In Armut gealtert

Bodo Herzog2.03.2012Wirtschaft

Deutschland muss mehr Geld in Bildung investieren, ansonsten werden wir unser Wohlstandsniveau nicht halten können. Übertriebene Ängste sind angesichts des demografischen Wandels jedoch genauso fehl am Platz wie die übertriebene Rhetorik vom Exportweltmeister.

Vor vier Jahren noch hat Angela Merkel verkündet, dass die finanzielle Unterstützung von Bildung und Forschung ihr zentrales Anliegen für die kommende Legislaturperiode sei. Explizit forderte sie die „Bildungsrepublik“. In der Tat ist das Thema wichtig – der internationale Wettbewerb nimmt zu, der demografische Wandel schreitet voran, Deutschland hat außer Humankapital keine anderen natürlichen Ressourcen. Wenn wir Wohlstand und den hohen Lebensstandard aufrechterhalten wollen, brauchen wir Bildung für alle. Doch wie sieht die Realität nach vier Jahren aus?

Der demografische Wandel ist Deutschlands größte Herausforderung

Merkels Worte erinnern mich an den Lissabon-Prozess der EU. Damit sollte Europa zum attraktivsten Wirtschafts- und Wissensraum der Welt werden, mit nachhaltigem Wachstum, besseren Jobs und wachsendem sozialen Zusammenhalt. Die Erfolge in Deutschland und Europa sind vernachlässigbar. Der demografische Wandel ist weiterhin die größte Herausforderung für Deutschland und andere Industrienationen. Die Weltbevölkerung wächst rasant: Es hat 250.000 Jahre gedauert, die Milliardengrenze zu überschreiten. Noch 2000 Jahre später – im Jahr 1927 – hatte sich die Weltbevölkerung auf zwei Milliarden verdoppelt. Achtzig Jahre später sind wir bei sieben Milliarden angelangt. Laut Schätzungen der UN könnten 2050 bis zu 9,3 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Zum Glück sieht es so aus, als ob sich der Bevölkerungszuwachs verlangsamt. Der Wachstumsgipfel war laut UN-Schätzungen in den späten 1960ern erreicht. Momentan lebt etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in Ländern mit einer Geburtenrate von weniger als 2,1. Auch Deutschland und die meisten europäischen Länder zählen dazu. Es gibt viele Hinweise darauf, dass ein Großteil des Wohlstandszuwachses der letzten 50 Jahre von der sogenannten „demografischen Dividende“ getragen wurde – die phänomenalen Wachstumsraten in China und Indien lassen sich so erklären. Eine Studie der australischen Zentralbank hat errechnet, dass ein Drittel des ostasiatischen BIP-Wachstums zwischen 1965 und 1990 aufgrund der günstigen Demografie zustande kam. Auch ein Drittel des amerikanischen BIP-Wachstums zwischen 2000 und 2010 kann so erklärt werden. Was kann Deutschland also unternehmen?

Das deutsche Bildungssystem ist nicht wettbewerbsfähig

Die einfache Antwort: Mehr Geld für Forschung und Bildung – genau wie Frau Merkel es 2008 angekündigt hat. Im vergangenen Jahr belief sich der entsprechende Etat auf 8,9 Prozent des Bundeshaushalts. Deutschland liegt damit unter dem OECD-Durchschnitt. Zwar ist das Bildungsbudget in den vergangenen Jahren gewachsen, doch die Zahl der Studenten stieg durch die verkürzte Oberstufe und den Wegfall von Wehr- und Zivildienst noch stärker an. Dieser Effekt ist temporär. Doch selbst wenn wir diesen Faktor herausrechnen, ist das deutsche Bildungssystem international nicht wettbewerbsfähig. Deutsche Universitäten haben es daher extrem schwer, internationale Professoren anzulocken und damit neue Perspektiven und externes Wissen einzuführen. Auch die Einstiegsgehälter sind der Bedeutung des Bildungssektors nicht angemessen. Die Konsequenz dieser Situation war in den vergangenen Jahren der viel beschworene _brain drain_. Trotzdem zeigt die aktuelle Krise, dass Europas Politiker aus ihren Fehlern lernen können – besser spät als nie. Die Lektion ist, dass Demografie und Produktivität sich parallel entwickeln: je geringer der Anteil junger Menschen, desto geringer die Produktivität. Das wiederum hat Einfluss auf das Wirtschaftswachstum und den künftigen Lebensstandard. Die einzige Möglichkeit, diesen Prozess umzukehren oder zumindest aufzuhalten, ist, sich mehr auf die Bildung zu konzentrieren. Eine gute Ausbildung erlaubt es uns, länger produktiv zu bleiben und den demografischen Effekt zu kompensieren. Und nur so lässt sich unsere Lebensqualität aufrechterhalten. Die Finanz- und Schuldenkrise ist nur ein Katalysator dieser Prozesse. Wenn China und Indien in den kommenden zehn Jahren eine ähnliche Krise vermeiden können, werden sie wohl zu den größten Volkswirtschaften der Welt werden. Doch solange Europa ein Innovationsstandort bleibt, gibt es Hoffnung. Entgegen manchen Prognosen zeichnet sich ab, dass das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer mit der Zeit abnehmen wird, sobald sie ein bestimmtes Wohlstandsniveau erreichen. China und Indien bekommen das gleiche Problem: Je gebildeter und reicher die Menschen, desto eher verändert sich die Alterspyramide. Und Deutschland? Unser Pessimismus ist wahrscheinlich genauso unberechtigt wie die optimistische „Exportweltmeister“-Rhetorik. Europas Industrie und Deutschlands Produktqualität können nicht einfach kopiert werden – darauf fußt unsere starke Position in der Welt. Doch damit das auch so bleibt, muss mehr Geld in Bildung und Forschung – und vor allem in den Universitätssektor – gepumpt werden. Wenn der demografische Wandel einfacher zu lösen wäre, hätten andere Länder Deutschland bereits überholt.

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