Die Macht der Finanzindustrie | The European

Zahlenteufel

Brigitte Young9.01.2014Wirtschaft

Die Finanzindustrie hat es geschafft, der Welt ihre Logik aufzuzwingen. Ihre Macht spiegelt sich nicht in einzelnen Banken, sondern im gesamten System.

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Ralph Orlowski/Getty Images

Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut“, schrieb der Historiker Lord Acton 1887 an Bischof Mandell Creighton mit dem Zusatz: „Große Männer sind fast immer schlechte Männer.“ Diese universelle Einschätzung der Arroganz von Macht aus dem 19. Jahrhundert gilt heute mehr denn je, wenn wir nach den Ursachen der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren fragen.

Viele Wissenschaftler und Medien sehen in der Macht der Finanzindustrie nicht nur den Auslöser der Krise. Vielmehr dienen auch die vom Steuerzahler finanzierten Rettungspakete und ­Garantien für Banken als Beweis dafür, dass die durch ­Finanzakteure erzeugte Krise nicht von der Branche selbst, sondern von unschuldigen ­Bürgern bezahlt wird. Die müssen nun den Gürtel dank der staatlich oktroyierten Maßnahmen zur Konsolidierung des Haushalts enger schnallen.

Politik und Gesellschaft in Geiselhaft

Diese Argumentation leuchtet auf den ersten Blick ein. Aber ob die Krise nur auf das Konto von großen und deshalb tendenziell schlechteren Männern geht – wie dies Lord Acton mutmaßt (Frauen werden weder im 19. Jahrhundert noch in der ­Finanzbranche des 21. Jahrhunderts mit Macht ­assoziiert) – und auch Max Webers Definition von Macht entspricht, ist zu hinterfragen.

Macht ist für Weber eine akteurszentrierte Durchsetzung des eigenen Willens gegen den ­Willen anderer. Mit anderen Worten: Machtausübung bedeutet, wenn ein Akteur, Gruppen oder Institutionen auf andere gegen deren Interessen einwirken. Diese personenbezogene Definition von Macht sagt aber wenig darüber aus, wie ein globales ­Finanzsystem ohne direkte Machtausübung von Finanzakteuren Anreize schaffen konnte, welche die Akkumulation von Privatvermögen in den Vordergrund der globalen Finanztransaktionen stellte.

Um diese nicht personenbezogene Machtkonstellation­ zu erklären, braucht es einen Bezug zur strukturellen­ Macht, wie dies die britische Politökonomin Susan Strange bereits in den 1980er-Jahren propagierte. Sie definiert strukturelle Macht folgendermaßen: Wer auch immer die Fähigkeit hat, die Kommunikationswege eines speziellen Finanzwissens zu definieren und zu kontrollieren, übt damit hegemoniale strukturelle Macht aus.

In der Tat verfügen Finanzmärkte seit der Liberalisierung und Deregulierung der Kapitalmärkte in den 1970er-Jahren über einen starken Einfluss auf die nationale Fiskal- und Geldpolitik, bis hinein in die Lebenswelt normaler Bürger. Deshalb wird von einem paradigmatischen Wandel gesprochen: von einer keynesianischen Produktionsweise hin zu einem finanzdominierten Kapitalismus. Allein die Fähigkeit der Banken, Hedgefonds, Investmentfonds und Versicherungen, jenseits des Staates Kredite zu generieren, erlaubt es diesen Finanzintermediären, neue Finanzinstrumente und Produkte zu kreieren und ohne staatliche Regulierung hohe Summen weltweit um den Globus zu transferieren.

Die Macht der Finanzjongleure

Daraus entsteht eine Rationalisierungsorientierung. Sie zwingt Staaten und Unternehmen, eine Fiskal-, Finanz- und Firmenpolitik zu verfolgen, die in erster Linie auf das Vertrauen ausländischer Investoren und privater Rating-Agenturen baut. Sie wollen so eine Bonitätsbewertung erreichen, die erst den Zugang zu niedrigen Zinsen ermöglicht. Die globalen Veränderungen hin zu einer Vorherrschaft der Finanzmärkte signalisiert, dass es auf der Ebene der Politik, der Unternehmen, der ­Arbeitsmärkte und der privaten Haushalte nur noch schwer möglich ist, der disziplinierenden strukturellen Macht der globalen Kapitalmärkte auszuweichen oder gar sie zu blockieren.

Der Hinweis eines alternativlosen Finanzwesens beruht nicht zuletzt auf der Macht der Finanzjongleure, eine diskursive Hegemonie über Ideen, Normen und Werten zu kreieren, die der Funktionslogik des Finanzkapitals entspricht. Diese Normen- und Werteproduktion findet in exklusiven wissensbasierten transnationalen Netzwerkstrukturen statt und befördert die Herausbildung eines äußerst einseitigen Gruppendenkens. Die Exklusivität dieser Netzwerke liegt darin, dass diese Institutionen eine Rationalität der Wirtschaft vorgeben, die durch die strukturell verankerte institutionelle Macht die globale Wirtschaft steuert.

Trotz Krise versucht die Finanzbranche, die ­Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die von der Finanzindustrie vorgeschlagenen Reform­ideen zur Stabilisierung der Märkte eine plausible und akzeptable Lösung darstellen. Dadurch wird eine Legitimität und Autorität gegenüber ­alternativen Ansätzen erreicht, die weit über den Aspekt des Einflusses hinausgehen.

Wenn nämlich der Finanzkapitalismus als alternativlos dargestellt wird – so wie Margaret Thatcher in den 1980er-Jahren die Wende zum angebotsorientierten Kapitalismus bewusst als alternativlose Idee („There is no alternative“) verpackte –, so werden hier nicht einfach individuelle Interessen der Finanzakteure erzeugt. Vielmehr entstehen so erst diese Interessen.

Um noch einmal auf Lord Acton zurückzukommen: Die absolute Macht der Finanzbranche führt zu einer Arroganz, die verhindert, dass aus der Asche des Phönix ein socially useful financial system überhaupt entstehen könnte.

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