Die Integration und ihre Opfer

Carlos A. Gebauer2.11.2013Gesellschaft & Kultur

Der Sozialstaat hat erst die Integrationsprobleme geschaffen, die er jetzt angeblich bekämpft. Ein echtes Miteinander lässt sich nicht gesetzlich verordnen, sondern gelingt nur durch Eigenverantwortung.

Anpassungsfähigkeit ist die vielleicht wichtigste Kompetenz des Menschseins. Die Aufgabe für ein Leben an unterschiedlichen Orten der Welt ist überall dieselbe. Der Mensch hat zu seiner Umwelt eine Beziehung herzustellen, die ihm seine Existenz ermöglicht. Da er die Umwelt nicht ändern kann, bleibt ihm nur eine Wahl. Er muss an sich selbst arbeiten, um sich einzufügen.

Ziel ist das scheinbare Paradox, eine Klaviatur nur beherrschen zu können, wenn man sich ihren Gegebenheiten zunächst unterwirft. Zu diesem Anpassungsprozess gehört gerade in hocharbeitsteiligen Gesellschaften das kooperative Zusammenwirken mit anderen. Dies setzt Kontaktaufnahmen voraus. Scheitert der Einzelne mit diesem Bemühen, kann sein Leben nicht gelingen. Wer vereinzelt bleibt, der fühlt sich ausgestoßen, er leidet.

Niemand nimmt gerne Mühen auf sich

Es ist kein Zufall, dass die „Internationale Klassifikation“ der Weltgesundheitsorganisation Anpassungsstörungen als Krankheit erfasst. In Gemeinschaft zu sein, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sprache ist die elementarste Grundlage dieses Zusammenseins. Auf Sprachfähigkeit bauen sämtliche menschliche Bindungen auf. Ein selbstbestimmtes Leben ist das Ergebnis dieses Anpassungsprozesses.

Wer in ein anderes Land zieht, der wechselt demgemäß nicht nur seinen geographischen Ort. Er tauscht auch seine vertraute Umwelt gegen eine neue. Je weiter die räumliche Distanz zwischen der alten und der neuen Umgebung ist, desto größer sind meist auch die Unterschiede zwischen diesen Umwelten. Folglich stellt sich wieder die Frage nach der Anpassung in dieses neue Umfeld. Sprechen die Menschen in der neuen Heimat eine andere Sprache, dann setzt die angestrebte Sozialisation neue Kommunikationskompetenzen voraus. An genau diesem Punkt kollidieren aber zwei anthropologische Konstanten: Die eine Konstante ist jenes Bedürfnis, in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden zu sein. Die andere Konstante ist das nur allzu menschliche Bedürfnis nach Bequemlichkeit. Niemand nimmt gerne Mühen auf sich, wenn sie vermeidbar erscheinen.

Integrationsindustrie statt Grillen mit Arbeitskollegen

Für den ersten Griechen oder Portugiesen, der vor fünfzig Jahren zur „Gastarbeit“ nach Deutschland kam und für die ersten Japaner, die ihnen vor vierzig Jahren folgten, gab es eine Kollision dieser beiden anthropologischen Konstanten nicht. Denn von dem Zwang, sich durch Spracherwerb in die neue Umwelt einbinden zu müssen, gab es für sie kein Entrinnen. Die erste Generation der sogenannten Fremdarbeiter blieb nicht lange fremd.

Sie fügte sich und ihre Kinder durch das Erlernen der neuen Umgebungsbedingungen zügig in den gesellschaftlichen Kontext ein. Je größer allerdings die verschiedenen fremdsprachigen Gemeinden in Deutschland wurden, desto mehr kippte das Kollisionsergebnis aus den beiden beschriebenen anthropologischen Konstanten in Richtung menschlicher Trägheit. War ein kritischer Punkt einmal erreicht, konnten die Zuwanderer plötzlich untereinander ihre Heimatsprachen sprechen, ohne zugleich soziale Einbindungsnachteile erdulden zu müssen. Man blieb jetzt – ohne emotionale Nachteile – unter sich.

Industrialisierte Sprachkursträgernetze

Für den Anpassungsprozess dieser Zugereisten gibt es seither einen eigenen kleinen Realitäts-Mikrokosmos inmitten des gesellschaftlichen Makrokosmos. An die Stelle des faktischen Zwanges, deutsch sprechen zu müssen, ist daher nun eine rein behördliche Sprachlernverpflichtung getreten. Murat und Fatma lernen die neue Sprache also nicht mehr auf der Arbeit von Horst und Heike, sondern gleichsam industrialisierte, amtlich anerkannte Sprachkursträgernetze bieten im Auftrag des Bundesamtes für Migration speziell definierte Pflichtkurse für Kursverpflichtete im gemeinsamen europäischen Referenzrahmen und kontinuierliche Aufbaumodule führen dort zur Absolvierung von skalierten Abschlusstests mit Zertifikatsprüfung.

Schon das Vokabular dieser staatlichen Vorgaben für Teilnehmer mit Migrationsgeschichten in Teilzeitintegrationskursen ist inzwischen so unverständlich, dass es wohl weder Horst noch Heike ohne Weiteres verstünden. Was sollen erst Fatih und Özlem darüber denken, statt sich als „Opfa“ der Gesellschaft zu fühlen?

Multikulturelle Träume drohen zu platzen

Wohin wird uns diese Entwicklung führen? Man wird wohl nicht fehlgehen in der Annahme, dass ein erzwungener 645-stündiger Sprach- und Orientierungskurs nach Maßgabe der Integrationskursverordnung einen Migranten nicht annähernd so in seine neue Umwelt einbindet wie gemeinsames Grillen mit deutschen Nachbarn.

Wer gesehen hat, mit welcher Zähigkeit beispielsweise die Katalanen ihre Sprache in Spanien auch gegen die exzessivste Bekämpfung unter Franco verteidigt haben und welche Kraft die Sezessionsbewegung dort noch heute aus genau dieser Vorgeschichte bezieht, der weiß: Sprache ist immer auch Identität. Wird die Außenumgebung der Deutschen um die eigene Innenumgebung der Migranten nicht mehr als positives Potential für die eigene Selbstverwirklichung empfunden, sondern gilt sie eher als unverständlicher Gegner im täglichen Überlebenskampf, dann drohen alle multikulturellen Integrationsträume zu platzen.

Wenn in der heute bereits geschaffenen Lage überhaupt noch etwas mit Gesetzen gerettet werden kann, dann ist es wohl dies: Jede weitere Einwanderung wird ausnahmslos unter die Voraussetzung gestellt, dass der Einwanderungswillige bereits Deutsch spricht. Und es wird – gegen alle scheinbar so friedenstiftende politische Korrektheit der Antidiskriminierungsgesetze – ausdrücklich wieder gestattet, jedweden Vertragsabschluss von Sprachkenntnissen abhängig zu machen. Nur so erhöht man den anthropologischen Integrationsanreiz. Gegen menschliche Trägheit. Zum Wohle aller.

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