Ich bin kein Pazifist. Egon Bahr

Selig sind die geistig Armen

Der Papst soll in der kommenden Woche im Bundestag sprechen – und die Linke hyperventiliert. Unser neuer Kolumnist kann bei so viel doktrinärer Ablehnung nur den Kopf schütteln.

Für die einen ist dieser alte Mann eine ziemlich teuflische Erscheinung. Ein Erzkonservativer, in dessen verquerem, sexfeindlichem Weltbild kein Platz für Schwule und Kondome ist. Der Chef einer gefährlichen Institution, die seit Jahrtausenden im Verborgenen ihr Unwesen treibt. Ein Anti-Modernist, ein Feind jeglicher Art von Aufklärung, ein Gangster.

Die anderen halten den Herrn für Gottes Sachwalter auf Erden, der in einer atheistischen Welt die christlichen Werte Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit bewahrt. Ein liebevoller, treusorgender Hirte über 1,2 Milliarden Seelen auf dieser Erde. Eine Lichtgestalt in großer Finsternis. Ein Anker, der gerade in Krisenzeiten Halt gibt.

Kaum eine Persönlichkeit vermag es, derart stark zu polarisieren wie der Papst. An seinem Tun und Lassen reibt man sich seit Jahrhunderten. Das gilt auch für Benedikt XVI. Kommende Woche besucht der 84-Jährige aus dem oberbayerischen Marktl für vier Tage offiziell Deutschland. Doch die Zeiten, als wir alle Papst waren, sind offenkundig vorbei. Es gibt lautstarke Kritik, Bedenken und Proteste. Sogar im ehrwürdigen Bundestag.

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe

Dort soll – auf Einladung des Parlaments! – Joseph Ratzinger am 22. September eine Rede halten. Viele Abgeordnete lehnen das als grundsätzlich falsch ab und wollen dem Auftritt demonstrativ fernbleiben. Man muss kein Freund des gegenwärtigen Würdenträgers – und der Institution, die er repräsentiert – sein, um diese Art der Missachtung eines Gastes als peinlichen Affront zu werten. Schließlich ist es ein Gebot von Höflichkeit und politischem Anstand, dem Oberhaupt der katholischen Kirche, dem Chef des Vatikanstaats zuzuhören. Danach kann man immer noch an dessen Worten herummäkeln.

Aber so weit wird es wohl gar nicht erst kommen. Denn wer meint, der Redner werde sich in die deutsche Innenpolitik einmischen, sich als „Schulmeister“ in Sachen Familie und Liebe aufspielen oder gar das Ende der Trennung von Staat und Kirche verkünden, der glaubt auch an den Osterhasen. Benedikt wird eine Standardansprache halten. Ein bisschen Frieden, ein wenig Mitmenschlichkeit, dazu die Bitte, den Armen zu helfen. Und wenn es ganz spannend werden sollte, findet er noch ein paar kritische Worte über den ungezügelten Finanzkapitalismus. Das kann einen interessieren, muss es aber nicht. Als echte Aufreger taugen solche Bekenntnisse ohnehin herzlich wenig.

Dennoch bringt der Ratzinger-Auftritt vor allem Mitglieder der Linkspartei richtig in Rage. Da wird der Papst als Oberhaupt eines antidemokratischen Staates beschimpft, der Vatikan als verlängerter Arm des Faschismus vorgeführt, die Glaubenskongregation, der Ratzinger viele Jahre vorstand, als Nachfolgerin der Inquisition gescholten. Klingt diabolisch, nach Verachtung, nach Häme und Hetze. Der Katholizismus – mein Feind. Religionsfreiheit? Nicht mit uns, wenn der Hexenmeister des Christentums den öffentlichen Frieden stört.

Wüste Verdammung von Links

Selig sind, die da geistlich arm sind, könnte man nun entschuldigend einwenden. Das allerdings würde nur ablenken vom eigentlichen Übel: maßloser Hass, den einige Linke bei passender und unpassender Gelegenheit gerne an den Tag legen. Verleumderischer Blödsinn, werden die Ulla Jelpkes und Andrej Hunkos jetzt aufheulen. Doch auf fatale Weise erinnert die doktrinäre Ablehnung des Papstes und seiner Kirche an die wüste Verdammung des Staates Israel.

Selbstverständlich ist sowohl am Verhalten des Vatikans als auch Jerusalems einiges kritikwürdig. Vor einer klaren Position muss auch in Sachen Nahost niemand aus falsch verstandener Rücksichtnahme zurückschrecken. Die Siedlungspolitik etwa stellt nun mal ein hohes Hindernis auf dem Weg zum Frieden mit den Palästinensern dar. Aber wie der jüdische Staat von Links teilweise verunglimpft wird, ist geradezu abstoßend. Israel – ein rassistisches Apartheid-System. Israel – eine herzlose Besatzungsmacht. Israel – ein waffenstarrender Kriegstreiber. Israel – ein durchtriebener Imperialist in Amerikas Auftrag. Israel – ein völkerrechtlich zumindest zweifelhaftes Gebilde. Und der Zionismus eine verbrecherische Ideologie. Kein Vorwurf ist abwegig genug, um ihn nicht gegen den demokratisch verfassten Staat zu erheben. Dieses Enthemmte, dieses Grenzenlose entlarvt die Kritik als gleichermaßen unsachlich wie unmoralisch.

Israel-Bashing hier, Papst-Bashing dort. Bestimmte Kreise innerhalb der Linken mögen es offenkundig deftig. Sie neigen zum unsachlichen, über die Stränge schlagenden Draufhauen. Damit sollte sich keiner gemein machen. Also: Bundestags-Bühne frei für Benedikt XVI.! Lasst ihn reden, hört ihm zu! Danach kann man sich gerne über das Gesagte echauffieren, ob als Parlamentarier oder Bürger, ob als Feind oder Freund des Kirchenmannes. Aber bitte Maß halten! Sogar Unsinn darf ruhig mal verziehen werden. Kein Mensch ist unfehlbar. Auch der Papst nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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