Die Ratte und der Geist

von Chris Pyak12.12.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Schreie der Ratte werden immer schriller. Sie verlangt Aufmerksamkeit. Sie verlangt Unterwerfung. Sofort. Die Ratte ist unsere Besorgnis. Sie kommt direkt aus der Amygdala. Jenem Teil unseres Gehirns der aus den Anfängen der Evolution übriggeblieben ist.

Weil die Ratte aus der Urzeit stammt, ist sie primitiv. Sie hat nur drei Ziele: Nicht gefressen werden, fressen und – Verzeihung – vögeln. Diese drei Ziele sind das Einzige was die Ratte interessiert. Darum hasst die Ratte Veränderung. Denn Veränderung bedeutet Ungewissheit. Ungewissheit bedeutet eine Gefahr für das wichtigste Ziel der Ratte: „Nicht gefressen werden.“ Ob es eine reale Gefahr gibt, interessiert die Ratte nicht. Die Amygdala (unsere Ratte) ist nicht Intelligenz, sondern pure Reaktion. Unreflektiert. Animalisch. Wir alle kennen die Ratte aus unserem täglichen Leben. Dort nennen wir sie „Besorgnis“. Wir wälzen uns im Bett und finden keinen Schlaf: Was wäre wenn…

Seit über 20 Jahren arbeite ich als Freiberufler und Unternehmer. Ich kenne die Ratte gut. Wie mein Kontostand im nächsten Monat aussehen würde: Ich wusste es fast nie. Trotzdem bin ich noch da und es geht mir gut. Was waren die letzten fünf, sechs, sieben Dinge um die Sie sich gesorgt haben? Wie viele dieser Dinge sind wirklich eingetreten? Sehen Sie? Die Ratte ist eine Drama Queen. Das ist der Unterschied zwischen Besorgnis und echter Angst. Besorgnis ist immer schwammig, unkonkret. Sie fürchtet was sie nicht kennt. Sie fürchtet was sie nicht genau fassen kann.

Besorgnis ist nie real. Sondern eingebildet.

Den Unterschied zwischen Besorgnis und Angst erkennen Sie sofort: Die Pistole die auf Sie gerichtet ist. Der Autounfall den Sie gerade erleben. Der Job der Ihnen gekündigt wird. Das ist Angst. Angst ist real und sie können sie präzise benennen. Besorgnis dagegen ergeht sich in Andeutungen und wird nie konkret. Das kann sie gar nicht. Denn sie basiert auf Einbildungen.

Das bringt uns zur Frage: Wer soll über Ihr Leben bestimmen? Einbildungen und schwammige Gefühle? Oder der Verstand. Das rationale Argument. Die kluge Abwägung verschiedener Güter. Der größte Feind der Ratte ist der Geist. Unser Intellekt sitzt im Gehirn in der Neo-Cortex. Das ist die berühmte „graue Masse“. Der Geist interessiert sich für das Morgen, für die Gemeinschaft und die richtige Balance. Das hasst die Ratte. Denn die Ratte will nur: Nicht gefressen werden, sondern fressen – und nach Möglichkeit vögeln.

Der Geist kann heute verzichten, um morgen ein besseres Leben zu führen. Der Geist kann sein Brot teilen, um einem anderen Menschen Gutes zu tun und eine Beziehung zu stärken. Der Geist hat den Mut völlig Neues zu wagen, um eine bessere Zukunft zu erschaffen.

Wer kontrolliert Sie?

Wer hat in ihrem Kopf das sagen, wenn es zur Sache geht? Wenn Sie die Chance haben ein Risiko einzugehen und Großes zu leisten? Wenn Sie die Gelegenheit haben großzügig zu sein oder kreativ? Fängt die Ratte an zu kreischen? Hier ist ein Tipp: Hören Sie nicht hin. Die Ratte ist eine Drama Queen. Sie will Aufmerksamkeit. Umso mehr sie ihr Beachtung schenken – umso mehr wird die Ratte Sie quälen. Ertragen Sie ihr Gekreische ohne zu antworten. Irgendwann hört sie auf.

Vertrauen Sie Ihrem Geist. Wägen Sie Argumente rational ab: Gibt es einen konkreten Anlass zur Angst? Oder nur „Befürchtungen“? Seien Sie großzügig. Leben Sie Ihre verrückten Ideen aus. Einige werden ihnen Spaß machen. Einige werden nicht funktionieren. Einige werden Sie weiter tragen, als Ihre kühnsten Träume. Ich mache seit über 20 Jahren jeden Tag dass was ich möchte. Nicht das was die Ratte verlangt. Ich bin weder besonders begabt, noch besonders klug. Ich habe auch kein reiches Elternhaus. Ich habe nur den Mut der Ratte den Mund zu verbieten. Sie können das auch. Ich wünsche es Ihnen.

Wer hat die Zivilisation erschaffen?

Ein Nachtrag: Achten Sie einmal genau darauf, wen verschiedene Politiker umwerben. Wenn Herr Höcke von der AfD vor „Krimigranten“ warnt: Dann spricht er zur Ratte. Denn die denkt nicht. Sie reagiert nur. Automatisch. Ohne ihre Einwilligung. Wie eine Aufziehpuppe. Wollen Sie sich manipulieren lassen?

Wenn Joachim Stamp seine Vorschläge zur Bewältigung der Flüchtlingskrise

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