Der analoge Kandidat

Bodo Ramelow23.02.2012Gesellschaft & Kultur, Politik

Joachim Gauck ist ein Relikt der analogen Zeit – kein Wunder, dass gerade die Netzgemeinde über seine Nominierung erbost ist. Sieben Gründe gegen den sogenannten Konsenskandidaten.

Nein, Joachim Gauck kann nicht der Bundespräsident meines Herzens sein. “Ich habe an jedem Tag der Woche einen guten Grund, ihm mein Vertrauen nicht zu geben(Link)”:http://theeuropean.de/wolfram-weimer/10091-der-anti-linke-gauck – und keiner davon hat mit seiner früheren Tätigkeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zu tun. Gauck ist jemand, der erstens Thilo Sarrazin als „mutig“ lobt, der zweitens die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan für „gerechtfertigt“ hält, der drittens Hartz IV als „richtig“ bezeichnet und damit Kinderarmut ignoriert, der viertens die Occupy-Bewegung, die gegen die Macht der Finanzmärkte kämpft, als „unsäglich albern“ abqualifiziert, der fünftens Wikileaks das Recht abspricht, Geheimdokumente zu veröffentlichen, aber die anlasslose Speicherung aller Telekommunikations-Verbindungsdaten (“„Vorratsdatenspeicherung“(Link)”:http://theeuropean.de/christian-heller/9926-die-post-privacy-bewegung) beschönigt, der sechstens die Bespitzelung meiner Partei durch den Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz legitimiert und der schließlich siebtens einen Staatsakt für die Opfer des Neonazi-Terrors abgelehnt hatte.

Gerechtigkeit gehört zur Freiheit

Herr Gauck ist für mich deshalb keineswegs der unabhängige „Vermittler zwischen Regierten und Regierenden“, als der er sich selbst stilisiert. Es handelt sich bei ihm viel eher um jemanden, der bei wichtigen gesellschaftspolitischen Debatten sehr einseitig Stellung bezieht und der mit jeder dieser Äußerungen die Gesellschaft weiter spaltet. Zu Recht hat Friedrich Schorlemmer festgestellt, dass zur Freiheit, über die Herr Gauck überzeugend reden könne, aber auch die Gerechtigkeit gehört, und dass ihn manche von Gaucks Äußerungen über die Schwachen der Gesellschaft geradezu empören. Die anderen Bundestagsparteien haben in der Art einer Allparteienkoalition mit ihrem unwürdigen Geschacher außerdem bewiesen, dass sie die Linkspartei, die immerhin bundesweit fünf Millionen Wählerinnen und Wähler politisch repräsentiert und z.B. in Thüringen 2009 mehr als ein Viertel der Wählerstimmen errungen hat, ausgrenzen wollten.

Einen, nicht spalten

Der Kandidat wurde unter aktiver Ausgrenzung nominiert und er persönlich beherrscht die Kunst der Ausgrenzung bedauerlicherweise selbst sehr gut, wie seine Äußerungen zeigen. Dabei spürt er offenbar nicht einmal die Verletzungen, die er damit auslöst. Zudem kann ich mich auch des Eindrucks nicht erwehren, “dass, so wie die Medien Christian Wulff hoch und wieder runter geschrieben haben(Link)”:http://theeuropean.de/malte-lehming/9275-journalisten-hetze-gegen-wulff, jetzt kritische Sichten auf Joachim Gauck eher unerwünscht sind. So ist es vor allem die Netzgemeinde, die sich an seiner Person reibt und mich zu der Feststellung veranlasst: “Joachim Gauck ist ein analoger Kandidat für eine analoge Welt, dem offensichtlich die digitale Welt eine völlig fremde zu sein scheint(Link)”:http://theeuropean.de/park-enno/10086-die-piratenpartei-und-joachim-gauck. Auch deshalb ist er kein Kandidat der Zukunft. Es wäre gut, wenn es neben Herrn Gauck eine Kandidatin oder einen Kandidaten gäbe, die oder der wirklich die gesamte Gesellschaft repräsentieren kann. “Jemand, der eint und nicht spaltet(Link)”:http://theeuropean.de/christian-boehme/10096-bundespraesident-gauck-und-die-linke.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu