Die einzige Lösung des Nahost-Konflikts ist die Gründung eines palästinensischen Staats. Hassan Nasrallah

In der Mitte der Gesellschaft

Die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten bietet die Chance zum Dialog. Fundamentalistische Strömungen werden mit der Tradition der Aufklärung konfrontiert, der Islam als Ganzes tritt in Diskurs mit westlicher Kultur und Religion. Ein Gewinn für alle Seiten.

Muslime zögern meist, wenn sie hören, dass nun auch an deutschen Universitäten eine islamische Theologie entwickelt werden soll. Warum zögern sie? Dieser Begriff passt nicht ganz in das Wissenschaftsverständnis muslimischer Prägung, das neben Religionslehre auch Geschichte, Rechtswissenschaften und Sprache umfasst. Doch es bringt den Vorteil mit sich, dass sich dieser Begriff nahtlos in die akademische Landschaft der Universitäten einfügen lässt und somit eine Brückenfunktion übernimmt.

Doch wie unterscheiden sich die islamischen Wissenschaften hierzulande von denen in traditionell muslimisch geprägten Ländern? Eine islamische Theologie wird sich auch in ihren wissenschaftlichen Methoden an den benachbarten Disziplinen orientieren müssen. Die islamische Religionspädagogik muss sich beispielsweise methodisch auch auf die vorhandenen Erkenntnisse der christlichen Religionspädagogik einlassen, will sie Lehrerinnen und Lehrer erfolgreich ausbilden.

Der deutsche Islam muss die Freiheit verteidigen

Zentrales Element einer europäischen islamischen Theologie wird zudem immer die freie eigene Meinung des lernenden, lehrenden bzw. forschenden Individuums sein müssen. Islamische Theologie in Deutschland steht zwischen dem Anspruch, einen authentischen Islam zu vermitteln, und dem Bedürfnis, eine freie – jedoch auf dem Glauben beruhende – traditionsorientierte Meinungsbildung zu ermöglichen.

Entgegen der in letzter Zeit vermehrt auftauchenden Kritiken an der Etablierung islamischer Theologie bzw. islamischer Studien an deutschen Hochschulen sind die Muslime mehrheitlich der Meinung, dass daran kein Weg vorbeiführt. Die Kritik von jenen Kreisen, die meinen, dass der "Islam in Europa nichts verloren hätte“, verleugnet die faktische, demografische und politische Realität in westeuropäischen Staaten.

Ein Großteil der heftigen Kritik fußt auf der Wahrnehmung der muslimischen Community als monolithischem Block, dem vorgeworfen wird, sich nicht der sozialen und politischen Realität stellen zu wollen und Errungenschaften der Moderne zu ignorieren. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass es die islamischen Theologen bis heute versäumt hätten, eine "zeitgemäße und textkritische“ Auslegung der islamischen Quellen vorzunehmen oder zuzulassen. De facto handelt es sich hierbei jedoch um Contra-Argumente. Aus diesen Vorwürfen ergibt sich nämlich die Notwendigkeit einer Etablierung islamischer Theologie an deutschen Hochschulen und Universitäten.

Zum einen können die islamischen Gelehrten vermitteln, welchen oft spannungsreichen Diskurs es zwischen den einzelnen theologischen Schulen des Islam gab und gibt. Zum anderen kann in einem für die hiesige Gesellschaft transparenten Diskurs und unter Einbeziehung der besonderen historischen, sozialen und politischen Gegebenheiten der verschiedenen europäischen Staaten und deren Gesellschaften weitergeforscht, -gedacht und -entwickelt werden. Selbst ernannten Islampredigern und Scharfmachern, welche in letzter Zeit – dem Rattenfänger von Hameln vergleichbar – junge Muslime erfolgreich anziehen, kann durch gut ausgebildete islamische Religionspädagogen und Theologen entgegengewirkt werden.

Deutsche Imame für deutsche Probleme

Schließlich können in Europa sozialisierte und ausgebildete Theologen den Bedürfnissen der Muslime in Deutschland viel eher gerecht werden. Sie werden im Regelfall Deutsch sprechen, das Land, seine Geschichte und Kultur kennen und sich auf der Grundlage der eigenen Glaubensüberzeugungen einer kritischen Selbstreflexion stellen: aus einem genuinen Eigeninteresse heraus und nicht, um sich bei der Mehrheitsgesellschaft anzubiedern.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Boris Palmer, Birgit Kelle, Egidius Schwarz.

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