Hunde, wollt ihr ewig leben?

Boris Hänßler30.10.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Eine Armee hochintelligenter Forscher arbeitet an der Abschaffung des Todes. Ein Arzt aus Pennsylvania stellt nun die Anti-These dazu auf.

Ezekiel Emanuel ist Arzt und Bioethiker an der University of Pennsylvania. Er ist 57 Jahre alt und erfreut sich bester Gesundheit. “Kürzlich schrieb er einen Essay()”:http://www.theatlantic.com/features/archive/2014/09/why-i-hope-to-die-at-75/379329/, in dem er erklärte, dass er mit 75 Jahren hoffentlich sterben werde.

Er schreibt:

bq. Nicht nur der Tod ist ein Verlust, auch ein zu langes Leben. Es schwächt uns, verzehrt uns, wir zerfallen in einen Zustand, der vielleicht nicht schlimmer als der Tod ist, der uns aber unserer Kreativität beraubt – und unserer Fähigkeit, etwas zur Gesellschaft und zur Welt beizutragen. Der Wunsch, möglichst lange zu leben, verändert auch unsere Beziehung zu anderen Menschen und wirkt sich darauf aus, wie sie sich an uns erinnern werden. Sie erinnern sich nicht an unser lebhaftes und engagiertes Selbst, sondern an unser klägliches, vielleicht sogar mitleiderregendes Selbst.

Um es nicht falsch zu verstehen: Emanuel will sich nicht mit 75 sein Leben nehmen. Er will es stattdessen nicht mehr aktiv verlängern. Er geht dann nur noch zum Arzt, wenn es dafür gute Gründe gibt – ein längeres Leben ist jedenfalls keiner. Er lässt keine Vorsorgeuntersuchungen mehr über sich ergehen. Er akzeptiert nur noch palliative Therapien, nicht aber kurative. Die Behandlung soll die Symptome lindern, nicht auf Heilung abzielen. Krebs lässt er nicht mehr behandeln. Weder lässt er sich impfen, noch Antibiotika verabreichen.

Kurzweil und de Grey sind Getriebene

Emanuels Ansichten lesen sich wie ein Schock. Sie kommen in einer Zeit, in denen von einigen Visionären laufend Hoffnungen auf ein längeres, gesünderes Leben geschürt werden. Der Futurist Ray Kurzweil, 66 Jahre alt, prognostiziert zum Beispiel, dass in etwa 15 Jahren mit jedem Jahr die Lebenserwartung um ein Jahr steigen werde. Mehrere Millionen Nanoroboter werden durch unsere Körper rasen und unser Immunsystem erweitern. Irgendwann werden wir so weit mit Maschinen verschmelzen, dass wir sogar ewig leben könnten.

Der britische Bioinformatiker Aubrey de Grey, 51 Jahre alt, hat es sich gar zur Lebensaufgabe gemacht, das menschliche Altern aufzuhalten: „Weil das Altern mit Abstand die häufigste Todesursache ist, zumindest in der entwickelten Welt. Gelingt es uns, diese Bedrohung auszuschalten, werden die Menschen im Schnitt 1.000 Jahre alt. Mindestens.“ Das sagte er gegenüber einem Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“.

Kurzweil und de Grey sind eher getriebene als weise Menschen. Unsterblichkeit – oder ein möglichst langes Leben sind für sie reine Obsession. Die beiden erinnern mich ein wenig an den fiktiven Wissenschaftler Tommy Creo, den Hugh Jackman in Darren Aronofskys Film „The Fountain“ darstellt. Creo widmet seine ganze Lebensenergie dem Kampf gegen den Gehirntumor, unter dem seine Frau leidet. Er ist so besessen von der Suche nach einer Heilung, dass er sich zunehmend von seiner Frau entfremdet. Sie hat sich unterdessen mit ihrer Krankheit abgefunden. Creo kann seine Frau am Ende nicht retten.

Der Film thematisiert auch die Vorstellung der ständigen Wiedergeburt, die letzten Endes aber nur eine Wiederholung der immer gleichen Obsessionen ist. Creo kann sich mit dem Tod seiner Frau erst abfinden, als er seine eigene Sterblichkeit akzeptiert. Im Zen-Buddhismus entspricht dies ungefähr dem „Erwachen“, dem Nirwana. Man könnte sagen, ein Mensch erreicht erst das Nirwana, wenn er einsieht, dass er das Nirwana durch Anstrengungen nicht erreichen kann. Losgelöst von irdischen Sehnsüchten und Obsessionen kann ein Mensch nur im Nirwana „sein“ – er kann es nicht durch Willensanstrengungen herbeirufen.

Befreit von den Ambitionen

Menschen wie Kurzweil und de Grey stecken in ihrem Ehrgeiz fest. Was wäre, wenn sie eine Formel für ein längeres Leben fänden? Was wäre, wenn sie ein gesünderes Leben im Alter führten? Würden sie die Zeit nutzen, den Tod noch weiter weg zu schieben? Ezekiel Emanuel hat sich von diesen Ambitionen befreit. Womit ich nicht sagen möchte, dass seine Entscheidung dem „Erwachen“ des Zen-Buddhismus entspricht. Sie trägt aber dazu bei, die Lebensphasen, die er hat, bewusster zu leben.

Problematisch an Emanuels Ansichten sind die gesellschaftlichen Konsequenzen seiner Aussagen. Er hat seine Entscheidung publik gemacht, um uns zum Nachdenken zu bewegen, doch gleichzeitig inszeniert er sich damit unbewusst als Vorbild. Weil er davon ausgeht, dass sein Leben nur dann lebenswert ist, wenn er etwas zur Gesellschaft beitragen kann – wenn er produktiv ist – wertet er gleichzeitig Menschen ab, die für sich eine andere Entscheidung getroffen haben. Menschen, die nicht mehr produktiv sind, aber ihr Leben trotzdem für lebenswert halten. Mir scheint, dass Emanuel zwischen gesund und produktiv auf der einen Seite und kläglich und krank auf der anderen keinen Platz lässt. Und außerdem: Haben klägliche Menschen kein Recht auf ihr Leben?

Für seine individuelle Entscheidung hat Emanuel indes Respekt verdient. Ich finde sie inspirierend, würde es aber sinnvoller finden, keinen Zeitpunkt wie den 75. Geburtstag festzulegen. Das kommt mir zu theatralisch vor. Ich fände es weiser, um beim Thema der Kolumne zu bleiben, darauf zu vertrauen, den Zeitpunkt zu erkennen, wenn er kommt. Das setzt freilich schon viel Weisheit voraus.

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