Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen. Heiner Geißler

Das Elsass ist nicht Schwaben

In Berlin und Paris redet man unterschiedlich über die Rettung Griechenlands. Grund sind die Eigenheiten der Länder – und deren schlechtes Gewissen.

Die Deutschen wären so geizig und europafern und die Franzosen dagegen so großzügig bei der Lösung der griechischen Schuldenkrise, behaupten etwas schnell viele Kommentatoren auf beiden Seiten des Rheins. In Wahrheit verbirgt sich hinter diesem Konflikt ein anderes Verständnis von öffentlichen Finanzen und Europa. In Deutschland wird dank einer starken Dialogkultur jede europäische Entscheidung genau unter die Lupe genommen und kritisch und breit diskutiert. Bei der Griechenlandschuldenkrise wird diese Debatte von europaskeptischen Tönen begleitet, weil die Deutschen schon lange den Eindruck haben, viel mehr Geld nach Brüssel zu überweisen als davon zurückzubekommen.

Desinteressiert und europaskeptisch

Diese Debatte stößt in Frankreich auf wenig Verständnis. Man ist verärgert von diesem „juristischen“ Deutschland, das seine Nachbarn ständig an Verträge erinnert, die in Zeiten geschlossen wurden, als solche Schuldenkrisen weit entfernt waren. Paris sieht sich sogar europafreundlicher als sein deutscher Nachbar. Tatsächlich sind meine Landsleute nicht bessere Europäer, vielleicht sind sie sogar desinteressierter oder europaskeptischer, wenn man die Umfrageergebnisse von Marine Le Pen, Chefin der Rechtsextremenpartei Front National, verfolgt. Eine Umfrage vom September 2010 zeigte übrigens, dass 60 Prozent der Franzosen den Euro als „negative“ Errungenschaft für ihre Wirtschaft bewerten. Unter den befragten Deutschen waren es 53 Prozent. Wenn man französische Zeitungen durchblättert, merkt man auch, wie wenig die Schuldenkrise die Bevölkerung bewegt und auch die Politiker meines Landes halten sich bei diesem Thema auffällig bedeckt. Sie wissen, dass europäische Themen sich meistens nicht positiv auf die Wahlergebnisse auswirken und dass man also lieber die Finger von einer solchen Diskussion lassen sollte.

Passivität der Franzosen

Ein weiterer Grund der Passivität der Franzosen in der Griechenlandkrise ist ihr Verhältnis zu Geld. Ihre Haushaltpolitik ist nicht besonders vorbildlich, das Staatsdefizit erreichte 2010 die Rekordsumme von 148 Milliarden Euro, was 7,7 Prozent des BIP repräsentiert, und ohne das sagen zu wollen, wäre Paris froh, wenn es eines Tages auf die Hilfe der Nachbarn zählen könnte, falls sich die Wirtschaftsbedingungen verschlechtern sollten. In Deutschland hat man sich dagegen entschieden, eine sehr strikte Haushaltpolitik zu führen. Eine Schuldenbremse wurde 2009 in die Verfassung geschrieben und Berlin konnte sein Defizit 2010 auf 82 Milliarden Euro begrenzen. Für Berlin ist die EU-Hilfe an Griechenland sehr schwer an die Bevölkerung zu vermitteln. Das Trauma der Hyperinflation im Jahr 1923 und die daraus folgende Lektion, stabile Finanzen zu wahren, sitzen noch tief in den Köpfen. Dazu, 20 Jahre nach der Vereinigung, scheut sich Deutschland immer weniger davor, klare Positionen zu bekennen.

Trotzdem war Berlin nicht immer so vorbildlich und hat zwischen 2002 und 2005 die Kriterien des Stabilitätspaktes nicht respektiert. Deswegen kann man aus Pariser Sicht schwer nachvollziehen, dass die Deutschen den Griechen mit einem Zeigefinger solche harte Sparlektionen erteilen. Einige Politiker, besonders bei der CSU, scheinen sogar zu vergessen, welche Vorteile der Euro Deutschland gebracht hat. Lieber wird jede wirtschaftliche Schwierigkeit auf dem Rücken Brüssels ausgetragen. Es wäre an der Zeit, dass Politiker beider Länder europäische Konflikte nicht ausnutzen, um sich zu profilieren, sondern dass man gemeinsam die Interessen und Ziele Europas stärkt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Volker Wissing, Markus Söder.

Leserbriefe

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