Wir dürfen uns nicht auf Einzelne verlassen. Jeffrey Sachs

In der Gesellschaft von Generationen

Der Generationenvertrag hat sich bewährt und wird auch weiterhin gebraucht. Doch die Vertragsbedingungen müssen sich anpassen, Entscheidungen dürfen nicht zu Lasten der Jungen und der sozialen Sicherungssysteme getroffen werden. Und die Politik muss sich dafür starkmachen, den "Solidaritätsgedanken“ in der Gesellschaft wieder mit Leben zu füllen.

Der Generationenvertrag ist eigentlich ein Gesellschaftsvertrag. Die Idee des Vertrags ist ein verantwortungsvolles und solidarisches Miteinander, in dem es für die Schwächeren die Unterstützung gibt, die sie für ein “gutes” Leben brauchen. Er baut darauf auf, dass die starken Schultern mehr übernehmen: Bei der Rente bedeutet das, dass die jeweils wirtschaftlich aktive Generation den "Alten“ den Ruhestand finanziert. Denn gerade bei der Rente, aber auch im Gesundheitsbereich kann nicht das Recht des Stärkeren gelten.

Ich bin davon überzeugt, dass der Generationenvertrag sich bewährt hat und wir ihn weiterhin brauchen – dies haben gerade auch die vergangenen Monate und Jahre gezeigt. Beobachtet man die Entwicklung der Alterssicherungssysteme in den USA, so wird klar, wohin die völlige Unterwerfung der Pensionen an den Kapitalmarkt geführt hat: In kürzester Zeit sind in der Krise in den USA über zwei Billionen Dollar an kapitalgedeckten Pensionsfonds "verbrannt“. Nicht zuletzt hat unser Rentensystem die Auswirkungen der Krise wegen des umlagefinanzierten Systems und des geltenden Generationenvertrags besser aufgefangen.

Der Generationenvertrag verändert sich

Doch auch wenn es den Generationenvertrag weiter geben wird: Er ist nicht statisch, sondern verändert sich – und muss das auch tun, denn die Vertragsbedingungen haben sich durchaus an manchen Stellen verändert. In der Vergangenheit sind Entscheidungen zu Lasten der jungen Generation und zu Lasten der sozialen Sicherungssysteme getroffen worden, die den Vertrag unter Druck gesetzt haben. Auch die demografische Entwicklung mit dem Rückgang der Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung führen dazu, dass immer weniger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für eine steigende Anzahl von Rentnerinnen und Rentnern aufkommen müssen. Diese Entwicklung spitzt sich immer weiter zu und verlangt nach Antworten. Die langsame Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre ist eine davon – wie ich finde, eine wichtige und richtige.

Ich frage mich, was diejenigen als Alternative vorschlagen, die das Ende des Generationenvertrags herbeireden und mit ihrer Kritik eine Modeerscheinung groß machen, die in einer zunehmend entsolidarisierten Gesellschaft das Ausspielen verschiedener Gruppen befördert: Alt gegen Jung, krank gegen gesund, Arbeitslose gegen Arbeitende.
Dabei zeigt gerade die aktuelle Shell-Studie, dass der Optimismus der Jugend bezogen auf ihre Zukunft zunimmt und Jüngere den demografischen Wandel nicht als Bedrohung erleben. Die Mehrheit der Jugendlichen heute empfindet die Verteilung zwischen Jung und Alt als gerecht – es gibt also keinen Anlass, von einem "Krieg der Generationen“ zu sprechen.

Den Solidaritätsgedanken wieder mit Leben füllen

Die Frage der Generationengerechtigkeit ist immer auch verbunden mit der Frage “Wie wollen wir leben?”. Dafür brauchen wir meiner Meinung nach eine breite öffentliche Debatte – der Bundestag wird diese Debatte um Generationengerechtigkeit und Solidarität in der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ führen. Ziel muss es sein, den “Solidaritätsgedanken” zu erneuern und mit Leben zu füllen. Dann hat auch der Generationenvertrag eine erfolgreiche Zukunft vor sich.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lars Schäfers, Hans Bellstedt, Rainer Nahrendorf.

Leserbriefe

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