Patriotismus verpflichtet

Charlotte Knobloch2.09.2014Gesellschaft & Kultur, Politik

Nur wer stolz auf sein Land ist, kann für dessen Werte einstehen. Die Frage wie patriotisch der Deutsche sein sollte, stellt sich also gar nicht erst.

Dürfen Deutsche patriotisch sein? Diese Frage wird mir so oder so ähnlich seit Jahren gestellt. Ich habe sie stets mit einem klaren „Ja!“ beantwortet. Gegenwärtig ist mein „Ja!“ noch entschiedener und konnotiert mit einem nachdrücklichen Appell an die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik. Es ist an ihnen, die freiheitlich-demokratischen Werte ihrer Heimat zu beschützen.

So ist mir etwa unerklärlich, warum die Initiative zu einer Demonstration gegen Antisemitismus in Deutschland aus der jüdischen Gemeinschaft kommen muss. Ich hätte mir gewünscht, dass die demokratische Gesellschaft alarmiert ist und aus eigenem Antrieb protestiert, wenn auf ihren Straßen ein gewaltbereiter, ideologischer Mob menschenverachtenden Hass propagiert und zu Gewalt und Vernichtung aufruft. Eine liberale Gesellschaft darf nicht Fanatikern die Meinungshoheit überlassen. Diese Gleichgültigkeit angesichts inakzeptabler Brüche und Verletzungen der zentralen Grundlagen unseres Gemeinwesens macht mich fassungslos.

Die Erbschuld gibt es nicht

Ich bin überzeugt: Nur wer stolz auf die Fundamente seines Landes ist, nur wer die zivilisatorischen, politischen und moralischen Errungenschaften wertschätzt, ist auch bereit, diese Überzeugungen und Prinzipien mitzutragen und für sie einzustehen. Daher spreche ich mich für einen aufgeklärten Patriotismus aus. Darunter verstehe ich eine Heimatliebe, die auf einer klugen, ehrlichen und reflektierten Erinnerungskultur basiert und mit den Lehren aus der eigenen Vergangenheit gewachsen ist.

Denn fest steht: Der Holocaust, die kalt geplante und industriell betriebene Ermordung der europäischen Juden, ist der größte Zivilisationsbruch in der Geschichte der Menschheit. Dieses Verbrechen ist präzedenzlos – in letzter Konsequenz: unvorstellbar, bis heute. Und: Es geschah in deutschem Namen. Mit diesem Vermächtnis müssen wir Deutschen leben und umgehen – Juden wie Nichtjuden.

Dies mag für frühere Generationen eine schier nicht auszuhaltende Bürde gewesen sein. Die Heutigen sollten diese Herausforderung offen annehmen. Sie müssen sich ihr stellen. Die Erinnerung ist unkündbar. Was Scham und Schande betrifft, lässt sich hingegen ein Schlussstrich ziehen. Die Erbschuld gibt es nicht. Die Heutigen sind frei von der Schuld, die die Nationalsozialisten, ihre Mitläufer und Applaudierenden auf sich geladen haben. Was bleibt, ist Verantwortung – die gesellschaftliche und die politische. Sie verjährt nicht. Unsere deutsche Vergangenheit, die nun mal ist, wie sie ist, kann die jungen Deutschen zu Vorbildern reifen lassen. Das ist keine kühne These.

Deutschlands einzigartige Erfolgsgeschichte

Vielmehr verstehe ich nicht, warum wir uns vor Begriffen wie „Stolz“ und „Patriotismus“ scheuen. Ich benutze sie ganz bewusst und rufe die Menschen in unserem Land, vor allem die jungen, dazu auf, sich mit Leidenschaft zur Bundesrepublik Deutschland und zu unseren freiheitlichen demokratischen Werten zu bekennen – dafür Verantwortung zu übernehmen. Schließlich sind die Menschen eines Staates, ist eine Nation nicht an ihrer Geschichte zu messen, sondern an ihrem aktuellen Denken und Handeln. Diese Form von Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein ist Wesenskern der Staatsräson unseres Landes. Ich wünsche mir, dass jede Bürgerin und jeder Bürger diese Verantwortung zu einem Bestandteil seines Selbstbewusstseins macht.

Und diese Verantwortung fußt nicht allein auf der signifikanten Rolle Deutschlands in den Schattenjahren des letzten Jahrhunderts. Sie beruht ebenso auf der einzigartigen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts. Sie resultiert aus der herausragenden Position, die sich unser Land in den letzten Jahrzehnten erarbeitet und verdient hat.

Deutschland ist heute ein international geachteter und anerkannter Vorreiter in vielfacher Hinsicht. Wir haben eine stabile, wehrhafte, freiheitliche Demokratie. Unser Rechtsstaat ist tragfähig, ebenso unsere Sozialsysteme. Unsere enorme Wirtschaftskraft gewährleistet den Menschen mehrheitlich Wohlstand. Unser hohes Innovationspotenzial und unsere ökologischen Ambitionen suchen Ihresgleichen. Deutschlands Repräsentanten treten weltweit für Menschenrechte ein. Die Bundesrepublik ist ein verlässlicher Partner im Rahmen der internationalen Bündnisarchitektur.

Zu Freiheit, Demokratie und Menschenrechten bekennen

Dieser Stellenwert, das hohe Ansehen, das uns global entgegengebracht wird, schärfen den Blick auf die dargelegte Verantwortung. Deutschlands Rolle in der Welt fordert, dass wir diese wahrnehmen. Deutlicher denn je haben das der Bundespräsident, die Verteidigungsministerin und der Außenminister auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz eindrucksvoll unterstrichen. Völlig zurecht angesichts der weltweiten Konflikte und der tiefgreifenden Interessenunterschiede und Antagonismen, die seither noch an Brisanz und Grausamkeit zugenommen haben und nach entschlossenen, selbstbewussten Antworten von fest in demokratischen Werten verwurzelten Staaten verlangen – auch und gerade von Deutschland.

Ich hatte gehofft, dass dieses „Gedenkjahr“ endlich ein prozesshaftes Erinnern entlang der Zeitachse 1914, 1939, 1989 etablieren würde. Endlich muss sich das historische und gesellschaftspolitische Desiderat realisieren, dass die Erlebnisgeneration den Stab der Erinnerung an die Erkenntnisgeneration übergibt.

Eine Erkenntnisgeneration, die nicht mehr vor Patriotismus zurückschreckt, sondern die sich klar bekennt und zu ihrer historisch gewachsenen Verantwortung für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte – weltweit – steht. Der römische Dichter Ovid sagte: „Glücklich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschützen“.

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