Eine Türkei, die sich wirklich vorbehaltlos gegenüber der politischen Kultur des Westens öffnet, wäre ein denkbares Mitglied. Heinrich August Winkler

Gut und ein bisschen langweilig

Hoverboards und fliegende Autos. Selbstschließende Turnschuhe und ein Fax in jedem Haushalt. Marty McFly und Doc Brown besuchten uns in der heutigen Welt, der Film datiert aus dem Jahr 1985. Ich erinnere mich daran, als wäre ich gerade erst in den DeLoreans gestiegen.

Was mir aus den 1980ern am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist: Der großartige Optimismus. Das Leben war gut und ein bisschen langweilig. Wir Jugendlichen dachten: „Wir werden leben wie unsere Eltern, nur irgendwie … cool!“ Und der Optimismus war überall. Jeder schien jung, quasi schon im Vorgriff auf die Zukunft unglaublich cool und vor allem: voller Hoffnung. Lange dachte ich, das habe nur daran gelegen, dass ich selber jung war – und darum nur auf junge Leute geachtet habe. Heute weiß ich: Mein subjektives Gefühl beruhte auf Fakten. 1985 waren 42 Prozent der Deutschen jünger als 30 Jahre. Wir waren eine junge Gesellschaft.

Natürlich gab es auch damals Untergangspropheten: Die Grünen ermahnten uns mit tragischer Miene dass man „Geld nicht essen kann“. Saurer Regen und Waldsterben würden uns alle in den Hungertod treiben. Wir haben sie für sektiererische Spinner gehalten und ausgelacht. Das Schauermärchen vom Waldsterben konnte uns nicht ängstigen, dafür war die reale Gefahr zu groß: Modern Talking. „You’re my heart, you’re my soul“ und “Cheri, Cheri Lady” sind zwei Folterinstrumente aus dem Jahr 1985. Zum Glück waren da aber auch „Take on Me“ von A-Ha, „Rock me Amadeus“ von Falco und die Hymne der optimistischen 80er Jahre: „Live is life“ von Opus.

Und wenn wir ehrlich sind: Unser Optimismus war gerechtfertigt. Wann haben Sie sich zum letzten Mal um Waldsterben oder sauren Regen gesorgt? Die Welt ist heute eine unendlich bessere als damals. Noch in den 70er Jahren lebte die Hälfte der Weltbevölkerung in extremer Armut. Heute sind es nur noch zwölf Prozent. Die UN hat gerade ein neues Ziel gesetzt: In 15 Jahren wollen wir extreme Armut vollständig besiegen. Weltweit. Die Kindersterblichkeit ist massiv gesunken, neun von zehn Mädchen weltweit gehen in die Schule und die Überbevölkerung hat sich als Mythos erwiesen. Heute wissen wir: Die Menschheit wird auf zehn bis elf Milliarden Menschen wachsen und dann stagnieren. Eine Größenordnung, die wir schon heute ernähren können.

Auch den Menschen in Deutschland geht es unendlich viel besser. 1985 lag die Arbeitslosenquote in Westdeutschland bei über neun Prozent. Fast vier Millionen Menschen waren im Westen ohne Arbeit. Im Osten quälte die SED (heute: Die Linke) ihr Land langsam Richtung Ruin. Vom freien Wort und offener Diskussion konnten die Insassen der DDR nur träumen. Ich selbst träumte von einem Hifi Schallplattenspieler und in meinen realistischeren Momenten von einem Walkman.

Heute liegt die Arbeitslosenquote im vereinigten Deutschland bei 6,5 Prozent. Das ist ein Drittel weniger als 1985. Statt dem Walkman nutzen wir iTunes, youtube oder netflix. Wir arbeiten weniger, verdienen mehr und sind trotzdem nie zufrieden. Warum eigentlich?

Der Optimismus ist verloren gegangen. Aber die Fakten rechtfertigen das nicht. Die Welt ist objektiv viel besser als 1985. Aber wir sind älter geworden. Als einzelne Menschen und als Gesellschaft: Die Hälfte der Deutschen ist älter als 47 Jahre. Und mit dem Alter kam die Angst vor Veränderung. Die Welt verändert sich rasant. Nicht mehr graduell, sondern revolutionär. Das macht uns Angst. Dabei übersehen wir: praktisch alle Umwälzungen machen unser Leben deutlich besser.

Wer möchte noch auf das Internet verzichten? Auf weltweiten Handel, der unsere Produkte günstig macht? Schauen Sie sich in ihrem Zimmer um: Welches Produkt finden Sie, dass nicht in internationaler Kooperation entstanden ist?

Die heutigen Revolutionen machen unser Leben besser

Die Angst ist in unserem Kopf. Nicht in der Realität. Früher waren es die Grünen die uns mit Horrorszenarien erschrecken wollten. Heute ist es die extreme Rechte. „Asylchaos“ schreien sie und prognostizieren den „Untergang des Abendlandes“. Sie geilen sich auf an der Apokalypse. „Erwischt!“ schreien sie voll hämischer Genugtuung, wenn irgendwo ein Ausländer eine blonde deutsche Frau als „Kartoffel“ tituliert. Wie frustrierend für sie, dass die Götterdämmerung ausbleibt. Die Bürgermeister der 30 größten Städte sind enttäuschend gelassen. Dort wo die Flüchtlinge wirklich ankommen und betreut werden, kann man kein Chaos erkennen. „Wir kriegen das hin“, sagen die Frauen und Männer der Praxis. Ausgerechnet!

Wenn wir ehrlich sind: Dass hätten wir wissen können. Wir brauchen nur mit offenem Blick durch unsere eigene Stadt zu gehen und erkennen: Nichts. Wo bemerken Sie einen Unterschied zu früher? Wo erkennen Sie eine Krise? Die Wirklichkeit heute ist wie die 80er: Gut und ein bisschen langweilig. Wenn Sie nach Nervenkitzel und einer Aufgabe im Leben suchen: Erschaffen Sie etwas dass unser Leben besser macht. Vielleicht das fliegende Hoverboard oder auch nur einen witzigen Youtube Clip. Geniessen Sie das Gefühl einen anderen Menschen zum Lachen zu bringen.

Und genießen sie die Vorteile der Globalisierung: In Madrid, Novosibirsk und Kuala Lumpur leben Menschen mit der gleichen Begeisterung für Briefmarken, elektronische Musik der 70er Jahre und das frühe Mittelalter wie Sie. Eine ganze Welt von neuen Ideen und neuen Freundschaften. Vielfalt ist keine Gefahr, sondern macht unser Leben reicher, farbenfroher, spannender. Hören Sie nicht auf jene, die ihnen Angst machen und sich selbst als Messias verkaufen. Denken Sie an den guten Rat aus „Per Anhalter durch die Galaxis“, wo die Lösung aller Fragen „42“ ist: „Es ist ein Fehler zu glauben, dass Du jedes Problem nur mit Kartoffeln lösen kannst“.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Chris Pyak: Die Ratte und der Geist

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