Papst ohne Fortune

Brigitte Haertel19.04.2010Gesellschaft & Kultur

Der Papst ist auf der Suche nach der Liebe der Gläubigen. Denn: Obwohl er seine Versprechen hält – er geht auf Muslime und Juden zu und gegen pädophile Priester vor –, verstehen ihn die Katholiken immer weniger. Sein einziger Trost: Johannes Paul II. erging es auch nicht besser.

So einiges, was dieser Papst tut, aber vor allem nicht tut, gibt Anlass zur Sorge. Doch was die Öffentlichkeit ihm am meisten anlastet: Er ist nicht sein Vorgänger, nicht so kommunikativ, nicht so charismatisch, nicht so medienwirksam. Benedikt XVI. – man glaubt es kaum– ist ein anderer Charakter, er ist schwieriger, zurückhaltender, verkopfter. Seine hohe, etwas schüttere Stimme, das beinahe schüchterne Auftreten eignen sich wenig zum Menschenfang. Nach fünf Jahren eines bisweilen arg holpernden Pontifikats ist die Enttäuschung der Welt groß. Der Umgang der Kirche mit dem seit Monaten anhaltenden, sich scheinbar endlos ausbreitenden Missbrauchskandal verschreckt selbst stramme Katholiken.

Glückloser Papst

Dabei hatte alles so schön begonnen: Angetreten war ein umjubelter Papst mit einer Geste der Versöhnung: Er wollte offene Dialoge führen mit jenen, die nicht so denken wie er, mit der säkularen Welt, den Muslimen, Juden und den nicht katholischen Christen. Verbotstafeln, wie er sie als Chef der Glaubenskongregation jahrelang hochgehalten hatte, sollten auf dem Müll der Geschichte landen. An diese Versprechen hat er sich weitestgehend gehalten, fast alle diese Gruppierungen hat er jedoch mit beispiellosen Ungeschicklichkeiten auf diplomatischem und politischem Parkett verprellt. Diesem Oberhirten mangelt es nicht an gutem Willen, auch nicht an Kompetenz, es ist schlimmer: Benedikt mangelt es an Fortune. Selbst ihm wohlgesinnte deutsche Medien wie “Bild” und die “Welt” zitieren ihn falsch oder aus dem Zusammenhang gerissen. Die ihn umgebenden Kardinäle beraten ihn falsch oder entgleisen selbst wie jüngst Kardinal Sodano, der die Kritik am Verhalten des Vatikans “Geschwätz des Augenblicks” nannte. Für solch beispielloses Fehlverhalten trägt niemand anders die Verantwortung als der Papst selbst. Sein Pontifikat wollte er – der Denker – der Rechristianisierung Europas widmen. Das ist ihm gründlich misslungen. Er hat im Gegenteil viele Christen gegen sich aufgebracht. Nie zuvor hatte ein Regierungschef es gewagt, einen Papst öffentlich zurechtzuweisen (einzig Angela Merkel im Zusammenhang mit der Affäre um den Holocaustleugner Bischof Willamson).

Die Menschen verstehen den Papst nicht mehr

So viel Unglück auf einmal für den Mann auf dem Heiligen Stuhl – da geht fast unter, dass er, als er noch Ratzinger hieß, unerbittlich gegen pädophile Geistliche vorging, wie eben gegen jenen “Father” Murphy aus den USA, der sich an Taubstummen sexuell verging. Nach Kirchenrecht war der Fall verjährt, die Glaubenskongregation Ratzingers trieb die Eröffnung eines Verfahrens gegen Murphy jedoch voran. Auch in seinem Hirtenbrief an die Iren ist Benedikt weiter gegangen als jedes Kirchenoberhaupt vor ihm. Er schrieb: “Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und Reue aus, die wir für alle fühlen.” So ähnlich formulierte er es auch am Sonntag während eines Gesprächs, das er anlässlich seiner Maltareise mit Missbrauchopfern führte. Dennoch: Die Menschen verstehen ihn nicht mehr. Für einen Papst, der nicht auch persönliche Fehler einräumt, ist es schwierig, geistliche und politische Autorität für sich in Anspruch zu nehmen. Das Amt des Pontifex maximus sei nicht dazu da, dass dessen Träger von der Welt geliebt wird, schreibt “Der Spiegel” in seiner Titelgeschichte über ihn. Doch womöglich liegt genau da die Crux: Ein spiritueller Führer muss von seinen Anhängern geliebt werden, es ist genau diese Liebe, die ihn trägt und ihm die Schwere des Amtes ertragen hilft. Benedikts Vorgänger hat das gewusst.

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