Konjunkturprogramme sind immer nur kurze Strohfeuer. Michael Heise

Trinkwasser darf kein Cocktail aus Pestizidrückständen, Nitrat und Medikamenten sein

Der wachsende Arzneimittelkonsum ist eine Bedrohung für unser Wasser. Jetzt wurden nach Studien im Auftrag des NDR sogar antibiotikaresistente Keime in Bächen, Flüssen und Badeseen entdeckt.

Schon heute kann man an den Gewässerlebewesen die Folgen beobachten – zum Beispiel geringere Reproduktionsraten von Fischen und anderen Wassertieren auf Grund von Antibabypillen-Wirkstoffen im Wasser. Aber: Arzneimittel sind wichtig für unsere Gesundheit, deshalb schwer zu vermeiden.

Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert daher schon länger eine neue Arzneimittelstrategie, die die ökologische Abbaubarkeit von Arzneimitteln bei der Medikamentenentwicklung und zulassung berücksichtigt und das Verursacher und Vorsorgeprinzip verstärkt.

Trinkwasser darf kein Cocktail aus Pestizidrückständen, Nitrat und Medikamenten sein

Immer noch landen zu viele Tierarzneimittel aus der Massentierhaltung in den Gewässern und auch Medikamentenreste gehören nicht in die Toilette. Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr 700.000 Menschen weltweit an Infektionen durch multiresistente Bakterien, gegen die selbst Reserve-Antibiotika nicht mehr wirken. Daher fordert das Umweltbundesamt seit 2013 einen Grenzwert von 100 Nanogramm pro Liter für Tier- und Humanarzneimittel im Grundwasser einzuführen und so den vorsorgenden Wasserschutz zu verbessern.

Doch selbst wenn das passiert, gelangen Medikamente auch nach ordnungsgemäßer Nutzung durch unseren Körper über die Kläranlagen in die Gewässer. Zu 13 Prozent wird Trinkwasser aus Seen, Talsperren oder Flüssen gewonnen. Auch mit neuen Klärstufen kann die Abwasserreinigung nicht alle Spurenstoffe eliminieren.

Dieser Bedrohung kann nur mit ganzheitlichen Maßnahmen entlang der gesamten Erzeugungs- und Verbrauchskette wirksam begegnet werden. Denn das Problem wird aufgrund des absehbaren Anstieges des Medikamentenverbrauches immer größer.

Wir fordern:

1. Entwicklung zielgenauerer und biologisch abbaubarer Medikamente. Das ist eine Aufgabe für die Produzenten und für die Genehmigungsbehörden, die Umweltverträglichkeit zum Prüfkriterium machen müssen. Ohne diesen Punkt helfen alle anderen Maßnahmen nichts, weil man die menschlichen Ausscheidungen, die in der Regel direkt ins Abwasser gehen, nicht in den Griff bekommt.

2. Das Problem betrifft auch die Tiermedizin, Punkt 1 gilt hier entsprechend. Außerdem: Verbesserung des Tierwohls, wie die grüne Bundestagsfraktion seit langem fordert: Tiergerechte Haltung: mehr Platz, mehr Auslauf, Freiland, Licht, Beschäftigung statt Antibiotika.

3. Gezieltere Verschreibung, therapiegerechte Mengen, passgenaue Packungsgrößen um unnötige Mengen und Reste zu vermeiden.

4. Bessere Information über die richtige Entsorgung: in den Hausmüll zum Verbrennen oder zurück zum Apotheker (Rückgabesystem wieder einführen). Nie ins Abwasser. Auch bessere Entsorgung in den Krankenhäusern, wo große Mengen anfallen.

5. Einen Bedarfsatlas, der das regionale Ausmaß der Verunreinigung von Oberflächengewässern mit Belastungen z.B. für Medikamente abbildet. Damit Wasserverunreinigungen nicht durch Medienrecherchen aufgedeckt werden müssen, sondern von den zuständigen Ämtern.

6. Die Bundesregierung muss sich gemeinsam mit Bundesländern, Kommunen, Kläranlagenbetreibern, Herstellern und der Gesundheitswirtschaft an einen Tisch setzen, um ein Konzept zur Vorbeugung und Entfernung von problematischen Stoffen aus unseren Gewässern zu entwickeln. Dazu gehört, die Liste der zu überprüfenden Stoffe zu erweitern, Grenzwerte zu überprüfen, das abgeschaffte Medikamentensammelsystem wieder aufzunehmen und zusätzliche Klärstufen in die Klärwerke einzubauen.

Bisher macht die Bundesregierung zu wenig, um unser Wasser zu schützen. Die Bundestagsfraktion hat 2016 eine entsprechende Strategie mit unserem Antrag „Gewässer vor Medikamentenrückständen schützen“ dem Bundestag vorgelegt, der von CDU/CSU und SPD abgelehnt wurde.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Steffi Lemke, Frank Schäffler, Bündnis 90 Die Grünen.

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