Die Rente ist sicher. Norbert Blüm

Der Neandertaler in uns

Wir tragen die gesamte Menschheitsgeschichte in unserer DNA, doch unsere genaue Herkunft blieb bisher rätselhaft. Dank moderner Gentechnik begeben wir uns jetzt auf Spurensuche und könnten selbst Neandertaler wieder zum Leben erwecken.

Lange Zeit stammte unser Wissen über die Frühgeschichte des Menschen aus zwei Quellen: vergleichenden Skelettstudien und prähistorischen Artefakten. Dabei trägt jeder Einzelne von uns die Geschichte der Menschheit mit sich herum. Sie ist einkodiert in unsere DNA. Bei der Übertragung der DNA von Eltern auf Kinder schleichen sich Kopierfehler ein, die – wenn sie keine schädlichen Konsequenzen haben – dann an künftige Generationen weitergegeben werden. Durch eine Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener DNA-Stränge können wir weit in die Vergangenheit des Menschen zurückblicken.

Die Gentechnik macht so große Fortschritte, dass manche bereits spekulieren, ob man den Neandertaler einmal zurück zum Leben erwecken könne. Man müsste dazu das Genom eines modernen Menschen modifizieren und in eine unbefruchtete Eizelle einpflanzen. Somatischer Zellkerntransfer nennt sich das Verfahren. Doch außer den offensichtlichen technischen Schwierigkeiten bleiben dabei immense ethische Fragen.

Die ersten DNA-Analysen waren relativ einfach: Man verglich nicht den eigentlichen Gen-Code, sondern Eigenschaften, die genetisch bedingt sind: Blutgruppen, Enzyme, Eiweiße. Dank des technologischen Fortschritts konnte man dann irgendwann die DNA von Menschen direkt mit der DNA von Affen vergleichen und beispielsweise feststellen, dass wir enger mit Schimpansen verwandt sind als mit Gorillas oder Orang-Utans. Durch eine Analyse der festgestellten Mutationen lässt sich rückschließen, dass sich der Mensch seit etwa sechs Millionen Jahren evolutionär vom Schimpansen entfernt. Durch Studien der mitochondrialen DNA – die nur von Frauen weitervererbt wird – wissen wir außerdem, dass jeder heute lebende Mensch eine gemeinsame Vorfahrin hat, die vor etwa 150.000 Jahren in Afrika gelebt haben muss. Dadurch wird die These gestützt, dass der Homo Sapiens sich erst vor relativ kurzer Zeit in Afrika entwickelt hat und von dort aus die anderen Kontinente besiedelte.

Wir haben alle die gleichen Vorfahren

Lange Zeit war es allerdings unmöglich, solche komplexen DNA-Analysen mit Erbgut durchzuführen, das aus Fossilien gewonnen wurde. 1997 ist es dann erstmals gelungen, mitochondriale DNA eines aus der Nähe von Düsseldorf stammenden Neandertalers zu isolieren.

Seitdem haben wir ein neues Kapitel der Wissenschaft aufgeschlagen und begonnen, das Genom zweier ausgestorbener Menschenarten zu untersuchen: von Neandertalern und von Denisova-Menschen. Aus Fossilienfunden war bekannt, dass Neandertaler in Europa und Westasien gelebt haben müssen und vor etwa 30.000 Jahren ausgestorben sind. Die Existenz des Denisova-Menschen war allerdings eine große Überraschung: Erst durch die Gen-Analyse eines aus Sibirien stammenden Zahns und Fingerknochens haben wir gelernt, dass Denisova-Menschen keine Neandertaler waren, sondern eine eigene (wenn auch eng verwandte) Art.

Bis 2010 sind wir gemeinhin davon ausgegangen, dass der moderne Mensch also vor etwa 150.000 Jahren in Afrika das Licht der Welt erblickt hat und von dort aus vor etwa 60.000 Jahren die anderen Kontinente besiedelt hat. Wir haben demnach alle die gleichen Vorfahren und haben uns erst im Laufe der letzten 60.000 Jahre auseinanderentwickelt. Beim Vorstoß in neue Gebiete stieß der Homo Sapiens auf andere Menschenarten wie den Neandertaler. Doch anstatt sich zu paaren, wurde die Konkurrenz im Laufe der Evolution verdrängt.

So weit die Lehrmeinung. Aus neuesten genetischen Analysen wissen wir allerdings, dass Menschen außerhalb von Afrika etwa zwei Prozent Neandertaler-DNA im Erbgut haben. Menschen in Asien und Australien haben außerdem etwa vier Prozent Denisova-DNA. Es gibt Hinweise, dass sich das Immunsystem des Menschen im Laufe der Evolution durch solche genetischen Einflüsse entscheidend verändert hat. Unsere älteste DNA stammt aus Afrika, und die Paarung mit lokalen Vormenschen dürfte unseren Vorfahren dabei geholfen haben, Resistenz gegen neue Krankheiten zu entwickeln. Sicher ist: Die Geschichte des Menschen ist komplexer, als wir denken.

Auf der Suche nach uns selbst

Welche Geheimnisse können wir unseren Vorfahren damit entlocken (außer der Feststellung, dass sie sich offenbar sehr eifrig miteinander gepaart haben)? Je mehr wir über unser Genom lernen, desto genauer können wir von genetischen Mutationen auf biologische Eigenarten schlussfolgern. Ein Beispiel: Mutationen des Melanocortin-Gens deuten darauf hin, dass es sowohl rothaarige als auch schwarzhaarige Neandertaler und Denisova-Menschen gegeben haben muss. Das Mädchen, von dem der untersuchte Denisova-Fingerknochen stammt, hatte beispielsweise dunkel getönte Haare, Haut und Augen.

Andere Vergleiche zeigen, dass Neandertaler und Denisova-Menschen mehr Erbgut mit Affen gemeinsam haben als der moderne Mensch – vor allem in Bereichen des Genoms, die für die Entwicklung von Knochen, Gehirn, Stoffwechsel, Fortpflanzung und emotionalen Fähigkeiten verantwortlich sind. In den kommenden Jahren werden wir in der Lage sein, eine zentrale Frage des Menschseins immer genauer zu beantworten: Wer sind wir? Was macht einen Neandertaler zum Neandertaler, einen Denisova-Menschen zum Denisova-Menschen und einen Homo Sapiens zum Homo Sapiens?

Ich hoffe, dass wir der Versuchung widerstehen und die Finger vom Klonen lassen. Unsere Vorfahren haben in einer Welt gelebt, die sich radikal von der Gegenwart unterschied – mögen sie weiterhin in Frieden ruhen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bündnis 90 Die Grünen, Mechthild Löhr, Nils Christian Hesse.

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