Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann darüber soll man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Ich will die roten Roten wieder

Seitdem sich die Testosteron-Bomber der Toskana-Fraktion mit ihren Pseudo-Ämtern begnügen, ist die deutsche Politik unendlich langweilig geworden. Der Captain erinnert sich sehnsüchtig an die Regentschaft der genusssüchtigen Egomanen.

Eines Tages, im Frühjahr 2002, war der Captain beim damaligen Kanzler Gerd Schröder in der Berliner Waschmaschine zu Gast. Der Captain war Teil einer Interviewdelegation rund um den damaligen „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann. Naumann, der wohl generell nicht grüßen kann, griff sich schnell den Stuhl neben dem Kanzler, wiewohl doch der Platz schräg gegenüber der bessere gewesen wäre. Den bekam der Captain zugewiesen, weil er freundlich auf seine Einteilung gewartet hatte.

Der Kanzler verfiel augenblicklich dem politischen Smalltalk, dazu gab es ein kleines leichtes Abendessen. Nach der Vorspeise ging Schröder kurz aus dem Raum und kam mit drei Flaschen Rotwein wieder. Einen aus Argentinien (Geschenk vom dortigen Präsidenten), einen aus Frankreich (ein Cru Burgeois – also kein Angeberwein) und einen aus Italien, einen sogenannten “Supertuscan”. Schröder kennt sich bei Wein ganz gut aus, doch wiegelte alle Nachfragen sofort ab und erklärte, dass seine Kenntnisse weit unter jenen von Wolfgang Clement (damals Wirtschaftsminister) und Oskar Lafontaine (damals schon Persona non grata) beheimatet seien. Von Joschka Fischer ganz zu schweigen. Aber der wisse ja immer alles besser als man selbst, so Schröder.

Fischer kann Stunden über Wein reden

Apropos Fischer. Fischer nahm den Captain mit auf seinen letzten Wahlkampf. Das war 2005. Zehn Tage mit Fischer, ein echtes Erlebnis. Schon am ersten Tag prüfte Fischer den Captain über die besten Lokale Wiens ab. Wo gibt es das beste Rindfleisch? Rrrrichtig: Plachutta! Wo das beste Beuschel? Rrrrrrrrichtig: Beim Gerer! „Denn wer kein gutes Beuschel machen kann, und kein gutes Gulasch, der kann nicht kochen“, so Fischer.

Aber Fischer wusste auch alles über österreichische Weine. Veltliner? Ha, da trinkt er jede Woche zwei. Riesling? Na, da ist der deutsche Riesling aber besser. Chardonnay? Da kennt er den Velich aus dem Burgenland, der diesen berühmten “Tiglat” macht. Das hat er bei Siebeck gelesen.

Am nächsten Tag dann ging es weiter mit den anderen Ländern. Fischer kann Stunden über Wein reden. Heute trinkt er öfter mal ein zweites Glas.

Mit Clement hat der Captain ein halbe Stunde lang über toskanische Rotweine fachgesimpelt, denn Clement hat ja ein Haus in den dortigen Weingärten. Und mit Ego-Shooter Lafontaine ist der Captain zwei Stunden im Kreis gefahren – bis wir hinter der französischen Grenze ein Wirtshaus gefunden haben, das eine adäquate Weinkarte vorweisen konnte. Dann erst wurde Lafontaine ein Mensch.

Und heute? Wo sind diese Politiker, die noch ordentlich Lebenskultur hatten? Keine Streber wie Westerwelle oder Merkel, sondern zwiespältige Persönlichkeiten, bigott und wollüstig, was Essen und Trinken betrifft. Wo sind die? Alle weg.

Gerade mal der neue Vorsitzende der Linkspartei, dieser Klaus Ernst, macht hier noch von sich reden. Von ihm weiß man, dass er gerne eine Flasche teuren Weins köpft. Der Mann fährt ja auch Porsche. Ein echter Linker, einer der letzten Vertreter der sogenannten “Toskana-Fraktion”.

Im August sollte die ganze Bundesrepublik von der Toskana aus regiert werden

Ja, die Toskana: Heimat aufrechter Linker. Denn dort votiert der einfache Landarbeiter seit Jahrzehnten schon links der Mitte. Und unter diesen einfachen Landarbeitern kann man sich gut niederlassen. Da baut man sich ein Haus dazu und lebt in guter Volksgenossenschaft. Verbunden durch Rotwein.

Blöd, dass sich immer mehr Links-Sehnsüchtige ansiedeln. Rechtsanwälte aus Wuppertal, Rockmusiker aus Bochum, Oberhausen oder London. Art-Direktoren aus Düsseldorf. Und jede Menge andere Romantiker. Inzwischen sind es so viele, dass der einfache toskanische Landarbeiter früh aufstehen muss, um im Alimentari noch genug Salami und Schinken zu bekommen. Die besten Weine haben die Zuwanderer sowieso weggebunkert.

Im Sommer sind alle dort. Schröder (mit Pudel Blair), Fischer und Clement, Lafontaine und Schilly, wahrscheinlich sogar der irrlichternde Ströbele. Und auch der Trittin. Der Captain schlägt vor, im August die ganze Bundesrepublik von der Toskana aus regieren zu lassen. Von den alten Recken. Dann hätte man wieder Politik, die von jeder Menge Rotwein profitiert. Wie damals. Im Rückblick waren das ja nicht die schlechtesten Jahre.

Hier nochmal ein paar SEHR trinkenswerte Empfehlungen aus der Toskana, über die der Captain schon mal hier und da ausführlich geschrieben hat:

Castello di Bolgheri 2006 für 35,00 Euro bei www.superiore.de
Ornellaia 2006 für 150,00 Euro bei www.cb-weinhandel.de
Ornellaia 2007 für 139,00 Euro bei www.weinco.at
Sassicaja 2007 für sehr gute 99,50 bei www.internetoase.de
Grattamacco 2006 für 45,00 Euro bei www.superiore.de

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Manfred Klimek: Das Fleisch, der Wein, die Politik, der Weg hinaus

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Joschka-fischer, Wolfgang-clement, Wein

Debatte

Kulturgut Alkohol

Medium_54edec32fd

Wein her, es ist zum Weinen

Nach dem Tabak kommt der Alkohol. Nach den Alkopops kommt der Wein. Eine Welt ohne Weinkultur ist nicht mehr unmöglich. Ein Aufruf zum Widerstand. weiterlesen

Medium_e6ab37341f
von Manfred Klimek
25.08.2010

Kolumne

Medium_e6ab37341f
von Manfred Klimek
15.08.2010

Kolumne

Medium_e6ab37341f
von Manfred Klimek
07.08.2010
meistgelesen / meistkommentiert