Nie wieder ins Büro

von Chris Pyak16.10.2015Wirtschaft

Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Italien und Frankreich ist alarmierend – Millionen von gut ausgebildeten Europäern sind ohne Job. Arbeitsmobilität und der Abbau von Sprachbarrieren stellen einen Lösungsansatz dar, meint unser Kolumnist Chris Pyak.

Es klafft ein Abgrund zwischen dem Leben, das Du genießen könntest und der Wirklichkeit in Europa. Besonders wenn es um Deine Karriere geht. So könnte Dein Leben nach der Universität aussehen: Es gibt wenig Arbeitsplätze, aber Du machst Dir keine Sorgen. In Deinem Erasmus-Semester hast Du ein paar Freunde gemacht und die verschaffen Dir ein Praktikum in Stockholm. Das Praktikum führt zu Deinem ersten Job in Berlin. Du arbeitest hart am Tag und feierst härter in der Nacht. Nach drei Jahren ziehst Du nach Paris. Deine erste Senior Position. Du triffst jemanden und verliebst Dich. Gemeinsam mit Deinem Schatz nutzt Du eine Chance und ziehst nach Amsterdam. In den Niederlanden garantiert der Staat Dein Recht, im “Home Office”:https://www.eerstekamer.nl/begrip/english_2 zu arbeiten. Das nimmst Du gerne wahr. Dein erstes Kind wird geboren.

Es wäre schön, wenn die Großeltern in der Nähe wären. Also entscheidest Du Dich, Dein Kind in der Heimat aufzuziehen. Deinem niederländischen Chef ist es egal, ob Dein Home Office am anderen Ende der Stadt oder zweitausend Kilometer entfernt ist. Du wirst Freiberufler und arbeitest für Kunden in ganz Europa. Du arbeitest weniger, verdienst mehr und Du bist unabhängig. Du hast ein gutes Leben. Deine Kinder werden erwachsen und Du spürst: Es ist Zeit für den Ruhestand. Also packst Du mit Deinem Schatz eure sieben Sachen und verbringst den Lebensabend an einem sonnigen Strand in Portugal.

Hört sich nach einem guten Leben an, nicht wahr?

Die Wirklichkeit sieht so aus: Artikel 45 der Europäischen Verträge gibt Dir das Recht überall in Europa zu arbeiten. Aber das ist reine Theorie. Du hast einen Abschluss von der Universität Madrid. Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien beträgt 50 Prozent. Also ziehst Du nach Deutschland, um Arbeit zu finden. Du bewirbst Dich bei hundert Firmen und hörst jedes Mal das Gleiche: „Es tut uns leid – aber Sie sprechen kein Deutsch“. Die wirklichen Aufgaben der Stelle würdest Du leicht bewältigen, aber niemand gibt Dir eine Chance. Ich treffe Dich am Flughafen: Du lässt Deine Schultern hängen, Dein Kopf ist gesenkt: Du bist besiegt, zerschlagen. Verbittert und hoffnungslos kehrst Du nach Hause zurück. Die Hälfte der Spanier und Griechen, die voller Hoffnung zu uns kommen, verlässt Deutschland, noch ehe das erste Jahr zu Ende ist. Das hat die OECD herausgefunden.

Die am besten ausgebildete Generation aller Zeiten, hat keine Gelegenheit ihr Wissen in Fähigkeiten umzuwandeln. Zur gleichen Zeit braucht Nordeuropa dringend Fachkräfte. Allein in Deutschland brauchen wir in den nächsten “15 Jahren”:http://www.pyak.com/a-glimpse-into-the-future-of-a-retired-nation/ rund sechs Millionen Arbeitskräfte – nur um die Generation der Baby Boomer zu ersetzen. Schon jetzt sind 540.000 Stellen unbesetzt. Gleichzeitig ziehen jedes Jahr 700.000 EU Bürger nach Deutschland. Warum finden Jobs und Fachkraft nicht zu einander?

Im letzten Jahr habe ich mit 500 Personalern gesprochen. Alle wollen im Ausland rekrutieren und anscheinend rauchen sie alle Gras: Sie können sich nicht von der Illusion trennen, dass sie im Ausland Fachkräfte finden, die bereits Deutsch sprechen. Nur 3,5 Prozent aller Stellenangebote sind auf Englisch verfügbar. Das sind 19.000 Jobs für 700.000 EU-Bürger.

Was wäre, wenn Sie nur Software Developer, Business Analysten oder Marketing Experten einstellen würden, die rote Haare haben? Mit der fachlichen Qualifikation hat die Haarfarbe nichts zu tun, aber die Erfolgsaussichten wären genauso hoch wie die Chance, dass sie deutschsprachige Programmierer, Analysten oder Marketing Experten im Ausland finden: Etwa 1,5 Prozent. Die Lösung ist offensichtlich: Wenn es Millionen Jobs in Nordeuropa gibt und Millionen gut ausgebildete Arbeitslose in Südeuropa: Bringt sie zusammen! Daher: erlaubt jungen Fachkräften, auf Englisch in der Firma anzufangen und die lokale Sprache „on the job“ zu lernen. Nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa. Gebt Europäern die Freiheit, für die besten Firmen zu arbeiten und von den besten Leuten zu lernen. Nicht nur von denen, die zufällig die gleiche Sprache sprechen, sondern von den begabtesten Menschen in ganz Europa. Wir könnten zwei Millionen “Arbeitsplätze”:http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+REPORT+A8-2015-0222+0+DOC+XML+V0//EN&language=en in Europa schaffen, wenn die Arbeitsmobilität bei uns ebenso hoch wäre wie in den USA, sagt Martina Dlabajova (ALDE party) in ihrem Bericht für das Europäische Parlament.

Arbeitsmarkt als Smartphone

Ich arbeite als internationaler Recruiter. Das größte Hindernis bei der Stellenbesetzung ist nicht Talente zu finden – jedenfalls nicht, wenn man weltweit sucht. Das größte Hindernis ist: Die besten Kandidaten sind oft nicht bereit umzuziehen. Das nennt man „Mismatch“ und gilt ebenso für Regionen innerhalb Deutschlands wie weltweit. Ich bin der festen Überzeugung: Wir können nicht nur Krisen bewältigen. Wir können den Menschen ein besseres, glücklicheres Leben ermöglichen. Dazu müssen wir nichts abgeben. Wir müssen nur die Hindernisse aus dem Weg räumen, die Menschen davon abhalten sich selbst eine glückliche Zukunft aufzubauen.

Wir brauchen einen Arbeitsmarkt der dem einzelnen Menschen die größten Möglichkeiten eröffnet. Dafür muss der europäische Arbeitsmarkt wie unser Smartphone funktionieren: Millionen individueller „apps“: Das sind unsere Fähigkeiten und unsere Erfahrung. Trotzdem können all diese apps miteinander kooperieren. Denn sie alle nutzen ein gemeinsames „Operating System“. Beim Handy ist das Android, in der wirklichen Welt ist es Englisch. Zwei Drittel aller Europäer zwischen 18 und 42 Jahren ist der englischen Sprache mächtig. In der Geschäftswelt ist Englisch längst die lingua franca – vor allem für eine Exportnation wie Deutschland.

Stell Dir vor, Du könntest in ganz Europa arbeiten. Nicht theoretisch, sondern wirklich. Stell Dir vor, Du könntest bei jeder Firma auf Englisch anfangen und die lokale Sprache „on the job“ lernen. Ich wünsche Dir eine großartige Karriere. Ich wünsche Dir die Chance auf „jeden Job, überall“. Der “Economist”:http://www.economist.com/blogs/freeexchange/2014/01/european-labour-mobility weist darauf hin: Nur mit hoher Arbeitsmobilität kann der Euro funktionieren.

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