Die Knechte des Mittelalters

von Chris Pyak3.10.2015Gesellschaft & Kultur

Wir erleben in diesen Tagen nichts Geringeres als einen Angriff der vorwissenschaftlichen Welt auf die Errungenschaften der Aufklärung. Das Islamisten, Pegida und Anhänger des „Heiligen Russlands” so oft zu Beleidigungen und persönlicher Verleumdung greifen, ist kein Zufall.

„Tyranny is the deliberate removal of nuance”. Der grundsätzliche Konflikt zwischen der offenen Gesellschaft und ihren Feinden in einem einzigen Satz zusammengefasst. Geäußert hat ihn kein Politiker und kein religiöser Führer, sondern jemand, der von Berufs wegen Thesen und Ansichten mit einem großen Fragezeichen versieht: der Komiker Russell Brand.

Mit nur fünf Buchstaben und einem Satzzeichen hat die Aufklärung den Menschen befreit. Eine einzige Frage hat das finstere Mittelalter verbannt: „Warum?” Statt blindem Glauben hat die Aufklärung den Zweifel auf den Thron gehoben. Jede These muss durch ein Argument unterlegt werden. Jede Behauptung verlangt nach einem Beweis. Wenn Du mich nicht überzeugen kannst, dann kannst Du mir gestohlen bleiben. Hegels Weltgeist schmollt in der Ecke, während die Menschen tausend neue Ideen ausprobieren, Fehler machen, scheitern und wieder von vorne beginnen. Stück für Stück erschaffen sie eine bessere Welt – „Trial and error.“ Logischerweise musste der Tag kommen, an dem die Brüder Wright den Menschen Flügel verliehen. Wo einst Engel sangen, quälen sich heute Reisende in zu engen Sitzen. Wo heilige Stille herrschte, klingen die blechernen Meldungen über den Landeanflug aus dem Lautsprecher.

Der Stil der Debatte ist zentraler Teil des Angriffs.

Wir haben das Himmelreich gewonnen. Nicht durch blinden Glauben, sondern durch das hartnäckige Beharren auf rationalen Argumenten und nachvollziehbaren Begründungen. Der genaue Blick aufs Detail und die differenzierte Betrachtungsweise haben uns wohlhabend gemacht. Wer den Begriff „Himmelreich“ für die westliche Welt für überzogen hält, sollte einen Blick auf den Wohlstandsindex werfen: selbst ein Hartz-4-Empfänger ist reicher als 85 Prozent der übrigen Weltbevölkerung.

Wer die offene Gesellschaft zerstören will, muss darum das sachliche Argument bekämpfen; den genauen Blick aufs Detail und die mit Fakten unterlegte These. Darum lassen sich die Feinde der offenen Gesellschaft nicht auf eine Sachdiskussion ein. Darum lieben sie den hysterischen Ton, die völlig überzogene Behauptung und den persönlichen Angriff auf Andersdenkende: all diese unredlichen Mittel der politischen Debatte zersetzen die Grundlage der offenen Gesellschaft: die Erkenntnis, das alles Wissen vorläufig ist und Behauptungen gut begründet sein müssen. Offensichtlich wird dies dort, wo staatliche Propaganda die freie Gesellschaft vernichten will. Russia Today und Sputnik wollen niemanden von ihren Lügengeschichten überzeugen; ihr einziges Ziel ist es, den Glauben an echte Erkenntnis zu zersetzen: „Wozu sich die Mühe machen, Quellen zu studieren? Ist doch eh alles gelogen!“

Rückkehr zu Lehnsherren, Knechten und Aberglauben

„Lügenpresse!“ schreit Pegida nicht (nur), weil die rechten Menschenhasser zu dumm für ein echtes Argument wären. Tatsächliche Argumente wären gar nicht im Sinne ihrer Strategie. Es geht der „Bewegung“ nicht um sachliche Fragen, sondern um eine grundsätzlich andere Welt. Eine Welt in der sich niemand mehr mit den lästigen Details der Wirklichkeit abgibt, sondern die Dinge einfach und fest geordnet sind. Eine Welt, in der jeder auf dem Platz steht, auf den er gestellt wurde. Eine Welt ohne unbequeme, anstrengende Zweifel. Das vereint die „Patriotischen Europäer“ mit Putins „Heiligem Russland“, mit Salafisten und anderen Sekten. Der jeweilige Aufhänger mag unterschiedlich sein, dass Projekt ist immer das gleiche: die Rückkehr zu Lehnsherren und Knechten, zu Aberglauben statt wissenschaftlicher Erkenntnis.

Egal, wie sie heißen, die Knechte des Mittelalters benutzen die gleichen Folterwerkzeuge: sie schüren hysterische Weltuntergangsängste und verweigern jede “differenzierte Diskussion”:http://www.theeuropean.de/heinrich-schmitz/9215-wie-mit-gegenfragen-diskussionen-vermieden-werden. Werden ihre Behauptungen widerlegt, deuten sie sich zu „Opfern“ um, jede Diskussionen ziehen sie möglichst rasch auf die emotionale, persönliche Ebene – bis hin zu Beleidigungen. Haben sie das geschafft, ist es egal, ob sie das eigentliche Thema besetzen oder nicht: die kritische Analyse, die differenzierte Betrachtung, die mit Fakten belegte These haben verloren. Und die Sonne der Aufklärung wird durch weitere Wolken verdunkelt.

„Die totalitäre Revolte gegen die Zivilisation ist so alt wie die Zivilisation selbst“, schrieb Karl Popper seinem Freund Ernst Gombrich. Heute sind diese Kräfte wieder entfesselt und es ist unsere Aufgabe, die Zivilisation gegen die Barbarei zu verteidigen. Das gelingt am Besten, indem wir das sachliche Argument verteidigen und auf Differenzierung bestehen. Das kann sogar eine Menge Spaß machen. Vor einigen Monaten hatte ich Gelegenheit, mit einem führenden Funktionär von „Pro NRW“ zu diskutieren. Anstatt ihn für seine Stammtischparolen zu kritisieren, habe ich mit Detailfragen zur konkreten Umsetzung seiner Forderungen gelöchert: wie genau wolle er die Renten finanzieren, wenn alle Ausländer Deutschland verlassen? Was sind seine Vorschläge, um die rund 1.5 Millionen zusätzlicher Pflegefälle in den nächsten zehn Jahren zu betreuen? Nach zwei, drei Sätzen geriet er ins Schwimmen, nach fünf Minuten war auch dem letzten Zuhörer klar: rechtsradikale sind Maulhelden, ohne Plan für die praktischen Probleme der Menschen. Das hat Spaß gemacht und zeigt: unsere Welt ist zu kompliziert für die tumben Pauschalisierungen der Büttel und Leibeigenen.

Mangelnde Pflege führt zu schlechtem Atem

Das zweite Mittel ist ernster und härter. Die Väter (und eine Mutter!) des Grundgesetzes haben erlebt, was einer Gesellschaft blüht, die sich nicht wehrt. Darum haben sie die Bundesrepublik als wehrhafte Demokratie verfasst. In unserem Land darf man seine Meinung frei äußern. Doch wer zu Hass und Gewalt aufruft, wird bestraft. Wir putzen unsere Zähne jeden Tag – genau so müssen wir unsere Diskussionskultur pflegen. Besonders jetzt, da sie aktiv angegriffen wird. Darum zeige ich jede strafrechtlich relevante Hetze an – genau so wie jede persönliche Beleidigung. Jedesmal, wenn wir Beleidigungen und rassistische Ausfälle hinnehmen, verschiebt sich die Diskussionskultur weg von der Aufklärung und hin zum Totalitarismus. Genau wie beim Zähne putzen gilt: mangelnde Pflege führt zu schlechtem Atem.

Die absoluten Gewissheiten von Religion und Ideologie mögen berauschend und romantisch erscheinen – den Himmel haben wir dieser Dreifaltigkeit zu verdanken: sachliches Argument, offene Diskussion und „Trial and Error“. Diese Einsicht lebt auch Russell Brand, und er setzte sie auf seine Art um: „Ich glaube an die große Liebe. Und damit ich sie schneller finde, teste ich immer zwei Mädchen gleichzeitig.“

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