Die Musik die vielleicht in 20 Jahren spannend sein wird, wurde bereits vor 100 Jahren komponiert. Karl Bartos

Droge Oskar

Die Linke hat am Wochenende in Erfurt ihr erstes Grundsatzprogramm verabschiedet. Das ist allerdings alles andere als modern, da alle führenden Köpfe der Partei von der Droge Oskar Lafontaine abhängig sind.

Die Reihen fest geschlossen. Dann schnell noch einen kräftigen Ruck nach ganz weit draußen, und schwuppdiwupp ist man im Niemandsland künftiger Bedeutungslosigkeit gelandet. Tschüss Regierungsfähigkeit, wir von der Linkspartei verabschieden uns bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in die Opposition. Wenn’s dazu überhaupt noch reicht.

Denn mit ihrem Treffen in Erfurt haben die Genossen selbst den Gutgläubigsten klar vor Augen geführt, dass mit ihnen hierzulande kein Staat mehr zu machen ist. „Demokratischer“ Sozialismus (was immer das sein mag) statt Kapitalismus, keine Kampfeinsätze der Bundeswehr, Auflösung der NATO, Banken in Gemeinschaftseigentum, bedingungsloses Grundeinkommen und die 30-Stunden-Woche – im Rausch des Kollektivs konnten sich fast 97 Prozent der Delegierten für das neue Grundsatzprogramm begeistern. Ein Abstimmungsergebnis, das selbst Erich Honecker selig mit Beifall bedacht hätte. Zumal eines, das radikal, ja fundamentalistisch nach Klassenk®ampf, nach Systemwechsel, nach Abgrenzung klingt. Aber eben keineswegs nach Modernität, geschweige denn Aufbruch und Konsensfähigkeit. Mit diesem Erfurter Programm hat sich die SED-PDS-WASG-Nachfolgetruppe aus dem hiesigen Parteienspektrum herauskatapultiert. Was heißt: Die Fünf-Prozent-Hürde wird zum unüberwindlichen Hindernis.

Rational erklären kann man diesen angekündigten Abschied von der politischen Bühne nicht. Weder Grüne noch Sozialdemokraten kommen auf dieser gesellschaftsfernen Grundlage künftig als Koalitionspartner infrage. Und ob ein solcher Ajatollah-Kurs zumindest beim geneigten Wähler ankommt, darf als äußerst unwahrscheinlich gelten.

Die Partei gleicht einem Junkie

Aber warum laufen dann selbst die (überwiegend ostdeutschen) Reformer innerhalb der Linkspartei sehenden Auges ins Abseits? Weil sie ebenso wie die (mehrheitlich westdeutschen) Hardliner unter dem Einfluss einer wirkungsmächtigen Droge stehen. Und die heißt Oskar Lafontaine. Von ihm, das hat der Parteitag in Erfurt in aller dramatischen Deutlichkeit gezeigt, sind die Genossen abhängig bis zur Selbstaufgabe. Einem Junkie gleich lechzt man nach den Worten und Taten des Saarländers. Ohne ihn als Verkörperung aller realitätsfernen Träumereien geht offenkundig gar nichts mehr. Oskar, weise uns den Weg! Auf der Strecke bleibt dabei jedoch der gesunde Politik-Verstand. Die Sinne, sie sind längst vernebelt. Vielleicht haben sich die Genossen deshalb bei der Frage nach der Legalisierung von Heroin und Haschisch am vergangenen Wochenende etwas verrannt. Schließlich sind sie selbst auf Droge.

Dass dieser offenkundig süchtig machende Zustand aus geistiger Umnachtung, weltfremder Euphorie und selbst verordneter Depression auch anhält, wenn Lafontaine sich mal ins stille Kämmerlein zurückzieht, dafür sorgt Sahra Wagenknecht. Bei Bedarf verabreicht sie in innerparteilich wirksamer Dosis die erprobte Oskar-Droge. Die Vertraute des einstigen Spitzen-Sozis und ehemaligen Bundeschefs der Linkspartei ist für diesen Job geradezu prädestiniert. Früher Ikone der „Kommunistischen Plattform“, gibt sie sich seit einiger Zeit ziemlich pragmatisch – ohne ihre Grundüberzeugungen tatsächlich über Bord zu werfen. So bereitet Wagenknecht geschickt Schritt für Schritt den Boden für ihren Aufstieg nach ganz oben. Wer bezweifelt noch ernsthaft, dass sie bald neben Gregor Gysi an der Spitze der Bundestagsfraktion stehen wird oder gar den Parteivorsitz übernimmt?

Geradewegs in die politische Sackgasse

Das wäre ganz in Oskar Lafontaines Sinne. Wagenknecht ist seine Gewährsfrau dafür, dass sich die Partei weiterhin in die Richtung entwickelt, wo das Herz gemeinhin schlägt. Vermutlich werden sich die Genossen schlussendlich am äußersten linken Rand wiederfinden. Und die Mauer in den Köpfen wird dann unüberwindbar hoch sein. Doch davon bekommen die meisten womöglich überhaupt nichts mit. Denn fatalerweise suggeriert das ständig verabreichte Aufputschmittel den Abhängigen, sie seien auf dem rechten, pardon: linken Pfad. Nur führt dieser geradewegs in eine politische Sackgasse. Allein der sofortige Entzug könnte das noch verhindern. Doch Oskar zu entsagen, dazu will sich die Linkspartei nicht aufraffen. Zu betörend ist seine Wirkung.

Da kann es schon mal zu krassen Ausfallerscheinungen kommen. In Erfurt zum Beispiel versuchten Gysi und Lafontaine, einen ganz Großen der deutschen Sozialdemokratie zu vereinnahmen. Willy Brandt gehöre ab sofort der Linkspartei, verkündeten die beiden Großkopferten vollmundig. Ein klarer Fall von feindlicher Übernahme. Eine infame zumal. Der erste SPD-Kanzler der Nachkriegszeit kann sich ja nicht mehr wehren. Aber er würde es sicherlich vehement tun, wenn er noch lebte. Dass diese dreiste Erbschleicherei von den Delegierten mit Bravo-Rufen gefeiert wurde, ist wohl auf einen besonders intensiven Oskar-Rausch zurückzuführen.

Doch auf jedes noch so schöne High folgt immer ein erbärmliches Stoned-Sein. Erst dann wird die Linkspartei registrieren, wie abhängig sie sich gemacht hat. Es könnte ihr letzter Stoßseufzer werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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