Mikrofone sind das einzige, was Politiker sich gerne vorhalten lassen. Frank Elstner

Lasst den Wowi im Dorf

Nach der Berliner Wahl fiebern Gabriel, Steinbrück und Steinmeier lächelnd der Bundestagswahl entgegen. Doch trotz allem Selbstbewusstsein könnte auch dort kein Weg an Wowereit vorbeiführen.

Das ist ein Ergebnis so recht nach Sigmar Gabriels Geschmack. Mit knapp über 28 Prozent zwar die Hürde zur großen Volkspartei gerissen, aber immer noch ausreichend Stimmen, um in Berlin erneut den Regierenden Bürgermeister zu stellen. Ja, die Sozialdemokratie ist wieder wer, lautet die Botschaft nach außen. Kein bemitleidenswerter Haufen mehr wie noch vor zwei Jahren. Die Parteihymne braucht einen neuen Titel: Brüder, zur Sonne, zum Sieg.

Wann wir schreiten Seit’ an Seit’

Doch die 28 Prozent zaubern dem SPD-Chef noch aus einem ganz anderen Grund ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht. Unausgesprochen könnte, ja sollte Klaus Wowereits Abschneiden nämlich den eigenen Genossen nach innen klar signalisieren: Als Anwärter auf die Kanzlerkandidatur ist der Tempelhofer aus dem Rennen. Denn ein Erfolg mit bundespolitischer Ausstrahlung sieht anders aus. Dafür hätte der Wowi schon deutlich über 30 Prozent holen müssen. Schade, Klaus. Hat einfach nicht gereicht.

Zum Glück – in dieser Einschätzung wird sich Gabriel mit seinen Troika-Kollegen Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier einig sein. Schließlich sind die Herren überzeugt davon, dass sie allein untereinander ausmachen, wer Angela Merkel spätestens 2013 herausfordern kann. Klar, jeder hält sich selbst für am besten geeignet bei diesem Job. Und der eine sollte dem anderen in dieser Angelegenheit tunlichst nicht über den Weg trauen. Nur lässt man sich das in der Öffentlichkeit kaum anmerken. Der Parteivorsitzende, der Ex-Finanzminister und der Fraktionschef geben die drei Musketiere – alle für einen, einer für alle. Schließlich geht es ums Große und Ganze: das Ende von Schwarz-Gelb. Da darf nichts und vor allem niemand die demonstrativ zur Schau getragene Eintracht stören. Sorry, lieber Klaus, kein Interesse an einer Wowi-Show. Bleib du mal im Roten Rathaus. Das muss reichen.

(…) fühlen wir, es muss gelingen:

Aber wird es dem so Ausgeschlossenen tatsächlich reichen? Wenn sich das derzeitige SPD-Führungstrio da mal nicht täuscht. Freund und Feind bescheinigen Wowereit einen ausgeprägten Machtwillen. Noch einmal fünf Jahre als Chef einer kleinen Landesregierung könnte aus seiner Sicht deutlich zu wenig sein. Dann schon lieber Hoffnungsträger. Ein ziemlich populärer zumal. Anders als Gabriel, Steinbrück und Steinmeier verbreitet Wowereit massenkompatiblen Glamour. Auch in der Provinz kennt und schätzt man den Promi. Er wirkt auf die Menschen anziehend. Ein Sympathieträger. Einer, der sich wie Altkanzler Gerhard Schröder aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat. Das mögen die Leute. Da fallen mangelnde Inhalte und programmatische Schwächen kaum ins Gewicht. Hauptsache, der macht was her.

Mit uns zieht die neue Zeit

Beliebtheit ist ein Pfund, mit dem Wowereit auch ohne Weiteres parteiintern wuchern könnte. Immerhin soll der SPD-Kanzlerkandidat per Mitgliedervotum bestimmt werden. Die Basis hat also das Sagen. Das könnte den Hauptstadtgenossen animieren, am Willen der dreiköpfigen Führungsmannschaft vorbei in den Ring zu steigen. Schwergewichte sind sie zwar alle, doch im leichtfüßigen, selbstbewussten Austänzeln hat der Berliner den anderen womöglich einiges voraus. Mal abwarten, wer letztendlich am Boden liegt und wer siegreich die Faust ballt.

An Unterstützung mangelt es Wowereit jedenfalls nicht. Gerade der linke Parteiflügel würde auf den 57-Jährigen setzen, weil er einer von ihnen ist. Und weil mit seiner Hilfe der unbeliebte Peer Steinbrück verhindert werden könnte. Der ehemalige Bundesschatzmeister gilt vielen nach wie vor als Agenda-2010-Buhmann, als Verräter an der sozialdemokratischen Sache. Und als einer, der sein Ding durchzieht, sich um Partei-Befindlichkeiten herzlich wenig schert. Ein rotes Tuch für die Roten. Also lieber Wowi gegen Steinbrück in Stellung bringen. Selbst auf die Gefahr hin, dass am Schluss keiner von beiden antritt und Steinmeier als Kompromisskandidat erneut ins Rennen gegen Merkel geschickt wird. Mit ihm könnten Linke wie Rechte ihren Frieden machen. Ober-Sozi Gabriel wiederum würde für sich zusätzlich den Fraktionsvorsitz sichern. Das garantiert ein Höchstmaß an Einfluss.

Und Wowereit? Der bliebe bei dieser Konstellation vermutlich Berlin verbunden, vorerst. Denn falls es 2013 für Rot-Grün im Bund reichen sollte, wären ja einige Pöstchen zu vergeben. Minister – das hätte nach dann zwölf Jahren Regierender Bürgermeister durchaus Charme. Eine neue Herausforderung, bis die nächste vielleicht wartet: 2017 Kanzlerkandidat der SPD. Und falls daraus nichts wird, hätte der Mann mit einem Hang fürs Mondäne wenigstens endlich Zeit, sein Handicap beim Golfen zu verbessern. Wenn das keine Aussichten sind.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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