissenschaftliches Gerüst dürfte jedem halbwegs aufgeschlossenen Beobachter klar sein, dass Antisemitismus vor allem unter muslimischen Jugendlichen längst ein gleichermaßen erschreckendes wie gefährliches Ausmaß erreicht hat.

Ein Beispiel: Vor anderthalb Jahren flogen bei einem Stadtteilfest in Hannover Steine gegen eine israelische Tanzgruppe. Dazu gab es Juden-raus-Rufe. Die Täter: mehr als ein Dutzend Kinder und Jugendliche im Alter zwischen neun und 15 Jahren mit Migrationshintergrund, wie es in schönem Amtsdeutsch heißt. So früh kann Hass beginnen. Eine alarmierende, eine beängstigende Erfahrung.

Allerdings verschließen immer noch viele Multikulti-Fans ihre Augen vor dem Offensichtlichen, wollen nicht wahrhaben, was Realität ist. Abwiegeln, schönreden, wegschauen – all diese Ausflüchte schaden, wenn es gilt, sich des drängenden Problems endlich ernsthaft anzunehmen. Es ist eben kein unüberwindlich großer Schritt vom Ruf „Du Jude, du Opfer“ zum Ausüben von Gewalt. Sich dies einzugestehen, heißt nicht, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Doch mit den ewig gleichlautenden Hinweisen und hilflos wirkenden Erklärungsversuchen – Bildungsferne, sozialer Brennpunkt, bedrückende Verhältnisse – unterschätzt man die Gefahr, die von der Judenfeindschaft bei Muslimen ausgeht.

Aufklärung tut not

Sie ist real und alltäglich – in der Schule, in den Wohnzimmern, auf der Straße. Und sie wird, keine Frage, durch den Nahostkonflikt verschärft, der als anti-jüdische Propagandakost ungehindert durch Fernsehsender wie Al Manar frei Haus geliefert und verinnerlicht wird. So gehen Antizionismus, Anti-Israelismus, Antisemitismus Hand in Hand.

Da tun Aufklärung und eine gute Schule mehr als not. Auch bei denjenigen, die schon seit Jahrzehnten hier leben. Wenn wie in Hannover Gewalt ausgeübt wird, ist es allerdings längst zu spät für gute Worte. Dann müssen Polizei und Staatsanwaltschaft sich der Sache annehmen, Richter Recht sprechen. In Niedersachsen verurteilte das Gericht übrigens nur einen der Steine werfenden Jugendlichen zu einer Bewährungsstrafe (vorwiegend wegen anderer Delikte). Einen antisemitischen Tathintergrund habe man dem Beschuldigten jedoch nicht nachweisen können. Merkwürdig, oder?

Vielleicht kommt in dem Urteil einfach nur das zum Tragen, was der Judenfeindschaft-Report für den Bundestag treffend feststellt: Es gebe mittlerweile eine bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche antisemitische Tiraden und Praktiken. Wahrlich ein Grund, alarmiert zu sein. Denn dieser ressentimentgeladene Hass trifft nicht nur Juden und macht sie so zu Opfern einer menschenverachtenden Ideologie. Er ist vielmehr ein Angriff auf das Gemeinwesen, auf die Demokratie. Und damit auf uns alle.

*Den vollständigen Bericht können Sie hier herunterladen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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