Angst essen Leben

von Bjørn Lomborg18.01.2014Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Sind Sie sicher, dass Ihr Bett 100 Prozent sicher ist? Die EU meint, Sie sollten Angst haben.

Etwas zutiefst Problematisches ist mit dem Umweltdialog geschehen. Etwas, das die EU und möglicherweise den Rest der Welt in den Bereichen Lebensmittelsicherheit, Wohlstand und Gesundheit teuer zu stehen kommen könnte. Es handelt sich um den zunehmenden Missbrauch des Vorsorgeprinzips. Von einem klugen und simplen Konzept hat es sich in einen destruktiven Vorschlaghammer verwandelt.

Die Originalversion des Vorsorgeprinzips der Rio-Konferenz lautet grob: Sollten ernsthafte Gefahren drohen, ist es nicht nötig, auf vollständige Informationen zu warten, um kosteneffiziente Handlungen zu verhindern. Das ist clever und letztlich das, was wir täglich tun. Wenn etwas gefährlich scheint, warten wir nicht, “bis wir sämtliche Informationen gesammelt haben”:http://www.unep.org/Documents.multilingual/Default.asp?DocumentID=78&ArticleID=1163, bevor wir handeln.

Wenn unsere Kinder eine stark befahrene Straße überqueren wollen, um sich ein Eis beim Eismann zu kaufen, warten wir mit dem Verbot nicht, bis uns eine exakte Analyse des Verkehrs und eine Unfallrisikoberechnung vorliegen. Wir schätzen die Situation schnell ein und bei zu starkem Verkehr schicken wir sie bis zum nächsten Zebrastreifen, auch wenn sie dagegen protestieren.

Supermarkt? Zu riskant!

Aber seit Rio wurde das Vorsorgeprinzip zunehmend missbraucht und als Waffe eingesetzt. Heutzutage wird es dazu verwendet, Handlungen zu unterbinden, bis bewiesen werden kann, dass sie keine Gefahren mit sich bringen (schuldig bis zum Beweis der Unschuld). Das Problem dabei ist, dass so ziemlich nie bewiesen werden kann, dass etwas ungefährlich ist.

Was, wenn kein Auto auf der Straße zu sehen ist? Ein besonders schnelles Auto könnte die Kinder trotzdem umfahren. Schickt man sie also zum nächsten Zebrastreifen? Immer noch gefährlich. Schließlich sind 2010 in den USA mehr als 800 Fußgänger beim “Überqueren von Zebrastreifen umgekommen”:http://www.cnn.com/2012/08/06/travel/pedestrian-fatalities. Mit dem missbrauchten Vorsorgeprinzip kann das Überqueren einer Straße zum unerträglichen Risiko stilisiert werden.

So ein Vorgehen widerspricht ganz einfach unserem Handeln, bei dem wir Nutzen abschätzen, sei er noch so trivial, und gegen ernst zu nehmende aber dennoch unwahrscheinliche Risiken abwägen. Das fängt beim Essen an (hört da aber noch lange nicht auf): Was tun, wenn wir hungrig sind? Zum Supermarkt gehen, ist ebenfalls riskant – kann das befürwortet werden?

Ein unmögliches Unterfangen

Das erfundene Vorsorgeprinzip ist in sich widersprüchlich. Es suggeriert, nur sichere Handlungen unternehmen zu können. Da aber nichts vollkommen sicher ist, erhält man je nach Fragestellung unterschiedliche Ergebnisse. Wenn man unter seiner Decke liegt und fragt: „Kann ich beweisen, dass es sicher ist, hier zu bleiben?“, müsste die Antwort „Nein“ sein. Schließlich würde man anfangen, zu hungern, was nicht gerade ungefährlich ist. Somit ist beides – zum Supermarkt gehen und zu Hause bleiben – dank dieser Interpretation des Prinzips verboten. Zu gefährlich.

Das Problem ist also, dass das Vorsorgeprinzip ausgezeichnet als politischer Vorschlaghammer dient – man kann damit alles verdammen –, aber gesellschaftlich unzumutbar ist. Wir müssen Risiken und Nutzen abwägen, anstatt pauschal Verordnungen in den Kategorien gefährlich und ungefährlich zu erlassen.

Das aber ist, was in der EU im Umgang mit dem geschieht, was wir als endokrin wirksame Stoffe kennen. Diese führen zu einer verminderten Spermienproduktion, der Veränderungen des Hormonhaushaltes von Frauen und der Zunahme bestimmter Krebsformen. Das klingt beängstigend und wir sollten in jedem Fall vorsichtig damit umgehen. Aber: Wir werden auf einmal dazu aufgefordert, jegliche künstlich hergestellte Chemikalie zu verwerfen, sollten wir nicht dazu in der Lage sein, ihre Ungefährlichkeit zu beweisen – ein unmögliches Unterfangen.

Kaffee ist sehr viel krebserregender

Während jährlich 1,3 Millionen Menschen “bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen”:http://www.healthmetricsandevaluation.org/gbd/visualizations/gbd-uncertainty-visualization, verbieten wir dennoch keinen Verkehr. Wir bemühen uns darum, Straßen durch kostspielige Technologien, Maßnahmen und bessere Autos sicherer zu gestalten.

Gleichermaßen müssen wir die Risiken und den Nutzen von Chemikalien abwägen. Das ist nicht leicht, denn wir sind darauf getrimmt, vor künstlich hergestellten Stoffen Angst zu haben. Und das, obwohl der Gehalt an Toxinen in natürlichen Chemikalien meist sehr viel höher ist. Wissenschaftler haben bewiesen, dass die Toxine in einer Tasse Kaffee sehr viel krebserregender sind als die Pestizid-Überreste, “die wir in einem Jahr durch Obst und Gemüse konsumieren”:http://reason.com/archives/1994/11/01/of-mice-and-men.

Auch Koffein hat endokrin wirksame Eigenschaften. Das gilt auch für Soja, welches mit endokrin aktiven Phytoöstrogenen namens Isoflavone vollgestopft ist. Soja wird unserem Essen immer häufiger beigefügt. Würde man ein Kleinkind ausschließlich mit Sojamilch ernähren, hätte dies ein vergleichbar endokrines Potenzial wie ein täglicher Konsum von fünf Antibabypillen. Kichererbsen, Aprikosen, Bohnen und alles mit Vitamin C hat einen höheren Anteil an endokrin wirksamen Stoffen “als jegliche künstlich hergestellte Chemikalie”:http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1519094/.

Trotzdem verbieten wir keine Früchte und kein Gemüse, weil wir wissen, dass sie gleichzeitig unglaublich nützlich sind. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich fast fünf Millionen Menschen sterben, “weil sie nicht genügend Früchte verzehren”:http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(12)61766-8/abstract.

Abnehmender Konsum von Obst und Gemüse

Wenn das Vorsorgeprinzip als Waffe gegen Pestizide und nicht gegen natürliche Speisen angewandt würde, hätte dies Konsequenzen.
Die Vorsichtsmaßnahmen der EU werden zu einer deutlich geringeren Auswahl an Pestiziden führen, die Pilze, Unkraut und Schädlinge bekämpfen. Die Produktion wird sinken und die Preise werden steigen. Die logische Konsequenz ist ein abnehmender Konsum von Obst und Gemüse in der EU, der wiederum zu Tausenden zusätzlichen Krebstoten führen könnte. Darüber hinaus wird Europa zunehmend von anderen Regionen, die es versorgen können, abhängig werden.

Der Pilz Septoria-Blattdürre ist einer der gefährlichsten Schädlinge von Weizen. Ohne Behandlung hat er das Potenzial, die Getreideproduktion “um 30 bis 35 Prozent zu minimieren”:http://www.apsnet.org/edcenter/intropp/lessons/fungi/ascomycetes/Pages/Septoria.aspx. Dennoch werden die vorsorglichen Beschlüsse der EU 80 Prozent aller am Markt erhältlichen Fungizide verbieten. Inklusive der wichtigsten Produkte, die uns vor Septoria schützen. Ähnliches gilt für den Schutz von Getreide.

Können wir beweisen, dass diese Produkte vollkommen ungefährlich sind? Nein, aber die Gefahren sind deutlich geringer, als Kaffee zu trinken oder Soja zu essen. Und wir können definitiv beweisen, dass diese Vorsichtsmaßnahmen gefährlich sind. Sie werden höhere Lebensmittelpreise, mehr Hungersnöte in Entwicklungsländern, weniger Obst- und Gemüsekonsum in der EU und somit höhere Krebstote zur Folge haben. Gleichzeitig bedeuten höhere Preise eine geringere Bio-Diversität, bedingt durch die Notwendigkeit, Wälder und Naturschutzgebiete als Agrarflächen zu verwenden.

Logisches Abwägen von Vor- und Nachteilen

Viele Wissenschaftler sprechen sich mittlerweile gegen den Missbrauch des Vorsorgeprinzips aus. 81 der führenden Toxikologen haben kürzlich einen “Brief an den wissenschaftlichen Chefberater der EU unterzeichnet”:http://www.umwelttoxikologie.uni-konstanz.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&file=fileadmin/biologie/ag-dietrich/Letter_to_Prof_Glover_180613DRD.pdf. In diesem bringen sie ihre Bedenken über das Fehlen angemessener, wissenschaftlicher Verfahren bei der Bewertung von endokrinen Substanzen zum Ausdruck.

Unglücklicherweise verfolgt die EU nicht nur eine Agenda, bei der der Missbrauch des Vorsorgeprinzips mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr viel mehr Übel als Gutes verursachen wird. Sie fordert außerdem andere Länder dazu auf, ein ähnliches Vorgehen anzunehmen. Die EU drängt mit diesen Forderungen bei Verhandlungen zum Handel und internationaler Abkommen. Auch hier ist davon auszugehen, dass die Kosten den Nutzen weit übertreffen werden.

Wir müssen für rationale Entscheidungen aufstehen, wenn es um unsere Gesundheit und unsere Umwelt geht. Wir müssen auf eine angemessene Risikobewertung durch ein logisches Abwägen von Vor- und Nachteilen bestehen. So, wie wir es tun, wenn unsere Kinder Eis vom Eismann auf der anderen Straßenseite wollen.

_Übersetzung aus dem Englischen._

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