Ich bin nicht der oberste Techniker der Nation. Wolfgang Schäuble

Höckes heiße, stinkende Luft

Nicht achtzig, sondern nur 62 Millionen Deutsche leben in unserem Land, behauptet Björn Höcke. Für ihn sind nur diejenigen der hier Lebenden wirklich deutsch, die „keinen Migrationshintergrund“ haben.

So schnell ist die AfD beim tumben „Ausländer raus“ gelandet. Ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, dass unser Grundgesetz etwas ganz anderes verlangt. Dort heißt es klar: „Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.“ (§116 GG).

Mir geht es um etwas anderes: Ich habe Herrn Höcke zugehört. Jetzt möchte ich ihn ernstnehmen. Darum werde ich für den Rest dieser Kolumne „Ausländer“ genau so definieren, wie Herr Höcke: Dazu gehört dann jeder, der nicht zwei deutsche Elternteile hat. Was würde es bedeuten, wenn sämtliche Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund unser Land verlassen? Was wären die praktischen Auswirkungen auf den „deutschen Arbeiter“?

Laut Zensus 2011 leben in Deutschland 79,6 Millionen Menschen. Davon haben 15,3 Millionen einen Migrationshintergrund oder sind Ausländer. Das waren 2011 also 19,3 Prozent. Das sind demnach 64 Millionen Deutsche ohne Migrationshintergrund. Welche Konsequenzen hätte es wenn diese 15,3 Millionen Menschen unser Land verließen? Genauer: Wie wirkt sich das auf Ihre Brieftasche aus?

Der „deutsche Arbeiter“ wird vor allem von den Sozialversicherungen belastet. Hier lassen sich die Auswirkungen einer „unvermischten“ Nation am deutlichsten zeigen. In 2011 lebten in Deutschland 52,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Dies ist das sogenannte „Arbeitskräftepotential“. Von diesen Menschen waren 20.8 Prozent „Ausländer“. Gleichzeitig waren 12,3 Millionen Menschen zwischen 65 und 79 Jahre alt. Diese müssen von den Arbeitnehmern durch ihre Rentenbeiträge finanziert werden. In dieser Gruppe gibt es nur 9,5 Prozent „Ausländer“. Diese Verteilung führte zu einem Rentenbeitrag von 18,7 Prozent für den „deutschen Arbeiter“ im Jahr 2011; mit dem Geld des „deutschen Arbeiters“ wurden aber auch 9,5 Prozent derjenigen, die Herr Höcke als Ausländer definiert, „durchgefüttert“. Dieses Geld würde uns der Vorschlag von Herrn Höcke sparen. Schauen wir mal, wie das 2011 hypothetisch ausgesehen hätte – und wie es dann ein Vierteljahrhundert später weitergegangen wäre:

Schritt 1: Deutschland hätte 2011 die Renten der 9,5% älteren Ausländer sparen können. Der Rentenbeitrag wäre auf 16,9 Prozent gesunken. Hurra!

Schritt 2: Dummerweise hätten wir damals aber alle „Ausländer“ aus dem Land geschickt. Also auch die 10,9 Millionen „Ausländer“ zwischen 15 und 64 Jahren. Deren Rentenbeiträge hätten die Deutschen zahlen müssen. Der Rentenbeitrag wäre schlagartig auf 21,3 Prozent gestiegen. Oh Schreck!

21,3 Prozent – das ist ärgerlich. Vor allem, weil es dabei nicht geblieben wäre. Herr Höcke erinnert uns auch daran, dass in Deutschland seit vierzig Jahren weniger Kinder geboren werden als alte Menschen sterben. Aus diesem Grund wächst die Zahl der Rentner Jahr für Jahr – während gleichzeitig viel zu wenig Berufseinsteiger nachrücken. Im Jahr 2026 – also elf Jahre von heute – sähe die Rechnung für den „deutschen Arbeiter“ also wie folgt aus:

Deutschland 2026

Nehmen wir mal an, 2011 hätte Herr Höcke seinen Willen bekommen. Dann wäre dies die Realität: Die Zahl der Arbeitnehmer ist um 5,4 Millionen gesunken. Es leben nur noch 47,0 Millionen Menschen zwischen 15 und 65 Jahren in Deutschland. 24,2 Prozent davon definiert Herr Höcke als „Ausländer”. Gleichzeitig ist die Zahl der Rentner um über sieben Millionen angeschwollen: Wir müssen jetzt 19,4 Millionen Rentner zwischen 65 und 79 Jahre versorgen.

Schritt 1: Der „deutsche Arbeiter“ – das sind Sie! – muss 7,1 Millionen zusätzliche Rentner ernähren. Der Rentenbeitrag steigt auf 29,5 Prozent. Doch Rettung naht. Denn von den schmarotzenden Rentnern sind 12,7 Prozent „Ausländer“. Diese schicken wir natürlich aus dem Land. Kein „deutscher Arbeiter“ soll für diese Parasiten zahlen. Sieht die Rechnung nicht gleich viel besser aus?

Schritt 2: Deutschland spart die Renten der 12,7 Prozent Ausländer in dieser Altersgruppe. Der Rentenbeitrag sinkt auf 25,7 Prozent. Hurra!

Schritt 3: Dummerweise fehlen auch 11,4 Millionen Ausländer zwischen 15 und 64 Jahren. Deren Rentenbeiträge müssen jetzt die Deutschen zahlen. Deswegen steigt der Rentenbeitrag auf 33,9 Prozent. Mehr als ein Drittel ihres Gehalts geht jetzt für die Renten der alten Menschen drauf. Damit ist die Geschichte natürlich immer noch nicht zu Ende. Denn dummerweise hat Herr Höcke ein paar weitere Fakten nicht bedacht. Es gibt in Deutschland zum Beispiel weitere vier Millionen Rentner. All jene, die älter als 79 Jahre sind. Diese sehr alten Menschen sind fast alle auf Pflege angewiesen. Und ihre Zahl wird sich in den nächsten elf Jahren auf acht Millionen verdoppeln. Pflege kostet natürlich extra. Und braucht Fachkräfte, die es dann bei uns nicht mehr gibt. Denn mit den „Ausländern“ haben wir vor allem die jungen Menschen weggeschickt: Ein Drittel der Jugend sind, laut Höcke, nun schon „Ausländer“.

Darüber hinaus haben ein Fünftel unserer Konsumenten das Land verlassen. Darum sinkt natürlich die Umsätze der Firmen, die gezahlten Steuern sinken entsprechend. Aber das ist ja „nicht schlimm“, denn schließlich lebt Deutschland vom Export. 40 Prozent unseres Bruttosozialprodukts wird im Ausland erwirtschaftet. Nur, wie überaus bedauerlich: Im Ausland leben zu 99,9 Prozent – Ausländer! Und die würden garantiert keine Geschäfte machen mit einem rassistischen Land voller Idioten.

Wer nachbohrt, merkt schnell: Wenn es konkret wird, ist bei Pegida, AfD und Co. sofort die Luft raus. Die dumpfe Hetze gegen Ausländer schadet unserem Land. Jedem Einzelnen von uns. Verteidigen wir die offene Gesellschaft!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Chris Pyak: Die Ratte und der Geist

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