Wirkliche Demokratie gibt es im Kapitalismus ebenso wenig wie in der DDR. Sahra Wagenknecht

Wulff ist ein Chardonnay

Christian Wulff ist Bundespräsident, ein Präsident wie ein junger Chardonnay. Gauck, der unterlegene Liebling des Volkes, ist ein alter Pinot Noir. Was trinkt sich besser?

Manchmal enden Abende am Schiff in sinnbefreiten Diskussionen am Kombüsentisch. Der Erste Offizier hat eine Reihe von Rieslingen aus dem Keller geholt und am heimischen Flachbildschirm lässt sich die WM besser beobachten als bei den zahllosen öffentlichen “Viewings” im Land. Und außerdem hat die Kombüse eine Klimaanlage.

Freitag war das Sommerfest des neuen Bundespräsidenten. Der Erste Offizier war als Vertreter des Captain geladen und berichtet von kühlem, aber schalem Sekt, der gleich zu Beginn gereicht wurde und die Laune verdarb. Und von deutschem Riesling, der den Durst der Anwesenden stillte. Ein paar Prominente, vor allem eine sehr operierte Schlagersängerin, haben wohl Wein mit Wasser verwechselt. Die Damen sind dann allesamt in die Edelkneipe Borchardt übersiedelt, wo auch der Captain zu später Stunde ein paar Krabben pulte. Berlin beschwipst.

Ein gut geföhnter Politstreber

Heute redet das Schiff über die drei Wahlgänge und den neuen Bundespräsidenten, der ja am Anfang eine Fehlbesetzung schien. Bis die Sätze mit der “Bunten Republik” fielen. Der Captain, einst Hausbesetzer in Schöneberg, fragt sich besorgt, was denn mit der CDU los ist? Wo sind die Typen wie Heinrich Lummer (ehemaliger Innensenator von Berlin)? Oder Friedrich Zimmermann (ehemaliger dt. Innenminister)? Diese Ordnungsheiligen und Hau-drauf-Konservativen. “Bunte Republik” wäre denen nie über die Lippen gekommen.

Ist Wulff nur ein gut geföhnter Politstreber? Demnächst, so hört man, sollen Wulff-Reden als rezeptfreies Schlafmittel vorgelesen werden. Doch Obacht mit dem Spott: Wulff hatte eine vaterlose Kindheit und eine schwer kranke Mutter. Und seine zweite Frau, die lebenslustige Schönheit mit der neckischen Tätowierung, erklärt viel von Wulff. Vielleicht ist er schon längst am Ziel, der Wulff.

Was wäre Wulff für ein Wein, will der Erste Offizier wissen? Ein junger Riesling? Sicher nicht, sagt der Captain. Sicher trinkt Wulff jungen Riesling; es wäre überhaupt gefragt, die deutschen Politiker auf ihre Weinkultur abzuklopfen. Maat Florian soll schon mal die Nummern der Pressesprecher heraussuchen. Bei Schröder und Fischer wusste man: Beide tranken auch im Amt nur schwere Rotweine. Ex-Wirtschaftminister Clement hat ein Haus neben einem Weingut in der Toskana. Lafontaine schlürft nur Frankreich und Italien. Wie auch der Porsche fahrende Chef der Linkspartei Klaus Ernst.

Was Wulff trinkt, weiß man noch nicht. Was Wulff für ein Wein ist, aber schon: Wulff ist ein jung abgefüllter Chardonnay, ein Wein, der zu fast jeder Gelegenheit passt. Ein junger mineralischer Weißer, der kurz auf der Maische lag und dann für acht Monate in kleinen Holzfässern erzogen wurde. Allerdings hat man diese Flasche im Keller vergessen. Und jetzt hat er schon einen merkbaren Alterston, der Wulff als Wein, die Zitrusnote der Jugend wird von einem Mandelgeruch überdeckt. Und etwas Petrol schnüffelt man auch. Doch es sind alte Reben, 50 Jahre alt, deswegen hat der Wein ordentlich Terroircharakter, ist also in der Region verwurzelt.

Und Gauck, was ist Gauck für ein Wein, will Maat Florian wissen? Gauck ist ein alter Rebstock, sagt der Captain, 70 Jahre alt. Da ist der Wein schon sehr extraktreich und dicht. Auch leichte Bitterstoffe können sich bemerkbar machen. So alte Rebstöcke geben bessere Rotweine, folglich ist Gauck ein Spätburgunder, ein alter Pinot Noir, der neben der Dichte auch noch Eleganz besitzt. Ausgebaut wurde er 24 Monate im großen Holzfass, danach folgten zwei Jahre Flaschenreife.

Der Pinot ist eine komplizierte Traube, sehr vom Jahrgang abhängig. Und nicht für jedermann gleich verständlich. Doch dieser Pinot spricht die Mehrheit an, sanfte Tannine, eine schöne Note nach Weichsel und Feige. Etwas Tabak. Ein klein wenig Moschus noch. Und Kraft für zehn und mehr Jahre.

Luc Jochimsen – eigentlich untrinkbar

Doch da gab es ja noch eine dritte Kandidatin, ruft der Erste Offizier in die Runde, die Tante von der Linkspartei. Ach die, wie hieß die schnell? Google befragen. Ach ja, Luc Jochimsen. Nun, Luc Jochimsen, das ist ganz klar, Luc Jochimsen ist ein Schilcher, ein ganz saurer Roséwein aus Österreich. Eigentlich untrinkbar. Aber für Eingefleischte ein wahrer Genuss.

Für Christian Wulff: Chardonnay 2007 von Willi Bründlmayer aus Österreich, elegant, fruchtig, viel Melone, Holunder und etwas Walnuss. Sehr gut eingebundenes Holzaroma. Lagerfähig bis 2015, jetzt aber schon gut zu trinken. Für 30,95 Euro (12 Flaschen) bei weinco.de.

Für Joachim Gauck: Spätburgunder 2006 von Bernhard Huber aus Baden. Lage Malterdinger Bienenberg. Kirsche, Tabak, schöne und elegante Holznote. Lagerfähig bis 2013 und länger. Besser aber gleich trinken, der Wein ist in optimaler Verfassung. Für 17,99 Euro bei Karstadt.

Für Luc Jochimsen: ein Schilcher von Strohmayer aus der Steiermark. Viel Säure, Ribisel, Stachelbeere. Mit Mineralwasser mischen und bei großer Hitze kalt trinken. Für 9,71 Euro bei weinco.de.

Mehr vom Captain gibt es täglich auf www.Captain Cork.com.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Manfred Klimek: Das Fleisch, der Wein, die Politik, der Weg hinaus

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