@Kartoffeln und Kanaken | The European

Es gibt ohne Zweifel Rassismus in der Polizei

Boris Palmer13.07.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Die Rassismus-Studie ist dringend notwendig. Seehofers Weigerung ist ein schwerer Fehler. Wir brauchen Klarheit, fordert Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer.

Teilnehmer einer Demonstration anlässlich der Verkündung des Urteils im Zusammenhang mit dem gewalttätigen Aufmarsch an der Hamburger Elbchaussee beim G20-Gipfel in Hamburg im Jahr 2017 halten ein Banner mit der Aufschrift "Von Minneapolis lernen. Polizei Hamburg auflösen. Rassismus bekämpfen". || Nur für redaktionelle Verwendung, picture alliance/dpa | Daniel Bockwoldt

Ein aktuelles Beispiel: In der Krawallnacht von Stuttgart hat ein Polizist vermutlich auf WhatsApp ziemlich differenziert und zutreffend beschrieben, was sich dort nach Mitternacht zugetragen hat. Er klingt konsterniert, frustriert, keinesfalls extremistisch. Aber er beschreibt die Täter mit „alles Kanaken“. Eindeutig ein Rassist?

Wie wir heute wissen, ist ein großer Teil der Tatverdächtigen als Asylbewerber ins Land gekommen oder hat im Ausland geborene Eltern. Auf den Fotos und Videos sieht man vor allem Personen, die heute People of Color genannt werden. Der Polizist hat also einen abfälligen, nicht passenden Begriff benutzt, aber sachlich korrekt beobachtet und beschrieben.

Wenn der Begriff alleine schon ausreicht für eine Verurteilung, wie ist es dann zu bewerten, dass unter migrantischen Jugendlichen der Begriff „Kartoffeln“ für weiße Deutsche verbreitet ist? Ich werde seit vielen Jahren damit beschimpft, es gibt Aufkleber, die in der Stadt verteilt wurden.

Ist „Kanake“ rassistisch und „Kartoffel“ voll ok?

Statt uns gegenseitig zu beschimpfen, sollten wir lieber die Probleme beider Seiten ernst nehmen. Viele People of Color berichten von häufigen Kontrollen durch die Polizei und diskriminierenden Erfahrungen. Das darf man nicht achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Das ist ein schwer wiegendes Problem. Viele Polizisten berichten aber auch davon, dass People of Color sich Kontrollen zu entziehen versuchen, indem sie grundlos Rassismusvorwürfe heraus schreien und Polizisten beleidigen und attackieren. Das ist ebenfalls ein schwer wiegendes Problem.

In der öffentlichen Debatte wird meistens nur eines dieser beiden Probleme gesehen. Die einen sehen nur Rassismus bei der Polizei. Die anderen nur Straftäter bei den Migranten. Die Fähigkeit, sich in die Position der jeweils anderen zu versetzen, scheint völlig verloren zu gehen. Das wäre aber nötig. Denn die Probleme bedingen sich gegenseitig. Rassismus verstärkt Gegenwehr bei People of Color und Ohnmachtserfahrungen der Polizei gegenüber Respektverlust bei Migranten verstärken Rassismus.

Daher wäre es jetzt richtig, beide Phänomene in einer Studie zu untersuchen. Wieviel Rassismus gibt es in der Polizei und wieviel „Kartoffelrassismus“ müssen die Polizisten ertragen? Nur das gesamte Bild hilft bei der Lösung der Probleme.

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