„Verbot? Komm, Mann! Das ist Berlin!“

Boris Reitschuster25.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Kennen Sie das auch? Dass sie in den Medien etwas lesen, es nicht glauben können – weil sie in der Wirklichkeit etwas ganz anderes erleben.

Kaum war nach Hause gekommen, schickte mir eine Kollegin einen Link auf einen Artikel im Berliner Tagesspiegel. Dort heißt es: „Shutdown in Berlin: Polizei wird sofortiges Öffnungsverbot für Clubs und Kneipen am Samstagabend mit zwei Hundertschaften durchsetzen und ruft dazu auf, die Lokale gar nicht erst aufzusuchen.“

In der Überschrift – und die meisten lesen heutzutage nur noch Überschriften – klang das noch entschlossener: „Polizei setzt Schließung von Clubs und Kneipen durch“. Das wunderte mich sehr, da ich gerade noch an einem offenen Club vorbeigelaufen war. Umso mehr, als auch die Polizei meldet, die Schließungen verliefen problemlos:

Als Journalist gehört Neugierde zu meinem Berufskrankheiten, und so machte ich mich sofort auf zu einer Kneipentour der anderen Art bei mir in Charlottenburg. Das Ergebnis: Von neun Kneipen, Clubs und Bars in meinem Kiez hatten acht offen. Nur an einem einzigen hing ein Schild, dass er wegen Corona geschlossen ist. Auf Nachfrage hieß es in den Lokalen entweder, man wisse nichts von dem Verbot – oder man machte deutlich, dass man es nicht so ernst nimmt. Ein Mitarbeiter lachte nur: „Verbot? Komm, Mann! Das ist Berlin!“ Er zuckte mit den Schultern.

Viele lieben Berlin für diese „Legal? Illegal? Sch..egal“-Einstellung. Gerade bei Linken, Grünen und Alternativen gilt die Stadt deshalb als „sexy“. Etwa, weil hier praktisch vor den Augen der Polizei ungehindert mit Drogen gehandelt werden kann wie im Görlitzer Park. Jetzt, in Zeiten der Krise, könnte sich die Verachtung für Gesetze und Regeln, die sich eingespielt hat, als großes Manko und Sicherheitsrisiko entpuppen. Und damit Leben kosten. Schon vor kurzem habe ich hier berichtet, wie die neuen “Einreisekarten” am Flughafen in Berlin zur Farce wurden – zu Altpapier.

Weniger witzig, aber leider symptomatisch, ist, dass eine der größten Regionalzeitungen wie der Tagesspiegel mit der Überschrift „Polizei setzt Schließung von Clubs und Kneipen durch“ faktisch Fehlinformation verbreitet und die Überforderung der Behörden deckt, statt sie, wie es ihre Aufgabe wäre, aufzudecken. Andere Medien tun es genauso:

Mich erinnert das an einen alten Sowjet-Witz: “Die Regierung tut so, als bezahlte sie uns für unsere Arbeit, und wir tun so, als ob wir arbeiten.” Übersetzt auf heute: “Die Regierung tut so, als tue sie etwas, und wir berichten so, als ob wir daran glauben würden.”

Statt zu recherchieren, attackieren Journalisten von Medien, die eher regierungsnah sind wie die BILD kritische Kollegen. In einem tweet fragt Bild-Vize-Chef Nikolaus Blome gestern: „War ein paar Tage weg: Haben @afd oder @RolandTichy schon rausgehauen, dass #Corona ein Virus aus dem Ausland ist – und alle Opfer in Deutschland folglich „Merkel-Opfer“?“

Auf Blomes Kritik reagierte eine Nutzerin auf twitter so: „Wir machen uns Sorgen, ob unsere alten Nachbarn genug Lebensmittel daheim haben. Dabei fragen wir uns viel zu selten, was mit denen passiert, denen im Elfenbeinturm gerade ihr Koks ausgeht“. Wie und warum auch immer der Bild-Vize-Chef mit seiner Nähe zum Kanzleramt das schreibt – bevor er zu so einer Mischung aus Zynismus und Rufmord greift, sollte er sich als Journalist erst mal informieren. Hier auf reitschuster.de hätte er lesen können, dass tatsächlich auch schon Corona politisch instrumentalisiert wurde – im Bundestag, von einer Grünen, die „Rassismus“ für das Virus verantwortlich machte.

P.S.: Kommentar von Martin Köbler am Samstag Abend: “Komme soeben aus der Torstrasse zurück – alle Kneipen offen – Publikumsverkehr bei gefühlt 30% Prozent- aber der volldoofe Scholz will ja Kredite verteilen – wie soll ich ohne Umsatz zurückzahlen? Du Ministerpfosten?”

Quelle: Boris Reitschuster

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

„Coronabonds führen zu einer Verschuldungslawine, die nichts als Hass und Streit übrig lassen wird“

Der Top-Ökonom und ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn über platzende Geldpolitik-Blasen und mögliche Schuldenschnitte, warum der Euro nicht zu jedem Preis überleben muss und es anstatt Coronabonds aufzulegen sinnvoller wäre Italiens Krankenhäusern Geldgeschenke zu machen.

5 Dinge, die ich seit der Coronakrise mache

Es ist der 1. April, ein Grund genug, mal etwas anderes über die Welt in Zeiten des Coronavirus zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire.

Corona als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Kapitalismus

Weltweit hoffen Antikapitalisten, die Corona-Krise könne endlich das lang ersehnte Ende des Kapitalismus einläuten. Ob in den USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland: Die Argumentation der antikapitalistischen Intellektuellen ist überall gleich. Sie hatten eigentlich schon gehofft, dass

Wer soll das bezahlen?

Der Bundestag hat ein Corona-Hilfspaket von insgesamt 756 Milliarden Euro beschlossen. Um Himmels willen, wer soll das bezahlen? Wieder einmal bestätigt sich der berühmte Satz Bertold Brechts: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.“

Umweltpolitik degenerierte zum „Ökomoralismus

Der langjährige „Welt“-Journalist Ansgar Graw, inzwischen Herausgeber von "The European", stellt in seinem aktuellen Buch die These auf, dass wir zurzeit eine „grüne Hegemonie“ erleben. Dies mag unter anderem an der „medialen Dauerpräsenz grüner Kernanliegen“ liegen. Für die Zeit vo

Sushi-Bar, Ölheizungen und Kernkraftwerke

Die Grünen fordern in der Corona-Krise eine „Pandemiewirtschaft“, Abschalten der Kernkraftwerke, Austauschen von Ölheizungen, Eurobonds und die Aufnahme von „vulnerablen“ Flüchtlingen von den griechischen Inseln.

Mobile Sliding Menu