Die deutsche Hitler-Phobie

Brendan O'Neill30.03.2014Gesellschaft & Kultur

70 Jahre nach Hitlers Tod wollen deutsche Behörden Hitlers Mein Kampf noch immer verbieten. Sie halten es für zu gefährlich und die Deutschen zu korrumpierbar. Wie bevormundend, wie beleidigend.

Ich finde, wenn es uns mit der Meinungs- und Pressefreiheit ernst ist, müssen wir sie auch auf Leute ausdehnen, die wir hassen und Ideen die wir abstoßend finden. Doch die deutschen Behörden vertreten da eine andere Auffassung. Sie haben über die letzten 70 Jahre ein de facto Publikationsverbot von Mein Kampf verfügt auf der Grundlage, dass dessen Inhalt derart widerlich und hasserfüllt sei, dass er die Gemüter derjenigen, die ihm begegnen, verderben könnte und Deutschland zurück in den Rechtsextremismus treibt.

Eindeutiger Fall von Zensur

Hitlers Ideologie soll unterdrückt werden, doch ich sehe darin eher die Unterdrückung des Rechts des deutschen Volks, unbehindert auf Hitlers Arbeit zuzugreifen und sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Es ist nicht Hitlers Freiheit, die durch die Einschränkungen der Veröffentlichung von Mein Kampf untergraben wird, sondern die der Deutschen.

Einige Leute argumentieren, dass Mein Kampf in Deutschland nicht wirklich verboten sei. Sie verweisen darauf, dass es keine Straftat ist, es zu besitzen oder es sogar in antiquarischen Buchhandlungen zu verkaufen (solange es eine sehr alte Ausgabe ist, die vor 1945 und nicht illegal in den Nachkriegsjahren veröffentlicht wurde).

Aber diese Behauptungen sind unaufrichtig, da es eine Tatsache bleibt, dass sich jeder, der eine Neuauflage von Mein Kampf veröffentlicht und verbreitet, in sehr großen Schwierigkeiten wiederfinden kann. Weil Hitlers offizieller Wohnsitz zum Zeitpunkt seines Todes München war, wurden alle seiner Anwesen, einschließlich des Verlagsrechts für Mein Kampf auf die bayrische Regierung übertragen, als er Selbstmord beging.

Und Bayern hat seitdem mit der Zustimmung der Bundesregierung strikt jegliches Vervielfältigen oder Drucken von Mein Kampf verboten. Es hat auch versucht, sein Verlagsrecht im Ausland durchzusetzen, darauf drängend, dass andere Länder das Buch ebenfalls nicht drucken, was aber durch ausländische Verlagshäuser größtenteils ignoriert wurde.

Was wir hier haben, sind also staatliche Gremien, die das Drucken eines Buches aus politischen Gründen verbieten. Dies ist ein eindeutiger Fall von Zensur. Keine Menge an Gerede darüber, dass es lediglich eine Verlagsrechtsformalie sei, kann die Tatsache kaschieren, dass das Beamtentum in Deutschland ein Buch dazu verurteilt hat, zu widerlich und grotesk für Nachdruck und Verkauf an die Öffentlichkeit zu sein.

Mehr als eine Copyright-Frage

Die strafende Natur von Deutschlands Blockade in der Veröffentlichung von Mein Kampf kann eindeutig in den jüngeren Kontroversen gesehen werden.

Vor ein paar Jahren bat der deutsche Justizminister den amerikanischen Händler Barnes & Noble, den Verkauf von Exemplaren des Buches über seine Internetseite an Einwohner Deutschlands zu stoppen. Ebenso willigte Amazon nach Recherchen des Simon Wiesenthal Zentrums ein, aufzuhören Mein Kampf an Leute mit deutschen Adressen zu vertreiben.

2000 drohten deutsche Behörden der Internetseite Yahoo mit juristischen Mitteln, nachdem diese sagte, dass sie Kopien von Mein Kampf versteigern würde und klar wurde, dass deutsche Staatsbürger an der Auktion teilnehmen können. 2012 plante der britische Verleger Peter McGee 100.000 Exemplare eines Pamphlets namens „The Unreadable Book“ zu veröffentlichen und zu vertreiben, das aus etlichen Textparagrafen aus Mein Kampf bestanden hätte. Aber ein Gericht in München entschied, dass sogar die Veröffentlichung von Zitaten aus Hitlers Buch das bayrische Verlagsrecht verletzte und so machte McGee einen Rückzieher.

Die „New York Times“ beschrieb die Verhinderung von McGees Plänen treffend als der deutschen Behörden „jüngster Sieg in einer anhaltenden Schlacht, den Umlauf von Hitlers einflussreichem Werk zu verhindern.“

Dies ist klar mehr als nur eine Frage des Verlagsrechts. Wenn deutsche Staatsbürger darin gestoppt werden, Bücher online zu bestellen, wenn Verleger daran gehindert werden, Hitler in ihren Pamphleten zu zitieren, dann ist ganz klar etwas tiefgehend Politisches und Strafendes am Werk. Die deutschen Behörden versuchen ihren Staatsbürgern den Zugang zu einem bestimmten Buch vorzuenthalten. Das ist Zensur.

Aber das kann nicht für immer so weitergehen. Nächstes Jahr ist der 70. Todestag Hitlers und in Übereinstimmung mit dem deutschen Verlagsrechtsgesetz bedeutet dies, dass Bayerns Rechte an seinen Werken enden werden und andere veröffentlichen dürfen.

Deutschland muss alle Restriktionen aufheben

Dies und die Tatsache, dass jeder Deutsche das Buch mittlerweile relativ einfach im Internet finden kann, lässt deutsche Behörden wahnsinnig werden. Sie ziehen es in Betracht, die Veröffentlichung einer Version von Mein Kampf mit einer großen Menge darin enthaltender Anmerkungen und Kontextualisierungen zu genehmigen – faktisch eine Warnmeldung – um der potenziell „unverantwortlichen“ Veröffentlichung von unkommentierten Versionen durch andere zuvor zu kommen.

Ich denke, dass es eine Schande ist, dass das Recht der Veröffentlichung und des Verkaufs neuer Versionen von Mein Kampf größtenteils durch Zufall, durch den Lauf der Zeit und die Erosion des Copyrights passiert, obwohl die Freiheit das Buch zu drucken und zu bewerben eigentlich eine wichtige Frage des Prinzips ist. Es ist eine Frage der Meinungsfreiheit. Wenn Deutschland sich selbst als freie und demokratische Gesellschaft betrachtet, muss es alle Restriktionen auf den Druck, den Kauf und den Zugriff auf Mein Kampf aufheben.

Viele glauben, dass die Meinungsfreiheit sich nur auf die Freiheit des Redners, des Autors oder des Verlegers bezieht. Aber es geht um weitaus mehr als das – es gibt auch die Freiheit des Zuhörers, des Lesers und des Publikums. Meinungsfreiheit handelt nicht nur vom Recht der Individuen oder Gruppen zu sprechen – es handelt auch vom das Recht des Rests, zuzuhören und zu beurteilen.

Der große Radikale des 18. Jahrhunderts, Thomas Paine sagte, dass Zensur von veröffentlichtem Material immer mehr ein „Satz über die Gesellschaft (als) über den Autor“ ist, weil er tatsächlich der Öffentlichkeit sagt „sie sollen nicht denken, sie sollen nicht lesen.“

Wie bevormundend, wie beleidigend

Aus dieser Perspektive sollten die Einschränkungen auf Mein Kampf eher als Angriff auf die Autonomie derzeit lebender deutscher Staatsbürger, als auf die Freiheit des lange toten Hitler gesehen werden. Da das Verbot von Mein Kampf auf der Grundlage gerechtfertigt wird, dass sein Inhalt eventuell Instabilität durch Verzerrung und Verdrehung des Verstands der Deutschen erzeugen würde und so die rassistische Einstellung wieder entzündet. Kurz gesagt, den Deutschen sollte der freie Zugang zu dem Buch nicht anvertraut werden. Ihr Verstand sei so formbar und ihre Seelen so korrumpierbar, dass sie offensichtlich Behörden bräuchten, die sie vor einem alten, kranken Buch beschützen.

Wie bevormundend. Wie beleidigend. In Übereinstimmung mit nahezu allen Zensurakten der Geschichte, ist das wahre Ziel der Einschränkungen von Mein Kampf nicht der Autor an sich; es ist die Öffentlichkeit, die moralisch zu unreif beurteilt wird, um in der Lage zu sein, damit umzugehen dieses Buch zu sehen. Ihr Recht zu lesen, zu denken, zu argumentieren, eine unabhängige Ermessensentscheidung zu treffen, ob dieses Buch irgendeinen Wert von Moral hat, wurde verweigert.

Die große und schreckliche Ironie der deutschen Einschränkung des Druckes von Mein Kampf ist, dass sie sich als Kampf gegen Hitler gibt, tatsächlich aber eine von Hitlers widerlichsten Ideen rehabilitiert – namentlich die, dass einige Bücher so unmoralisch sind, dass sie eventuell den Verstand kleiner Leute korrumpieren könnten und deswegen verbannt oder gar verbrannt werden müssen.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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