Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge. Henry Ford

Der analoge Kandidat

Joachim Gauck ist ein Relikt der analogen Zeit – kein Wunder, dass gerade die Netzgemeinde über seine Nominierung erbost ist. Sieben Gründe gegen den sogenannten Konsenskandidaten.

Nein, Joachim Gauck kann nicht der Bundespräsident meines Herzens sein. Ich habe an jedem Tag der Woche einen guten Grund, ihm mein Vertrauen nicht zu geben – und keiner davon hat mit seiner früheren Tätigkeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zu tun.

Gauck ist jemand, der erstens Thilo Sarrazin als „mutig“ lobt, der zweitens die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan für „gerechtfertigt“ hält, der drittens Hartz IV als „richtig“ bezeichnet und damit Kinderarmut ignoriert, der viertens die Occupy-Bewegung, die gegen die Macht der Finanzmärkte kämpft, als „unsäglich albern“ abqualifiziert, der fünftens Wikileaks das Recht abspricht, Geheimdokumente zu veröffentlichen, aber die anlasslose Speicherung aller Telekommunikations-Verbindungsdaten („Vorratsdatenspeicherung“) beschönigt, der sechstens die Bespitzelung meiner Partei durch den Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz legitimiert und der schließlich siebtens einen Staatsakt für die Opfer des Neonazi-Terrors abgelehnt hatte.

Gerechtigkeit gehört zur Freiheit

Herr Gauck ist für mich deshalb keineswegs der unabhängige „Vermittler zwischen Regierten und Regierenden“, als der er sich selbst stilisiert. Es handelt sich bei ihm viel eher um jemanden, der bei wichtigen gesellschaftspolitischen Debatten sehr einseitig Stellung bezieht und der mit jeder dieser Äußerungen die Gesellschaft weiter spaltet.

Zu Recht hat Friedrich Schorlemmer festgestellt, dass zur Freiheit, über die Herr Gauck überzeugend reden könne, aber auch die Gerechtigkeit gehört, und dass ihn manche von Gaucks Äußerungen über die Schwachen der Gesellschaft geradezu empören.

Die anderen Bundestagsparteien haben in der Art einer Allparteienkoalition mit ihrem unwürdigen Geschacher außerdem bewiesen, dass sie die Linkspartei, die immerhin bundesweit fünf Millionen Wählerinnen und Wähler politisch repräsentiert und z.B. in Thüringen 2009 mehr als ein Viertel der Wählerstimmen errungen hat, ausgrenzen wollten.

Einen, nicht spalten

Der Kandidat wurde unter aktiver Ausgrenzung nominiert und er persönlich beherrscht die Kunst der Ausgrenzung bedauerlicherweise selbst sehr gut, wie seine Äußerungen zeigen. Dabei spürt er offenbar nicht einmal die Verletzungen, die er damit auslöst.

Zudem kann ich mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass, so wie die Medien Christian Wulff hoch und wieder runter geschrieben haben, jetzt kritische Sichten auf Joachim Gauck eher unerwünscht sind. So ist es vor allem die Netzgemeinde, die sich an seiner Person reibt und mich zu der Feststellung veranlasst: Joachim Gauck ist ein analoger Kandidat für eine analoge Welt, dem offensichtlich die digitale Welt eine völlig fremde zu sein scheint. Auch deshalb ist er kein Kandidat der Zukunft.

Es wäre gut, wenn es neben Herrn Gauck eine Kandidatin oder einen Kandidaten gäbe, die oder der wirklich die gesamte Gesellschaft repräsentieren kann. Jemand, der eint und nicht spaltet.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Joachim Gauck, Joachim Gauck, Robert Pausch.

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