Neuer Wein aus neuen Schläuchen

von Manfred Klimek11.07.2010Gesellschaft & Kultur

Nicht Weltmeister. Aber Weltmeister der Herzen. Das war nicht immer so. Der neue Patriotismus hat viele Unterlagen. Und ist kein Flachwurzler.

Heller Morgen am Schiff. Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Seit vier Stunden brennt die Sonne. An Bord läuft die alte und irgendwie unvermeidliche CD von Berlin-DJ Paul Kalkbrenner. Die Mannschaft liegt im Landwehrkanal vor Anker. In Kreuzberg. Dort ist Deutschland sehr bunt. Und dort ist Deutschland inzwischen auch sehr patriotisch. Zum Schrecken der ansässigen Altlinken haben sich auch gestern Abend wieder alte und junge Türken mit dem deutsch-türkischen Stürmer Mesut Özil (geboren in Gelsenkirchen) solidarisiert. Und gleichzeitig auch mit der deutschen Nation. Schwarz-Rot-Gold. Überall. Auch drüben in Neukölln. Und im Wedding. Schwarz. Rot. Gold. Das stößt manchem Antipatrioten sauer auf. Deutschland, du unmögliches Land. Eine Kneipe spendiert Freibier, wenn man bei ihr zehn abgerissene Deutschland-Fahnen abliefert. Nation, nein danke.

Das Land wirkt wie unter einem Pflaster

Das Deutschlandfeindliche unter Linken hat in Berlin eine lange Tradition. Und einen Grund: Berlin war lange Jahre Fluchtpunkt von Wehrdienstverweigerern und strammen Antinationalisten, die den deutschen Nachkriegsstaat immer als faschistisch diskreditierten. Die verschmähte Bundesrepublik lag für die Berliner Antinationalisten auf einem anderen Planeten. Irgendwo im Westen. Man sah sich in Berlin von Freunden umgeben. Die DDR war zwar irgendwie kurios und dämlich militaristisch. Doch im Kern pazifistisch und harmlos. Und natürlich trugen Berliner Politiker, wie der ehemalige Innensenator Heinrich Lummer, wenig zum Ruf der Nachkriegsrepublik bei. Lummer ließ in Kreuzberg und in Schöneberg tausende Hausbesetzer niederknüppeln. In der damals gerade einsetzenden New-Wave-Kultur konnten die Geknüppelten ihre Schläge wenigstens popkulturell verarbeiten. Und so kam es zu keiner neuen Terrorwelle. Aber auch zu keiner Deutschlandliebe. Man muss freilich anmerken, dass der ganze Partyotismus langsam auch nervt. Überall Nationalflaggen, überall die neue Liebe zur Nation. Das Land wirkt wie unter einem Pflaster. Und darunter schließt sich eine alte Wunde. Das war 2006 ganz ähnlich. Und 2010 ist es selbstverständlich geworden. Das nächste Mal geht es auch ein bisschen leiser. Im Gegensatz zu 2006 gab es diesmal eine höhere Zahl “nationaler” Übergriffe. Waren die Rechtsextremen vor vier Jahren vom neuen sanften Nationalbekenntnis noch kalt überrascht worden, so surfen sie 2010 gekonnt auf dieser Welle. Wie gut, dass dieses Jahr auch viele Einwanderer einen multinationalen Patriotismus leben. Das nimmt den jungen Ewiggestrigen und nationalen Wirrköpfen den Wind aus den Segeln. Denn die Medien brachten nur schöne Szenen. Und beispielsweise nichts über die 200 randalierenden Rechtsextremisten in Magdeburg (nach dem Spanien-Spiel). Da war er kurz wieder: Der hässliche Deutsche. Ausgestorben ist er nicht. Ausgestorben hingegen scheint der hässliche deutsche Wein. Vor 25 Jahren beendete der sogenannte Glykol-Skandal in Österreich und Deutschland die Herrschaft der skrupellosen Weinfabriken. In Österreich brach danach der gesamte Markt zusammen, in Deutschland nur der Export, denn die Rentnergangs der Republik tranken fleißig das aufgezuckerte Zeug weiter, als wäre nichts gewesen. Doch plötzlich wollte eine ganze Generation Winzer diesen Fusel nicht mehr liefern und anstatt Menge nur noch Qualität machen. Wenn Deutschland auf eine nationale Leistung stolz sein kann, dann auf die ihrer Winzer. Denn diese haben den Konsumenten einen neuen Weinstil (sauber, trocken, regional) aufgezwungen. Und auch eine neue Preisstruktur. Seltsamerweise folgte der furcht- und sparsame Deutsche seinen Winzern. Das war ein Teil der Republik im Wandel. Freilich gibt es noch genug industriellen Wein aus deutschen Landen. Doch auch dieser ist viel besser gemacht, als vor 20 Jahren. Das kann man bei Aldi oder Lidl nachverkosten. Die Geschichte des deutschen Weinbaus ist also 25 Jahre nach dem vernichtenden Weinskandal eine einzige Erfolgsgeschichte.

Ein Produkt des Instinkts und der Lebenslust

Deswegen rät der Captain neben dem akzeptierten Verfassungspatriotismus der 80er-Jahre und dem sportbegeisterten Partyotismus der Nullerjahre zu einem qualitätsstolzen önologischen Patriotismus in den Zehnerjahren. Deutscher Wein ist so gut wie nie zuvor. Und wird immer besser. Der Erfolg beruht zudem nicht auf den typisch deutschen Tugenden allein, also nicht auf Fleiß und Präzision, nein, er ist auch ein Produkt des Instinkts und der Lebenslust. Und auch der gastronomischen Wechselwirkung. Je besser, je raffinierter die Gastronomie, umso besser der Wein. Und das ist Teil dieses Landes im Wandel. Stolz auf Schwarz-Rot-Gold? Durchaus angebracht. Als Stolz auf die individuelle Leistung jener, die unter dieser Fahne Großes tun. Drei neue individuelle und moderne deutsche Weißweine: Riesling Pechstein Großes Gewächs 2008 von Bassermann-Jordan aus der Pfalz für 32,00 Euro bei extraprima-weinversand.de. Ein Wein aus einem schwierigen Jahr, das den Winzern viel Können abverlangt. Intensiv, mächtig, mineralisch, viel Kräuter, viel Cassis, etwas Mandel. Präsente Säure, entwickelte Frucht. Trotzdem weglegen. Ideal zu trinken ab 2015. Riesling Scharzhofberger 2007 von Van Volxem von der Saar für 21,00 Euro bei planet-weinhandel.net. Das Weingut von Roman Niewodniczanski (ein Spross der Bitburger-Dynastie), der den Saar-Riesling erneuert, wie kein anderer Winzer seit Egon Müller. Pfeffer, Mineralität, reife Pfirsiche, hohe Komplexität, Kräutersirup, leichtes Petrol. Schöne Restsüße. Weglegen bis 2013. Gewürztraminer 2008 Bürgerspital aus Franken für 9,90 Euro bei geigenberger.de. Weinberge in Würzburg (beim Bahnhof). Viel typischer Rosenduft, grüner Apfel, reife Birne, Kräuterlikör, leichte Bitterstoffe, delikat, vollmundig und wuchtig. Ein außergewöhnlicher und günstiger Wein. Mehr vom Captain gibt es täglich auf www.CaptainCork.com.

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