Wein her, es ist zum Weinen

Manfred Klimek25.08.2010Gesellschaft & Kultur

Nach dem Tabak kommt der Alkohol. Nach den Alkopops kommt der Wein. Eine Welt ohne Weinkultur ist nicht mehr unmöglich. Ein Aufruf zum Widerstand.

Nach dem Tabak kommt der Alkohol. Kommissare und Beamte der Europäischen Union machen sich daran, eine neue Prohibition vorzubereiten, ein totales Alkoholverbot. Unmöglich, sagen Sie? Unmöglich ist gar nichts mehr. Reden wir in 20 Jahren weiter. Bei keinem Glas Wein. Da werden sich viele finden, die gleich begeistert schreien: “Ja, bitte macht das!” Grünwähler vereint mit Gesundheitsfetischisten vereint mit Rauschgegnern vereint mit Sparfüchsen, die um das Gesundheitsbudget fürchten, vereint mit Spaßfreien, die alle vom Spaß befreien wollen, weil nur der Nüchterne pragmatisch sein kann. “Es kommen Scheißzeiten”, sagte mir gestern ein erfolgreicher Wiener Wirt. Ich fürchte, er hat recht.

Alles Zetern wird wenig helfen

Freilich will ich nicht, dass Kinder und Jugendliche sich mit Alkopops bis zur Bewusstlosigkeit zudröhnen; sicher will ich, dass man gegen die “Jeder-Schnaps-ein-Euro”-Kneipen vorgeht; mit Bestimmtheit fordere ich den Gesetzgeber dazu auf, die Ausnüchterungszelle wieder einzuführen – das bislang beste Medikament zur Entwöhnung. Man kann jetzt über den Verfall der Kultur jammern, vor allem der Trinkkultur, die Südeuropa (dazu gehören auch Bayern und Bawü) seit jeher prägt. Südeuropa ist ohne Wein nicht vorstellbar. Doch wer sieht, wie sich vor allem die Italiener widerspruchslos den neuen Regeln von Nation und Union ergeben, der darf auch annehmen, dass selbst in Italien ein Alkoholverbot durchgeht. Auch ohne Berlusconi an der Spitze des Staates. Alles Zetern wird wenig helfen: Weltweit ist eine Gemeinschaft von schwarzmalenden Gesundheitsaposteln auf dem Vormarsch, die ihren Ranzen von der Ökonomieberater-Lobby gefüllt bekommen. Gesünder leben schont das Volksvermögen. Der Raucher (heute), der Alkoholkonsument (morgen), der Wein- und Biertrinker (übermorgen): Sie alle sind Schädlinge der gesunden Gesellschaft. Auf das läuft es hinaus. Nun könnte man die alten Rituale wiederholen, die schon beim Rauchen nicht gefruchtet haben. Besser wäre aber, man zieht sich auf die Kulturfront zurück. Denn dieses Bollwerk kann die anrückende Armee der Freudlosen nicht überwinden.

Auf zum Kulturkampf!

So muss die kommende Debatte über Alkoholverbote zum Kulturkampf stilisiert werden. Und zum Identitätskrieg. Es geht nicht an, dass ideologisch beeinflusste Regelwerke in den jahrhundertelang erprobten Umgang mit leichten und Freude stiftenden Drogen eingreifen, nur weil unterbeschäftigte und überbezahlte Beamte ihr Ego stärken wollen. Und man muss hoffen, dass es weiter Menschen gibt wie den französischen Landwirtschaftsminister, der in Brüssel auf eine erste Diskussion vor etwa zehn Jahren den legendären Spruch fallen ließ: “Bei einem Alkoholverbot treten wir aus der Union aus.” Das war damals ein Schuss vor den Bug. Jetzt, zehn Jahre später, sind in den weinproduzierenden Ländern andere Minister im Amt. Schleimer und Schwitzer. Und deswegen ist nichts unmöglich. Man muss den Widerstand vorbereiten. Noch ist Zeit. Nicht mehr viel.

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