Widerstand im Kampf der Körper

von Charlotte Cooper6.10.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Der Krieg gegen die Fettleibigkeit befindet sich im vollen Gange. Das ist nicht nur falsch, sondern auch riskant.

Wie kann ein Körper sein? Wie widerspenstig darf er sein? Wo liegt das akzeptierte Limit für einen Körper? Viele Organisationen, die an der Basis arbeiten und sich aus ganz unterschiedlichen Individuen zusammensetzen, wie etwa körperlich eingeschränkte Theoretiker und Aktivisten, transsexuelle Menschen und Anhänger der Body Modification, haben dynamische Wege herausgebarbeitet, die Möglichkeiten der Gestaltung des menschlichen Körpers zu erweitern. Mein eigenes Feld der Expertise, “Fat Activism”, bietet ebenfalls eine reichliche Menge an Erkenntnissen an.

Runde Menschen gab es schon immer

Diesen Sommer bin ich nach Malta gereist, um die Kollektion megalithischer Statuen im Nationalen Archäologiemuseum in Valletta zu sehen. Sie umfasst Fragmente sowie große Figuren dicker und sehr dicker Menschen, die zwischen 2500 und 4000 Jahren vor Christus entstanden sind. Ich habe bereits ähnliche Reisen gemacht, um woanders dicke prähistorische Skulpturen zu sehen, inklusive der gefeierten Venus von Willendorf, einer 25.000 Jahre alten Fett-Ikone. Der Zweck oder die Bedeutung dieser Figuren interessiert mich dabei weniger, sie werden meistens als Fertilitätsfiguren beschrieben, aber diese Interpretation scheint mir etwas zu kurz zu greifen. Wirklich spannend ist, dass dicke Körper in dieser weit entfernten Vergangenheit bekannt und dokumentiert waren, und dass auf dem Gipfel der weitverbreiteten Anti-Fettleibigkeits-Politik Fett nicht einfach als moderne Plage abgetan werden kann – es ist Teil der menschlichen Struktur.

Trotzdem ist der Kampf gegen die Fettleibigkeit intensiviert worden, seit dieser 1997 vom US-amerikanischen Chirurgen General C.Everett Koop initiiert wurde. Ein Bericht der WHO von 2000, produziert von Autoren, die ein finanzielles Interesse am Gewichtsverlust haben, ließ die Lage vollends eskalieren, indem Fettleibigkeit als Epidemie kontextualisiert wurde. Das machte Fettleibigkeit zu einem globalen Problem, das eine Lösung forderte und so seinen Weg in die nationale Innenpolitik fand, etwa durch Programme zur Vermessung von Kindern, dem Zensieren und Besteuern von bestimmten Nahrungsmitteln, der Veränderung der von Menschen geschaffenen Umwelt, um bestimmte körperliche Aktivitäten zu fördern, und so weiter. Die Zahl chirurgischer Eingriffe schoss in den Himmel. Einige Jahre später läuft das Projekt zur Beendigung der Fettleibigkeit durch das wir eigentlich all diese aufmüpfigen, hässlichen, ungesunden, dicken Leute loswerden sollten, immer noch im rasenden Tempo und zeigt dabei wenig Einfluss: Wir sind immer noch hier, trotz dieses dämlichen Plans unsere Körper regulieren zu wollen.

Der kalte Krieg gegen unsere Körper

Dies ist ein kalter Krieg, der mit Rhetorik geführt wird. Durch den Gesundheitsfanatismus des 21. Jahrhunderts und den Glauben an fortschrittliche und angeblich neutrale Forschung wird einer Medikalisierung Vorschub geleistet. Aber diese Ideen kommen nicht einfach aus dem Nichts, sie sind ideologisch duchdrungen. Feministinnen haben den sozialen Druck, unsere Körper einzuschränken, an Genderanalysen gekoppelt, und es gibt noch weitere Wege, dieses Problem zu verstehen.

In diesem Krieg kommt großflächig neoliberales Gedankengut zum Einsatz, zum Beispiel durch die Konstruktion von angeblichen persönlichen Entscheidungen, wobei Fettleibigkeit als Beweis für falsche individuelle Entscheidungen dargestellt wird. Der Krieg gegen die Fettleibigkeit verspricht, die nationalen Haushalte retten, die wegen der durch Fettleibigkeit verursachten, unerhörten finanziellen Last am Rande des Abgrunds stehen sollen. Aber die wissenschaftliche Methodik, um die Kosten dicker Menschen für den Staat zu ermitteln, ist von schlechter Qualität: Auch wenn der National Health Service in meiner Heimat Großbritannien ziemlich systemaisch Daten zum Body-Mass-Index sammelt, gibt es viele Lücken im Datensatz. Die zitierten Zahlen sind Vermutungen, keine Fakten. Auch werden bei diesen Daten
die Kosten, die für bekanntermaßen unnütze und riskante Abnehmstrategien anfallen, nicht berücksichtigt. Dieses große Aufhebensmachen ums Geldsparen passt zu einer neokonservativen Philosophie der Sparsamkeit – aber sie ist absurd und ohne Substanz.

Der Drang, die Gestaltung des menschlichen Körpers begrenzen zu wollen, ist auch ein Produkt des Kapitalismus. Die Abnehmindustrie steht für den Zenith des Kapitalismus, mit süchtigmachend hohen Profiten (104 Milliarden US-Dollar oder 78.3 Milliarden Euro an Einnahmen in Nordamerika alleine im letzten Jahr) aus unkontrollierten und fehlerhaften Produkten – bei denen sich der Konsument noch selbst beschuldigt, wenn wieder die unvermeidliche Gewichtszunahme nach erfolgter Abnahme einsetzt. Bezüglich privatisierter Gesundheitsvorsorge verdienen Firmen wie Weight Watchers viel an lukrativen Verträgen mit staatlichen Anbietern. Das gewünschte Ergebnis, die verkörperte Konformität, spielt der Industrie ebenfalls in die Hände: Nullachtfünfzehn-Körper brauchen keine teuren oder schwierigen Spezialgrößen, -unterbringungen oder -behandlungen – sie sind standardisierte Konsumenten, bereit für massenproduzierte McDonalds-mäßige Produkte.

Körperakzeptanz statt Stigmatisierung

Jeder Krieg fordert Opfer, und auch dieser ist keine Ausnahme. Die andauernde endemische Stigmatisierung ist die wahre Zeitbombe. Es wird Generationen dauern, bis das Elend des Abnehmens und Gesundheitsprobleme, die durch den Jojo-Effekt hervorgerufen wurden, wie Essstörungen, Dysmorphien, Mobbing, Schamgefühl, Gewalt und profunder Selbsthass aufgearbeitet sind. Ich verdiene mein Geld als Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt auf Menschen, die einen Ort möchten und brauchen, an dem sie nicht bewertet und verurteilt werden, an dem sie Frieden mit ihren Körpern machen können, einen, an dem nicht automatisch der Gewichtsverlust die Antwort ist. Und es sieht nicht so aus, als ob dieser Pfad der von tiefen seelischen Narben gezeichneten Menschen, die ihren Weg in mein Therapiezimmer finden, in nächster Zeit verschwinden würde.

Die Akzeptanz von Körpervielfalt wird nicht zu einer chaotischen Welt unkontrollierter Körper führen, die den Planeten in den Konkurs treiben. Es ist einfach eine Form von biologischer Vielfalt. Zu diesem Zweck bestehe ich darauf, dass Entscheidungsträger Fettleibigkeit neu denken, sie als ein Zeichen von Diversität sehen und an vorderster Front ihre Aufmerksamkeit auf Menschen wie mich richten. Es ist zum Beispiel schändlich, dass dicke Menschen derzeit abwesend sind in Forschung und Politik zum Thema Fettleibigkeit. Außerdem gibt es seit den 1970ern eine soziale Bewegung, die ein kritisches Verständnis dazu entwickelt hat, was es heißt, dick zu sein, einschließlich alternativer Ansätze zu Fettleibigkeit und Gesundheit (jetzt bekannt als “Health At Every Size”), und auch praktischer, kostengünstiger, wirksamer und gemeindebasierter Maßnahmen, die das Wohlbefinden fördern. Das sind die Strategien, die jetzt zum Zug kommen und jetzt Unterstützung brauchen.

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