Das Etikett "Flüchtling"

von Chris Pyak24.09.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Laut der polizeilichen Kriminalstatistik sind Menschen mit Migrationshintergrund in der Regel gesetzestreu. 92,5 aller Ausländer sind rechtschaffene Bürger, bei den Deutschen sind es 97.8 Prozent – der Unterschied ist immer noch überschaubar. Woran liegt es, dass Negativbilder über Fremde und Zugewanderte dennoch so stark in unseren Köpfen verankert sind? Chris Pyak sucht nach einer Antwort.

Polizeieinsatz in Ungarn: hunderte Flüchtlinge versuchen, die Absperrungen zu durchbrechen. Die Kamera filmt einen älteren Mann; dicker Wintermantel, schwer beladen mit einem großen Rucksack und einer grünen Plastiktüte. Zusätzlich schleppt er einen großen Jungen auf seinem Arm. Trotzdem versucht der Mann der Polizei zu entkommen. Eine Kamerafrau stellt ihm absichtlich ein Bein. Der Mann fällt und das Kind wird unter ihm begraben. Es schreit vor Angst und Schmerz. Die Bilder gingen um die Welt. Millionen von Menschen empörten sich über die Boshaftigkeit der Kamerafrau. Der rechtsradikale Sender, für den sie arbeitete, hatte keine Wahl und musste sie entlassen.

Flughafen Madrid: Kamerateams, Blitzlichtgewitter – die spanische Fußballakademie hat einen neuen Trainer eingestellt. „I love Madrid. I love Spain“, sagt O. Mohsen, der Neuzugang der Akademie. Sein neuer Chef erklärt den Kameras die Motivation hinter der Personalentscheidung.

Ausländer sind rechtschaffene Bürger

Zwei Situationen, die gleiche Person. Osama Abdul Mohsen war Fußballtrainer beim Tabellen Zweiten in Syrien. Er floh vor Krieg und Verfolgung nach Europa. Jetzt arbeitet er als Trainer in Spanien. Person und Situation – wir verwechseln sie zu oft. Wir sehen einen Menschen der flieht und unser Gehirn klebt ihm ein Etikett auf: Flüchtling. Dieses Etikett macht es uns einfach. Wir haben Flüchtlinge schon früher gesehen. Wir haben uns ein Bild gemacht. Wir wissen damit, wer er ist. Zumindest glauben wir das. Das Etikett ist immer unvollständig und oft gänzlich falsch.

Ein Polizeibeamter erlebt zum Beispiel viele Kriminelle; ein Teil davon sind Ausländer. Das führt oft zu dem Fehlschluss: Ausländer sind kriminell. Die richtige Schlussfolgerung wäre aber: Kriminelle sind oft Ausländer. Denn nur weil alle Bananen gelb sind, bedeutet das nicht, dass alles Gelbe eine Banane ist. (Tatsächlich werden 92.5% aller Ausländer in Deutschland keiner Straftat beschuldigt. Eine Verallgemeinerung, die der Wirklichkeit besser entspräche, wäre also: Ausländer sind rechtschaffene Bürger.)

Wir lieben den Schnappschuss

Wir sehen einen Mann auf der Flucht. Wir denken: „Flüchtling“. Wir sehen einen Fußballtrainer bei einem Bundesliga Spiel. Wir denken: „Fußballheld“. Beides sind nur Schnappschüsse. Das Leben ist aber kein Standbild, festgefroren und unveränderlich. Das Leben ist ein Film. Vor der Flucht gab es viele tausend kleine Szenen: Kindheit, Ausbildung, Erfolge, Liebe. Nach der Flucht gibt es auch viele Szenen: Hilfsbereitschaft, neue Aufgaben, neue Erfolge und ein neues Zuhause.

Wir sitzen im Kino. Ob wir eine Love Story, einen Horrorfilm oder eine Komödie sehen, wissen wir erst, wenn der Abspann erscheint. Das ist etwas, was auch gute Menschen vergessen: denn nicht nur Menschenfeinde beurteilen andere nach dem Etikett. Viele positive und hilfsbereite Menschen vergessen ebenfalls, dass sie eine Kinokarte gelöst haben. Für diese guten Menschen bleibt der Flüchtling immer ein „Opfer“. Sie kommen nie auf den Gedanken zu fragen: „Was kannst Du zu unserer Gesellschaft beitragen? Welche Fähigkeiten hast Du?“ Ich finde dies ebenso entwürdigend und respektlos, wie den Hass der Menschenfeinde. Wir lieben den Schnappschuss – denn so ein Foto können wir in die Akte stecken. Und die Akte legen wir ab. Auf den Film müssen wir uns ganz einlassen, damit wir das Happy End genießen können. Genau hier unterscheiden sich liberale von allen anderen Weltanschauungen. In unserem Film gibt es keine Statisten. Jeder einzelne Mensch hat eine Charakterrolle.

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